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Wasserversorgung

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Wasserversorgung der Gemeinde Lohra


Brunnen, Brünnchen, feuchte Stellen in Lohra

Ohne Zweifel gehörten die Dorfbrunnen, wie überhaupt alle öffentlich zugänglichen Brunnen und Wasserstellen, zu den meistgehüteten und -beachteten Einrichtungen eines Dorfes. Wasser war im Dorf, in gut erreichbarer Nähe und in ausreichender Menge vorhanden, lebensnotwendig. Die Brunnen genossen einen besonderen Schutz und eine besondere Pflege.

Willkürliche Verunreinigungen des Wassers wurden ebenso verurteilt und auch öffentlich gerügt wie eine unpflegliche Behandlung des Brunnenumfeldes. Es fällt uns sehr schwer, im Zeitalter einer modernen, elektronisch gesteuerten und überwachten Trinkwasseranlage an Brunnen und Brünnchen zu denken, die unsere Vorfahren mit ebenso gutem und kühlem Wasser versorgten.

Es war natürlich verständlich und auch erstrebenswert, einen eigenen Brunnen am Haus oder im Hof zu haben. Viele von uns sprechen noch gerne und mit besten Erinnerungen von »ihrem Brunnen«, der vor allen Dingen an heißen Sommertagen Mensch und Tier mit kühlem Wasser versorgte.

Ein besonders oft erwähnter und der Öffentlichkeit zugänglicher Gemeindebrunnen war und ist wieder der Brunnen beim »oberen Backhaus« oder der Brunnen »bei Hornshaus«. Lange Zeit war er verschwunden, und es war still um ihn geworden.

Der Bau der Wasserleitung und die Inbetriebnahme von Hochbehältern und Pumpen im Jahr 1957 hatten ihn überholt, und es blieb den Planem und Vorbereitern der Dorferneuerung im Jahre 1996 vorbehalten, ihn wieder in den Blickpunkt unseres Dorfes zu rücken. Mit dem nötigen technischen »Know-how« sorgten die Männer des Gemeindebauhofes dafür, dass am 3. August der gusseiserne Schwengel wieder Wasser vom Lindenplatz zu Tage förderte. Sein Ursprung oder seine Entstehung wird für uns wohl immer im Dunkeln der Dorfvergangenheit verborgen bleiben. Aber seine Lage, fast im Zentrum des alten historischen Ortskerns, der begrenzt wird vom Wall in der Wallgasse, vom oberen Hollersgraben, den Gebäuden der »Caplanei«, der Kirche, Schepps Haus, der Pfarrei, dem Steilabhang zum Kirbach und dem Bollerberg, lassen eine sehr frühe Nutzung des Wasserspenders vermuten.

Ein freier, direkter und sicherer Zugang zum Wasserspender war unseren Altvorderen genau so wichtig wie ein Schutz und eine Sicherung von Haus und Hof vor unerlaubten Anfeindungen. Den ersten Hinweis auf den Brunnen finden wir im Ortsplan von 1803. Hier ist der Brunnen als deutlich markierte Stelle oberhalb des Backhauses zu erkennen. 1863 unternimmt der »Gemeinderath« von Lohra eine Besichtigung des Brunnens, um sich über dessen Zustand zu informieren. Und 1885 ermächtigt der Bürgermeister Schorge den Gemeinderechner Keller, dem Schreiner Johann Wagner für die Anfertigung eines neuen Deckels auf dem Gemeindebrunnen »laut Akkord« 7 Mark aus der Gemeindekasse zu zahlen.

Diese Hinweise, die den damaligen Gemeindeprotokollen entnommen sind, bestätigen die Bedeutung des Brunnens für die Bewohner des oberen Dorfes und hier besonders die des Lindenplatzes. Die ältesten Anwohner kennen den Brunnen noch als offenen Schöpfbrunnen mit einem Durchmesser von circa 1,50 m. Eine fast einen Meter hohe Ummauerung, die durch einen Holzdeckel abgedeckt war, sicherte den Brunnenschacht und verhinderte, dass große oder kleine, zweibeinige oder vierbeinige Wasserholer zu Schaden kamen. An der Seite der Mauer war ein Brunnenhaken befestigt, der, mit einer langen Stange verbunden, ein sicheres Wasserschöpfen ermöglichte. Die später angebrachte gusseiserne Schwengelpumpe brachte eine weitere Erleichterung. Mussten doch auch Kinder, manchmal sogar mehrmals am Tage, den Trink- und Waschwasservorrat im Hause ergänzen.

Gegen Ende des 19. Jh. wurden in vielen benachbarten Häusern und Gehöften eigene Brunnen gegraben und als offene Schöpfbrunnen oder mit einer Pumpe versehen zur hauseigenen Wasserversorgung benutzt. Es waren vor allen Dingen der Hollersgraben und der Kirbach, die, in Nord-Süd-Richtung fließend, in die Salzböde einmünden, die in den anliegenden Gehöften und Häusern die Anlage von sehr ergiebigen Brunnen ermöglichten. Die wasserführenden Schichten, die zwischen den unten liegenden Diabasgesteinen und den überdeckenden Kalk- und Sandsteinvorkommen im Dorfbereich in erreichbarer Tiefe vorhanden sind, sorgten für eine gleichmäßige Ergiebigkeit.

Nach dem Bau der Gemeindewasserleitung in den Jahren 1956 und 1957 wurden viele Brunnen wieder stillgelegt und zugedeckt. Aber die meisten Hauseigentümer wissen heute noch, wo und wie »ihr« Brunnen einmal gewesen ist. So erinnern sich Schorges (Petersch), Schlienbeckers (Hoischde), Schäfers (Henrichs), Kuhls (Feldes), Gauls (Reize), Hallenbergers (Seiberts) und Arnolds (Buffs) noch gut an den so wichtigen Wasserspender in ihrem Haus. Sie erinnern sich an Jahreszeiten mit viel und mit wenig und gutem und weniger gutem Wasser.

Das Wasser im Dorfbrunnen war sicher von ausgezeichneter Güte, denn der in der Nachbarschaft wohnende Getränkehersteller Bondzio verbrauchte es regelmäßig zur Herstellung seiner ausgezeichneten Schnäpse, und »Bondzios Feinbitter« wird manchem Wasserholer noch in guter Erinnerung sein.

Das Wasser im Pfarrhaus, also bei Peannersch, soll nicht so gut gewesen sein. Das benötigte Trinkwasser wurde über lange Zeit bei Hetche (Zwirts) geholt und in einen Wasserbottich in den Hausflur des Pfarrhauses getragen. Diese Arbeit, die früher von einem Knecht des Pfarrhauses besorgt wurde, gehörte auch für eine lange Zeit zu den Aufgaben der Konfirmanden.

Ein besonders aufmüpfiger Eleve, dem diese Schlepperei zu Leide war, wurde von einer Nachbarin belehrt: »Du musst so lange Wasser tragen, bis du dir deinen Konfirmandenanzug verdient hast, und wenn du erst Peanner bist, dann hat die Wasserschlepperei ein Ende.« 

Auch gab es Zeiten, zu denen das Wasserholen nicht gerne gesehen wurde, so zum Beispiel während der »Kirche«, also während des Gottesdienstes. Auch den Wöchnerinnen wurde angeraten, vor ihrem ersten Kirchgang kein Wasser vom Brunnen zu holen.

Der alte Brunnen hatte natürlich auch seine Kritiker, die mit Untersuchungen, Analysen und Gutachten dem Wasser partout einen unangenehmen Beigeschmack geben wollten. Als die Notwendigkeit des Baues einer neuen Wasserleitung gehörig begründet werden sollte, geschah dieses mit folgenden Worten: »...um es noch einmal klar und unmissverständlich auszudrücken, sei gesagt, dass das aus dem Dorfbrunnen in Lohra geförderte Wasser nichts anders als mit Grundwasser vermischte Jauche darstellt.« 

Heute ziert den Brunnen wieder die alte Schwengelpumpe, die von einem Fachmann des Gemeindebauhofes in mühevoller Arbeit wieder in ihren ursprünglichen Zustand und zu ihrem früheren Aussehen gebracht wurde. Abgedeckt ist der Brunnenschacht mit einer 15 cm dicken und sicheren Betonplatte. Bei den Renovierungsarbeiten wurde eine Brunnentiefe von 5,30 m gemessen; der Durchmesser beträgt 1,60 m. Der Wasserstand wurde bei 3,40 m vorgefunden, der nach völligem Abpumpen nach 24 Stunden wieder erreicht war. Es ergibt sich hiermit ein Wasservorrat von 6,80 cbm, der von der Quelle (oder mehreren) mit 283 Litern in der Stunde wieder aufgefüllt wird.

Interessant war auch das Vorfinden von drei Rohranschlüssen im unteren Bereich des Brunnenschachtes, wovon einer in Richtung von »Buffs Haus« zeigte und einer an der Seite zur Wallgasse angebracht war. Ein weiterer Rohranschluss mit einem Absperrventil dürfte der Anfang der privaten Wasserleitung sein, die von diesem Brunnen gespeist wurde und ihren Weg über Bruchs, Märtes, Wiese, Hannsams Hof, Hoischdebruchs und Frisörsch zum damaligen Bürgermeister Rau (Gruhne) nahm.

Die alte Pumpe hat wieder ihren Platz eingenommen, der ihr zusteht. Sie ist dadurch wieder in unser Bewusstsein gekommen und ein Teil unseres dörflichen Lebens geworden. Und wenn wir in Zukunft ab und zu bei ihr stehen bleiben, so sollten wir auch daran denken, dass die meisten Errungenschaften unserer Zeit, die unseren Tagesablauf so einfach, so sicher und mühelos machen, ihren Ursprung im Wissen, im Können und in den Fähigkeiten unserer Vorfahren haben. 37)

Weitere Brunnen im Dorfbereich

Der Brunnen zwischen dem Anwesen Herrmann und Schlienbecker/Rink wurde von den Anwohnern des hinteren Kirbaches genutzt. Seine Anlage befand sich zwischen den beiden Wohnhäusern und dürfte heute durch den Bürgersteig überdeckt sein.

Schon 1935 war er mit einer Schwengelpumpe versehen, und bereits 1863 war er auch Gegenstand einer Ortsbesichtigung durch den »Gemeinderath«. Trotz seiner geringen Tiefe von 3 bis 4 Meter war er sehr ergiebig und das Wasser kühl und von ausgezeichneter Trinkqualität. Der Boden des Schachtes war mit dicken Steinen ausgelegt und musste jährlich einmal ausgeschöpft und gesäubert werden.

Ein weiterer Brunnen im Kirbach war in der Einfahrt des Anwesens Lühs (jetzt Fuchs) angelegt gewesen. Der Standort wurde später beim Bau des Lühs'schen Ladens überdeckt. Er war mit einer Schrägabdeckung aus dicken Eichenbohlen geschützt, und die Tür soll so schwer gewesen sein, dass ein unerwünschtes Öffnen durch spielende Kinder nicht möglich gewesen war.

Bekannt war auch der Brunnen im Hollersgraben, dem Wohnhaus Barth (Mienes) gegenüber. Die Anlieger des oberen Hollersgrabens und des unteren Steinwegs berichten noch heute vom guten Wasser.

Der Brunnen zwischen Blatt (Ellwirts) und Strumpf (Dennaeckersch) kann im gleichen Zusammenhang gesehen werden.

Der untere Hollersgraben holte sein Wasser beim Brunnen zwischen Meurer (Schnaeresch) und Simon (Baldersch). Auch er war mit einer Schrägabdeckung geschützt, und das Wasser wurde mit Eimern am Haken geschöpft.

Es war aber nicht nur das lebensnotwendige Wasser, das hier geschöpft, verteilt und heimgetragen wurde, sondern der Weg zum Brunnen wurde ebenso gerne als dörfliche Informationsmöglichkeit genutzt. Wieviel erfreuliche, aber auch traurige Nachrichten mögen auf diesem Wege ihren Gang in die Nachbarhäuser angetreten haben; eine Kommunikationsmöglichkeit, die uns heute völlig verloren gegangen ist. 37)

Bau der Wasserleitung 1956/57 in Lohra

Schon 1930 befaßte man sich mit dem Bau einer Ortswasserleitung. Die Baupläne kamen jedoch nie zur Verwirklichung. Im Rahmen der Vorbereitungen für den unseligen Krieg 1939-1945 wurden in dem Raum Allendorf (jetzt Stadt Allendorf) — Niederklein — Langenstein Munitionsfabriken und -lager erstellt, die wohl dort ihren Standort durch das Vorhandensein eines unerschöpflichen Grundwasservorkommens bekommen hatten.

Nach dem Krieg war es durch die Initiative des damaligen Mitglieds des Kreistages und späterem Minister im Lande Hessen, Heinrich Schneider, möglich, einen Teil der Anlagen für Industrie-Ansiedlung zu verwenden und insbesondere das Wasser-Vorkommen für nützliche Zwecke, d. h. für die Wasserversorgung des Mittelhessischen Raumes nutzbar zu machen.

Im Landkreis Marburg schlossen sich insgesamt 66 Gemeinden der Wasserversorgungsanlage an. In Lohra, wo noch viele Privatbrunnen und 4 Gemeindebrunnen existierten, beschäftigte man sich 1955 mit dem Problem des Anschlusses an die Fernwasserleitung Allendorf. Zuvor hatten in Lohra fast alle Geschäfts- und auch viele Privatleute ihre eigenen automatischen Pumpanlagen von einem Brunnen aus installieren lassen. Dadurch wurde das Projekt „Wasserleitung“, nicht so sehr von der Bevölkerung begrüßt, zumal das Wasser nun teurer werden sollte. Am 10. Februar 1955 wurde in einer Gemeindevertretersitzung der Beschluß für den Anschluß an das Gruppenwasserwerk Allendorf gefaßt. Mit 11:0 Stimmen wurde ein einstimmiger Beschluß gefaßt:

Beschluß: Die Gemeinde (Lohra) verpflichtet sich hiermit rechtsverbindlich und unwiderruflich

1. dem Zweckverband „Wasserwerk Allendorf“ die Bauplanungskosten im Rechnungsjahr 1955 (notfalls in 2 Raten, die letzte spätestens am 1. 7. 1956) zu erstatten,
2. vom Zweckverband Wasser zu beziehen und beauftragt mit der Vertretung ihrer Interessen im Verband, den Landrat des Landkreises Marburg/Lahn.

So wurde im Laufe der Jahre 1956/57 die Wasserleitung gebaut. Für den Hausanschluß wurde eine Gebühr von 300,— DM erhoben. Der Bürger oder Hausbesitzer hat monatlich eine Grundgebühr zu entrichten, welche nach der Norm von Einwohnergleichwerten festgesetzt ist. Der Wasserverbrauch wird nur gering berechnet und ergibt sich aus dem Stand der Wasseruhren, welche bei dem Hausanschluß mit eingebaut wurden.

Nach der neuen Regelung wird das Wassergeld nach dem abgelesenen Verbrauch von dem Wasserverband Mittelhessen in Gießen erhoben. Das Wasser ist ein sauberes, wohlschmeckendes und gesundes Trinkwasser. Die Wasserleitung wurde von der Firma Schneider aus Wallbach, Kreis Erbach (Odenwald) gebaut. 1)


Siehe auch

Einrichtungen · Bauwerke · Feuerwehr · Ver- Entsorgung · Geschichte · Großgemeinde · Notruf

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