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Steinkammergrab

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Inhaltsverzeichnis

Vorspann

Unter den Bodenaltertümern aus dem Kreise Marburg nimmt das Steinkammergrab von Lohra eine Sonderstellung ein. Als es 1931 auf dem „Gernstein", dem Land des Herrn Elmshäuser von der Götzenmühle gefunden wurde, ging eine Nachricht durch die Zeitung, die von der Auffindung einer alten, gepflasterten Straße sprach. Gewiss glaubten wir nicht an eine solche Möglichkeit, denn gepflasterte Straßen kannte man im Mittelalter nur aus Ortsteilen, aber nicht aus der freien Feldgemarkung. Wir waren also selbst gespannt, wie wohl die Ausgrabung das Rätsel um die Steinanlage lösen würde.

Grabung

Wohl keine Grabung hat unter der Bevölkerung ein derartiges Interesse gefunden wie die Freilegung der Steine von Lohra, besonders von dem Augenblick an, wo man sich im Dorf erzählte, es handele sich um ein Grab aus der Steinzeit. Laufend wurden aus ihm Funde in Gestalt von Gefäßscherben, aber auch Knochen von Menschen gehoben. Wer die Arbeiten damals verfolgt hat und ab und zu das Grab in einem inzwischen weiter freigelegten Zustand sah, der konnte sich vergewissern, dass das Grab etwa 5 m lang und 2 m breit war. Wie eine Kammer war es in den Boden eingetieft. Wenn auch ein Teil der Wandsteine fehlte - sie mögen bei der ersten Urbarmachung des Landes herausgerissen worden sein -, so ließen die noch sitzenden Sandsteinblöcke doch einen rechteckigen Grundriss erkennen.

Material

Die einzelnen Blöcke waren hierbei 60 cm bis 1 m lang, 40 cm dick und etwa 80 cm hoch. Ihr Einzelgewicht erreichte wohl 8 bis 10 Zentner. Hält man sich diese Maße vor, so kann man den Erbauern des Grabes seine Achtung vor dieser Leistung nicht versagen, besonders wenn man bedenkt, wie weit man die Blöcke holen musste; steht doch der erste Sandstein dieser Art erst hinter dem Lager Damm an. Drei bis vier Kilometer hat man also die schweren Steine zum Grabbau heranschleppen müssen.

Aufbau

Ebenso interessant war, dass vor der eigentlichen Grabkammer eine kleine Vorkammer von 1 m Länge gelegen hatte, die mit dem Grabraum durch einen Stein in Verbindung stand, der in der Mitte ein durchgepicktes Loch von 35 cm Durchmesser trug. Wenn man sich nun noch über dem Ganzen eine Decke von Holz mit dammartig daraufgeworfenen kleineren Steinen denkt, so hat man einigermaßen eine Vorstellung von dem Steinkammergrab von Lohra.

Alter

Wie oft wurden wir damals und werden wir auch heute noch gefragt, wie alt ist nun dieses Grab? Schon die Beschreibung vom Bau der Anlage: eine rechteckig in den Boden eingetiefte Kammer mit einem „Seelenlochstein" - so nennt der Volksmund den Eingangsstein, da man glaubte, dass die Seelen der Toten aus dem Jensteits durch dieses Eingangsloch mit den Körpern wieder in Verbindung treten würden -, verrät dem Kundigen das Alter. Es handelt sich um eine Grabanlage aus der jüngeren Steinzeit. Sie wurde vor etwa viertausend Jahren zur Aufnahme vieler Toter errichtet.

Zweck

Nur die Vorstellung, es würde sich um ein Massengrab handeln, trifft nicht das Rechte. Ein solches Steingrab diente einer kleineren Menschengruppe, die ihre Toten dort bestattete, als Gruft. Es wurde also nicht von einem dort vorüberziehenden Stamm auf der Wanderung angelegt, sondern ist vielmehr das beredteste Zeugnis von sesshaften Menschen. Denn diese Mühe, Steine vier Kilometer weit herzuschleppen, würden sich Landfremde nicht machen.

Abseitige Lage

Die Lage des Grabes im westlichen Teil unseres Landkreises bildet an sich schon eine große Ausnahme; denn die Masse der vorgeschichtlichen Funde an Gräbern und Siedlungen aus den letzten beiden Jahrtausenden v. Chr. Geb. finden wir um die fruchtbaren Senken des Ebsdorfer Grundes und Amöneburger Beckens konzentriert. Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass gleichartige Gräber aus Oberhessen bisher nicht bekannt geworden sind. Gräber dieser Art kennen wir wohl aus Niederhessen, so von Züschen bei Fritzlar, Altendorf (Kr. Wolfhagen) und Calden (Kr. Hofgeismar). Die niederhessischen Gräber bilden wiederum mit denen aus den westfälischen Kreisen Paderborn und Bühren zusammen eine Einheit, eine durch den gleichartig geübten Grabbau charakterisierte Kulturgruppe. Und zu guter Letzt können wir diese Grabanlagen nur verstehen, wenn man die ganz gleichartigen Gräber aus dem Seine-Becken bei Paris mit in die Betrachtung einbezieht. Das Wie mag hier dahingestellt bleiben. Es sei nur vermerkt, welche Bedeutung unser Lohraer Grab in der Forschung einnimmt.

Seelenloch

Sprachen wir eben von der abseitigen Lage unseres Grabes, so sei als weitere Eigentümlichkeit hervorgehoben, dass im Falle Lohra die Toten verbrannt beigesetzt worden sind. Auch das ist eine Ausnahme unter all den bekannten Gräbern, in die die Toten nur immer unverbrannt gelegt wurden. Warum mag gerade bei uns die Sitte der Verbrennung in Anwendung gekommen sein? Eine ganz einfache Erklärung könnte man dafür geben. Es wurde oben gesagt, der Eingangsstein zum eigentlichen Bestattungsraum sei durchlocht gewesen. Dieses Loch hatte nur 35 cm Durchmesser. Man stelle sich den Grabraum ganz geschlossen vor, nur diese kleine Öffnung als Zugang. Wie soll man wohl durch ein so enges Loch einen erwachsenen Menschen zwängen? Während bei dem erhaltenen Steingrab von Züschen dieses „Seelenloch" von 50 cm Durchmesser keine Schwierigkeiten beim Hindurchschlüpfen bereitete, müsste man in Lohra schon ein Schlangenmensch gewesen sein, um durch dieses Nadelöhr zu kommen. Aus diesem plausiblen Grund mögen die Lohraner vor viertausend Jahren auf den Ausweg der Verbrennung gekommen sein. Ja, aber warum machten sie das Eingangsloch nicht einfach größer? Da kann man nur antworten: Wäre ich doch schon damals dabei gewesen, dann wüsste ich es besser!

Lohraer Becher

So erstaunlich die abseitige Lage des Grabes, so verwunderlich die erstmalige Feststellung der Leichenverbrennung (bei uns setzt sie sonst erst tausend Jahre später ein, also um 1000 v. Chr. Geb.), ebenso markant sind die Funde von Gefäßen aus Ton in dem Steingrab. Zwischen dem Leichenbrand (Asche) fanden sich allenthalben die Überreste zu Bruch gegangener Gefäße. Es sind vielerlei Formen darunter. Eine fällt besonders auf durch ein leicht S-förmiges Profil. Es sind gehenkelte Becher, bei denen links und rechts vom Henkel kleine Warzen aus Ton sitzen, von denen aus in dem einen oder anderen Fall noch eine plastische Girlande um die Gefäßwand zieht. Derartige Becher gibt es in der Vorgeschichte bisher sonst nicht, und aus diesem Grunde hat man die neue Form „Becher vom Typ Lohra" genannt.

Schlußbemerkung

Das Bild, das von dem Grab und den Bestattungssitten von Lohra vor viertausend Jahren entworfen wurde, zeigt uns also eine abseits der fruchtbaren Senken wohnende Bevölkerung, die sich schon damals das Hinterland erobert hat. Sie kannte die Kunst, Töpfe mancherlei Art herzustellen und in damals geschmackvollen Mustern zu verzieren. Wer nun mehr davon wissen und sehen möchte, der nutze die Gelegenheit und komme nach Marburg oder gar nach Kassel, wo die Funde in Nachbildung oder Original aufgehoben werden. 21)

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