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Sachsenspiegel

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Sachsenspiegel

Der Sachsenspiegel war der erste Versuch, Gewohnheitsrecht auf deutschem Boden in einer zusammenfassenden Darstellung zu publizieren. Die ersten erhaltenen Drucke des rechtshistorisch bedeutsamen Sammelwerkes entstanden zwischen 1215 und 1235.

  • Ein Landfrieden (Landfriede) war im mittelalterlichen Recht der vertragsmäßige Verzicht der Machtträger bestimmter Landschaften auf die Anwendung von (eigentlich legitimer) Gewalt zur Durchsetzung eigener Rechtsansprüche. Dies betraf vor allem das Recht der Fehdeführung.
  • Landfriedenseinigungen bildeten die politische Grundlage für die Verwirklichung des Rechts ohne den privaten Rückgriff auf Gewalt. Sie regelten oft auch die Gerichtshoheit und ermöglichen damit die Beilegung von Streitigkeiten durch an allgemeinen Regeln ausgerichtete Beschlüsse. Verstöße oder Gefährdungen des öffentlichen Friedens wurden mit peinlicher Strafe bedroht. So konnten Gegenstände oder Gebäude z. B. Kirchen, Wohnhäuser, Mühlen, Ackergeräte, Brücken aber vor allem die Reichsstraßen und Personen (Geistliche, Pilger, Kaufleute, Frauen, auch Bauern, Jäger und Fischer in Ausübung ihres Berufes) unter Schutz gestellt werden. Die Landfrieden schufen eine Art Standrecht und Sondergerichte, die Landfriedensgerichte.
  • Die Landfriedensbewegung erstrebte seit dem 11. Jahrhundert die Fortsetzung der Gottesfrieden. Geschaffen wurde der erste Reichslandfriede von Heinrich IV. als sogenannter Erster Mainzer Reichslandfriede im Jahre 1103, nachdem er bereits 1085 den Mainzer Gottesfrieden der Kirche verkündet hatte. 1152 verkündete Friedrich I. (Barbarossa) den Großen Reichslandfrieden, der auf das ganze Reich ausgedehnt wurde. Es handelte sich dabei um einen Akt der Satzung und stellte ein zeitlich begrenztes Herrschaftsbündnis dar. Die beiden bedeutendsten Reichslandfrieden (1235 und 1495) waren bereits gesetzesähnliche Erlasse und hatten weniger Bündnischarakter. Den Reichslandfrieden im Jahre 1235 verkündete Friedrich II. (Mainzer Landfrieden). Erstmals wurde ein Reichslandfrieden zweisprachig, also sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache abgefasst. Es handelte sich um einen Verfassungsakt, der Geltung im ganzen Reich erhielt. Ihren Abschluss fand der Reichslandfriede im Ewigen Landfrieden von 1495, mit dem für das Heilige Römische Reich ein unbefristeter Landfriede konstituiert wurde.
  • Bis heute ist Landfriedensbruch ein Straftatbestand in Deutschland (§ 125 StGB). Die Wahrung des Landfriedens – das Verbot von Faustrecht und Selbstjustiz – ist in der Form des staatlichen Gewaltmonopols Basis jeder modernen Rechtsordnung.
  • Der Sachsenspiegel (nds. Sassenspegel, mittelniederdeutsch: Sassen Speyghel) ist das bedeutendste und, gemeinsam mit dem Mühlhäuser Reichsrechtsbuch, das älteste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters. Zugleich ist er die erste in mittelniederdeutscher Sprache verfasste Prosaliteratur.
  • Der Sachsenspiegel ist die einflussreichste und älteste schriftlich fixierte Rechtssammlung des deutschen Mittelalters. Der Sachsenspiegel wurde um 1224 von dem sächsischen Adligen Eike von Repgow in niederdeutscher Sprache niedergeschrieben und versammelt das im Sachsenland geltende Gewohnheitsrecht. Er gliedert sich in zwei Teile: In das Landrecht, das die Rechte und Pflichten der freien Sachsen beschreibt (Straf- und Prozessrecht, Besitz-, Sippen- und Erbrecht etc.), und in das Lehnsrecht, das die Beziehungen zwischen Lehnsherrn und Gefolgsmann regelt (z. B. Heerschildordnung, Lehnsgerichtsbarkeit). Der Sachsenspiegel diente als Vorbild für den Deutschenspiegel und den Schwabenspiegel, beides oberdeutsche Rechtsbücher, und beeinflusste nicht nur den gesamten deutschsprachigen Raum, besonders den Bereich der deutschen Ostsiedlung, sondern darüber hinaus auch das Rechtswesen in Polen, Ungarn und Russland. In Anhalt und Thüringen, also in etwa in seinem Ursprungsgebiet, war der Sachsenspiegel bis 1900 gültig.
  • Der Sachsenspiegel ist ursprünglich in lateinischer Sprache verfasst, aber vom Verfasser selbst auf Veranlassung des Grafen Hoyer von Falkenstein ins Deutsche (niedersächsische Mundart) übertragen. Der ursprüngliche lateinische Text ist für das Landrechtsbuch verloren, für das Lehnrechtsbuch wahrscheinlich in dem Auctor vetus de beneficiis erhalten. Quellen des Sachsenspiegels sind sächsisches Gewohnheitsrecht, einige Rechtsgesetze und Urteile des kaiserlichen Gerichts, während dem römischen und kanonischen Rechte kein Einfluß gegönnt ist.
  • Früh erkannten die Gelehrten, dass sich Recht und Analphabetismus nicht gut vertragen. So kamen Ende des 13. Jahrhunderts zahlreiche Zeichnungen hinzu, die durch bildhafte Darstellung dem leseunkundigen Bürger die Rechtssätze aus Privatrecht, Strafrecht und Öffentlichem Recht vermittelten. Aufgeteilt in diese drei Kategorien sollte der Sachsenspiegel das gängige Recht der Zeit "spiegeln" und fest in der mittelalterlichen Gesellschaft verankern.
  • Der Sachsenspiegel, nicht nur als Rechtstext, sondern auch als erstes großes deutschsprachiges Prosawerk von herausragender Bedeutung, ist in zahlreichen Handschriften überliefert (341 Aufzeichnungen des Landrechts, 94 des Lehnrechts); einige von ihnen, z. B. die Heidelberger Handschrift aus dem Anfang und die Wolfenbütteler Handschrift aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, sind reichhaltig mit Miniaturen illustriert. Der Begriff Sachsen„spiegel” impliziert nicht nur den Anspruch des Verfassers, ein möglichst genaues Abbild der bestehenden Rechtstradition zu geben, sondern charakterisiert ihn zugleich – in der Tradition der Speculum-Literatur – als vorbildhafte, d. h. gesetzmäßige Lebensregeln wiedergebende Tugendlehre.
  • Eike von Repgow war zum Zeitpunkt der ersten Erwähnung ungefähr 29 Jahre alt – eine ungewöhnliche Popularität für einen jungen Mann, der aus einfachen, mittelständischen Verhältnissen kam. Aus dem anhaltischen Dorf Reppichau bei Dessau stammend, wo er vermutlich um 1180 geboren wurde, muss es ein weiter Weg in die Dienste des Grafen Heinrich von Anhalt gewesen sein. Später wurde er Lehnsmann des Stiftsvogts von Quedlinburg. Recht anzuwenden war seine Aufgabe – es aufzuschreiben und in einen systematischen Zusammenhang zu stellen, sicher ein persönlicher Anspruch.
  • Heute ist der Sachsenspiegel nirgendwo mehr geltendes Recht. Doch über Jahrhunderte hinweg hat er die deutsche und die europäische Rechtsgeschichte in Theorie und Praxis geprägt. Zuerst wurde er in Preußen 1794 durch das "Allgemeine Landrecht", dann 1865 in Sachsen durch das "Sächsische Bürgerliche Gesetzbuch" und 1900 in Anhalt und Thüringen durch das "Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich" (das ja bis zur Gegenwart gilt!) abgelöst. Die jüngste aktenkundige Erwähnung des mittelalterlichen Rechtsbuches datiert aus dem Jahre 1932, wo der "SACHSENSPIEGEL" zu einer Entscheidung des Reichsgerichts in Zivilsachen herangezogen wurde. Und noch heute finden sich im gültigen Vereinsrecht, im Verkehrsrecht und im Erbrecht Elemente, die unbestreitbar auf Eike von Repgow verweisen.

Siehe auch

Ortsrecht · Administration · Verwaltung · Mitteilungen · Großgemeinde

Weiterführende Literatur

Sachsenspiegel-Online · Uni-Heidelberg · Google Sachsenspiegel · Entstehungszeit des Sachsenspiegels · SPECULUM SAXONUM

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