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Tracht

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Tracht in Lohra

In den Jahren nach Beendigung des zweiten Weltkrieges gehörte es zum alltäglichen Bild, in unseren Straßen und auf den Feldern die meisten Frauen in dieser Kleidung zu sehen. Eine Umfrage in unserer Gemeinde über mehrere Jahre ergab, daß 1972 noch 86, 1982 noch 40 und 1992 nur noch 14 Trachtenträgerinnen bekannt waren. Bemerkenswert ist auch die Feststellung, dass im ersten Beobachtungszeitraum ungefähr 1/3 der Trägerinnen ihre Tracht ablegten, oder, wie es genannt wurde, » sich umzogen« oder» sich vornehm anzogen«. Der andere Teil ist, altersbedingt, verstorben.

Die »Marburger evangelische Tracht«, wie sie auch in Lohra getragen wird, gehört ebenso wie die »Katholische Tracht« der 19 katholischen Dörfer im alten Amt Amöneburg zu den Marburger Trachten, wie sie mit diesem Oberbegriff in der hessischen Trachtenlandschaft bezeichnet werden.

Die Männertracht war in unserer Gegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch vereinzelt anzutreffen. Hier ist vor allen Dingen dem großen Maler Ferdinand Justi zu danken, der mit seinen Aquarellen die Erinnerung an diesen Teil der Tracht für uns ermöglicht.

Ihr wichtigster Bestandteil war der blaue Kittel, an Achsel- und Halsbund weiß und schwarz bestickt. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Männer vom weißen grobleinenen Kittel zu diesem blau gefärbten Kleidungsstück übergegangen.

Bei der Frauentracht war die Kopfbedeckung das sichtbarste und auffälligste Teil, dem bei der Auswahl der Farben, der Stickerei und der Form immer eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Neben dem »Schleier«, einer großen Überhaube mit im Nacken herabfallenden Bändern, und der weißen gestärkten Stirnkappe zu Abendmahl, Hochzeit und tiefer Trauer trugen die Frauen der evangelischen Dörfer alltags und sonntags das Häubchen, »Kapp« oder »Betzel« genannt. Es war zweiteilig, und, nach Orten verschieden, wurde es mehr auf dem Hinterkopf oder die Stirne gesetzt, bedeckte aber immer den vorderen Teil des »Schnatzes«. Auf diese Frisur von zwei zusammengelegten und aufgesteckten Zöpfen war die Trägerin besonders stolz.

Zu Freud- und Festtagen wählte man reich bestickte Häubchen, die in ihrer farblichen Gestaltung meistens auf das Alter der Trägerin schließen ließen. Zwei lange Moiree- Sie- denbänder, die man gelegentlich auch »Rosen- oder Seidenäppelbänder« nannte, fielen lose verschlungen im Nacken herab und wurden unter dem Kinn zur Schleife gebunden Hier deckten sie das Tuch, das den band besetzten Ausschnitt der Jacke füllte.

Zur Trauer durfte die Haube nicht glänzen; ein stumpfes Schwarz gab ihr einen matten Ton. Über der Haube trug man zur tiefen Trauer die weiße Stirnkappe ohne jegliche Stickerei, während zur Hochzeit und zum Abendmahl reich bestickte Stirnkappen üblich waren. Über die Haube schlug die Trauernde das schwarz plissierte Trauermäntelchen, hielt es mit den Händen vor dem Gesicht zusammen. Zur Trauer waren auch alle übrigen Trachtenteile in tiefem Schwarz gehalten und der Bandbesatz am Jackenausschnitt, die »Frisur«, nur einfach vernäht, der sonst sehr aufwendig in feine Falten »gezogen« oder »geknippt« und auch reichlich bestickt war. Ein weniger sichtbares, aber umso wichtigeres Teilstück eines »Anzuges« ist das Leibchen. Es wurde unter dem Motzen getragen und war daher meistens einfarbig oder aus gedecktfarbigem Druckstoff genäht. Der am unteren Ende des Leibchens eingenähte etwas mehr als daumendicke Wulst hatte den Rock zu tragen.

Schon aus diesem Grunde war es erforderlich, dass dieses Kleidungsstück von der Näherin nach Maß der Trachtenträgerin gearbeitet wurde. Ein nicht gut sitzendes Leibchen konnte die ganze Tracht in Frage stellen, dann »mustert's« eben nicht.

Die gleiche Sorgfalt erforderte das Nähen des Rockes. Hier sind es vor allen Dingen die bis zu 90 Falten, die in gleichmäßiger Tiefe und regelmäßiger Anordnung von Hand genäht werden mussten. Im Rockbund, durch ein breites Band zusammengehalten, konnte der Rock mit Haken und Ösen geschlossen werden. In die rechte Seitennaht war eine Rocktasche eingenäht, und auf der linken Seite befand sich ein Schlitz, um der Trägerin das Anziehen zu erleichtern.

Der Stoff, der zur Anfertigung eines Rockes bevorzugt verwandt wurde, war der sog. »Beiderwand«, ein Gewebe aus leinener Kette und wollenem Schuss. Die Auswahl des Stoffes war natürlich von vielen alltäglichen Entscheidungen und von besonderen Ansichten der Trägerin abhängig. Die Nutzung als Alltagskleidung oder als festlicher Anzug für Sonn- und Feiertage war ebenso zu beachten wie die modische Beeinflussung.

Mit besonderer Liebe und natürlich auch mit besonders großem Arbeitsaufwand wurde der »Motzen« geschmückt. Der Motzen ist ein kurzes, eng anliegendes Jäckchen, das in der Mitte der Brust geschlossen wird. Er hat lange anliegende Ärmel und einen großen, vorn eckigen und hinten runden Ausschnitt mit einem auffallend breiten Besatz, der auch als »Frisur« bezeichnet wird. In der Taille wird der Abschluss hinten durch ein schmales Schößchen gebildet, das durch eine Falte unterbrochen ist und in unserer Mundart auch das »Schlippchen« genannt wird. Wie bei dem Leibchen, so war auch hier ein maßgeschneiderter Sitz beim Motzen unbedingt erforderlich. Für den Verschluß wurden auf den Stoff abgestimmte Steinnussknöpfe verwandt.

Für den Sommeranzug wurde gerne ein leichter Baumwollstoff und für die kältere Jahreszeit ein etwas dickerer Wollstoff genommen, der im Sommer mit einem leichten Leinen- oder Satinstoff und im Winter mit grauem Baumwollflanell gefüttert war. Als weitere Teile, die unbedingt zum Trachtenanzug gehören, wären noch die Tücher und Schürzen zu erwähnen. Das Hals- oder Einstecktuch war für die Trägerinnen der Evangelischen Marburger Tracht ein wichtiges Bekleidungsteil. Eine breite Palette an Stoffen und Farben konnte hierbei Verwendung finden. Bevorzugt wurden für den Sommer leichte helle Baumwollflanelle mit dunklen bis schwarzen Tupfen.

Das Umhangstuch diente in erster Linie dem Wetterschutz. Die 40 bis 50 cm breiten, meistens gehäkelten oder gegabelten Tücher waren mit langen Fransen versehen.

Vielfältig in Form und Farbe waren auch die Schürzen, die zum Anzug hinzugerechnet werden können. Viereckig und um die Taille gebunden, dienten sie keinesfalls nur dem Schutze der Kleidung. Vielmehr waren sie durch ihre Farben und ihrer Aufmachung durchaus in der Lage, dem Anzug eine besondere Note zu verleihen. Dunkel- oder hellblau gefärbtes Leinen für die Arbeitsschürze, bunte oder bedruckte Woll- und Seidenstoffe für den sonntäglichen Gebrauch waren üblich. Der Bund war sehr oft mit einem 5 - 6 cm breiten Brokatband eingefasst und gebunden.

Die Trachtenschneiderinnen in unseren Dörfern waren bekannt. Ihr guter Ruf und ihre Zuverlässigkeit wurden von der Mutter an die Tochter in empfehlender Weise weitergegeben. Die letzten bei uns in Lohra noch tätig gewesenen Schneiderinnen waren Frau Meurer, Hollersgraben, Frau Sauer, zuletzt Hainbuchstraße und Frau Elisabeth Schäfer in der Marburger Straße.

Jede Trachtenträgerin hatte »ihre« Schneiderin, die auch nur aus ganz schwerwiegenden Gründen gewechselt wurde. Da der »Anzug« völlig ohne Vorlage oder Schnittmuster genäht wurde, waren die Maße einer Kundin bei der Näherin in guten Händen und gut aufgehoben. Geringfügige Veränderungen im Umfang oder in der Länge der Kleidungsstücke wurden mit ein paar humorvollen Bemerkungen zur Kenntnis genommen.

Die Geschäfte, die die gewünschten Stoffe und sonstiges Zubehör liefern konnten, waren die Textilläden Berdux und Busch in Marburg und evtl. heute noch Wwe. Müller in Gladenbach. Der Bedarf an Stoffen und Zubehör für die Herstellung neuer Trachtenkostüme ist sicher ganz gering geworden. Heute kaufen die Trachtenfrauen solche Teile vor allen Dingen für Trachtenpuppen, die überall in den Dörfern genäht werden, oder für die Ausstattung von Trachtenvereinen und Volkstanzgruppen. Hierbei ergibt sich für uns eine Möglichkeit, diesen besonders bodenständigen Teil unserer dörflichen Kultur wenigstens in Form und Farbe kennen zu lernen. Ob es sich allerdings hierbei um eine werterhaltende Pflege und Aufbereitung dieses Bereiches handelt, ist sehr anzuzweifeln. 37)


Siehe auch

Besonderheiten · Geschichte · Großgemeinde · Kirchen

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