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Landschaft und Natur

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Landschaft und Natur

Unsere Landschaft -gestern und heute

Unsere Landschaft war geprägt von einer abwechslungsreichen Verteilung geschlossener Waldgebiete, offener Ackerflächen, oft begrenzt von Hecken und Feldgehölzen, von Streuobstwiesen sowie von Trockenrasen auf unbewaldeten Hügelkuppen und Feuchtwiesen in den Talauen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass unsere Gegend seit alters her für ihre besonders reiche Vogelwelt bekannt ist. Davon zeugen auch verschiedene vogelbezogene Uznamen für die Einwohner unserer Dörfer: So werden die Lohraner als Krähen bezeichnet und die Dammer als Spatzen. Wer aus Altenvers kommt, ist ein Kuckuck, jemand aus Rollshausen ist ein Wiedehopf, und die Rodenhäuser sind Rotschwänze.

Grundlage der Existenz in den Dörfern waren ausschließlich die Landwirtschaft und die dazugehörigen Handwerksbetriebe, wie Schmiede, Stellmacherei, Mühle und Bäckerei. Industrie war weit entfernt, und wer nur wenige Hektar Land besaß, musste in Lohnarbeit gehen, den Hof als Nebenerwerb betreiben. Da lag die Hauptlast natürlich auf den Frauen, und auch die Kinder mussten fleißig mitarbeiten. Nur wer mehr als 10 bis 15 ha Land bewirtschaften konnte, war in der Lage, seine Familie allein mit dem Hof zu ernähren. Unabhängig davon, ob ein Ort mehr Neben- oder mehr Vollerwerbsbetriebe hatte, die jetzt zur Gemeinde Lohra gehörenden Dörfer waren Selbstversorger. Selbstversorger leben von und mit der Natur. Heute nennt man das »ökologische Landwirtschaft«. Zu jedem Hof gehörten mehrere Viehställe, größere für Pferde, Kühe und Schweine, mittlere für Ziegen und Schafe, kleinere für das Federvieh, für Hühner, Gänse und Enten.

Da waren in den Ställen ideale Nistmöglichkeiten für Rauchschwalben, die sich während ihres Aufenthalts bei uns nur von Fluginsekten ernähren. Auch bei schlechtem Wetter war für sie und ihre stets hungrige Brut »der Tisch reich gedeckt« durch Tausende das Großvieh umschwirrende Fliegen. Belegte Ställe sind die Vorratskammern der Rauchschwalben! Mehlschwalben, ebenfalls den Winter unter Afrikas Sonne verbringend, klebten ihre Nester ungehindert an Hauswände unter dem Dachvorsprung. Niemand ärgerte sich über den Vogelkot. Im Gegenteil, jeder begrüßte freudig die eleganten Segler, war man doch überzeugt, dass jedes Haus, unter dessen Dach die Schwalben sich wohl fühlen, gegen Blitzschlag geschützt sei. Kurz vor Sonnenaufgang krähte der erste Hahn seine Lebenslust in den erwachenden Morgen, und im minütigen Abstand antworteten die Kollegen aus den anderen Ställen.

Bald darauf verließen auch die ersten Tauben ihre Schläge unter Häuser- und Scheunendächern, um ihre Runden in der frischen Luft zu drehen. Tiergeräusche gehörten noch nicht in die Kategorie »ruhestörender Lärm«, sondern waren Teil des Lebensgefühls jedes neu erwachenden Tages. Morgenmuffel gibt es erst, seit für viele Menschen der Tag mit Motorenlärm und Auspuffgestank lückenloser Autokolonnen beginnt. Ach, die Hühner! Neben uns Kindern häufigster Anlass für Nachbarstreit. Ein Hof ohne Hühner war undenkbar: »Einerseits der Eier wegen, welche diese Vögel legen, zweitens, weil man dann und wann einen Braten essen kann, drittens aber nimmt man auch ihre Federn in Gebrauch«, wie Wilhelm Busch reimte. Sie waren ja noch nicht in Legebatterien weggesperrt als Maschinen zur Eierproduktion. Sie liefen frei herum, nicht nur auf dem Hof des Besitzers, sondern auch in den angrenzenden Wiesen und Feldern. Der zuständige Hahn achtete streng darauf, dass kein fremder Gockel in sein Revier eindrang, um eines seiner Hühner zu verführen. Jeder Annäherungsversuch eines Konkurrenten wurde unnachsichtig geahndet in oft blutigen, manchmal gar tödlichen Zweikämpfen.

Gegen Habicht und Bussard, gegen Fuchs, Marder und Iltis jedoch war auch der stolzeste Hahn machtlos. Nur der Mensch konnte das Federvieh gegen diese Räuber schützen. Und das tat er gnadenlos. Erhob die Altbäuerin, die das Kleinvieh betreute, ihr Jammergeschrei über den Verlust eines ihrer Schützlinge, dann wurde dem Missetäter mit Hund und Schrotflinte, mit Giftködern und Fallen nachgestellt. Mit mäßigem Erfolg. Und wenn statt der Bösewichter eine Katze oder ein Huhn in der Falle saß, der Hund des Nachbarn gar am Gift verendet war, wandte sich der Zorn mehr gegen den unachtsamen Fallensteller und Giftleger als gegen Fuchs und Habicht. Überhaupt wurde alles, was den Menschen als Nahrungskonkurrent, tatsächlich oder eingebildet, auftrat, verfolgt, getötet, ausgerissen. Dem fielen nicht nur zahlreiche »Krummschnäbel» zum Opfer, sondern auch die ungeliebten Krähen und Elstern, auch Eichelhäher und sogar Graureiher. Denen wurde verübelt, dass sie sich aus der Salzböde diejenigen Fische holten, die man selbst gern gefangen hatte. Denn trotz (oder wegen) noch ungeklärter, aber chemiefreier Abwässer gab es in der Salzböde und anderen Bächen unserer Gemarkungen reichlich Fische: Forellen, Döbel, Rotaugen, Rotfedern, Aale und vielerlei Kleinfische. Darunter auch Stichlinge, die uns als Kinder besonders beeindruckten, wenn die während der Vaterschaft rot gefärbten Männchen tapfer das Nest gegenüber anderen Fischen, sogar gegen die dazugehörige Mutter, verteidigten. Im flachen Wasser waren reichlich Krebse und Muscheln zu finden. Und nach Rückzug des Frühjahrshochwassers war jede Wasserlache in den Feuchtwiesen voller Laich von Frosch und Kröte. Natürlich wurden auch Spatzen zu den Schädlingen gerechnet, waren sie doch stets in Scharen zur Stelle, wenn das Federvieh gefüttert wurde, kratzten an trockenen Tagen in den Gemüsebeeten herum, um sich im Staub zu »baden«, und fielen kurz vor der Ernte über die Getreidefelder her. Stare waren wegen ihrer Kirschbaumplünderei auch nicht gelitten. Gegen Feldhamster und Maulwurf wurden gar Fangprämien ausgesetzt. Wo kein Schaden nachweisbar war, half der Aberglaube nach und wurde zum Grund tief verwurzelter Abneigung: wie bei den Eulen, die als Totenvögel angeblich Unglück bringen, oder den Fledermäusen, deren geheimes Nachtleben Anlass bot, ihnen vampirische Blutsaugerei nachzusagen. Und dennoch, das Wort Artenschwund war noch nicht erfunden.

Der Lebensraum war für die heimischen Pflanzen und Tiere noch nicht bedrohlich eingeschränkt. Die relativ extensiv betriebene Landwirtschaft war naturnah, selbst im heute definierten Sinn. Der Dünger kam nicht aus dem Plastiksack, sondern aus dem Viehstall, auf dem Misthaufen durchgegart. Pflanzenschutz war durch wechselnde Fruchtfolge und regelmäßiges Hacken gewährleistet. Bodenverdichtung durch Zugmaschinen gab es noch nicht: Die meisten Ackergeräte wurden von Pferden, Ochsen oder Kühen gezogen. Die Heuernte begann erst Mitte Juni. Wiesenblumen und Gräser waren ausgereift und hatten ihre Samen bereits abgeworfen.

Die Jungvögel der Bodenbrüter wie Lerchen, Braunkehlchen, Wiesenpieper, Rohrammer und Wachtel waren vor der ersten Mahd bereits selbstständig und fluchtfähig. In den Getreidefeldern, durchsetzt mit Kornblumen, Klatschmohn, Ackerrittersporn und Ackerstiefmütterchen, in den kleineren Schlägen mit Raps und Flachs fanden Rebhuhn, Fasan und Feldhase ebenso Deckung und Nahrung wie in den zahlreichen Hackfruchtfeldern. Getreide wurde vielerorts direkt auf dem Feld gedroschen, die Dreschmaschine vom Bulldog über einen Riemen angetrieben. Da fühlten sich die Körnerfresser für lange Zeit im Schlaraffenland. Stroh- und Spreuhaufen blieben liegen, waren später ideale Winterquartiere für kleineres Haargetier, besonders beliebt für Tag- und Nachtgreifer natürlich die zahllosen Mäuse.

So verbinden sich die Erinnerungen an die Kindheit mit den Düften von Wiesenblumen und getrockneten Wildkräutern auf dem Speicher, von saurer Molke beim Kneten der Butter, mit dem Wohlgeruch aus Kuh- und Pferdestall und sogar mit dem vom ausgereiften Misthaufen. Sie verbinden sich mit dem Pieksen der abgebrochenen Distelstacheln beim Beladen der Erntewagen. Sie verbinden sich mit den Lockrufen der Unken und dem Froschgequake am Abend und am Morgen. Und sie verbinden sich vor allem mit dem gemütlichen Summen des Teekessels auf dem Holzfeuer des Herdes in der Geborgenheit der heimeligen Küche.

Jahrzehntelang blieb das so. Veränderungen verliefen so langsam, dass sie kaum bemerkbar waren. Das änderte sich drastisch mit der stürmischen Industrialisierung Anfang der 1960-er Jahre, von der auch die ländlichen Räume erfasst wurden.

Die Folgen sind bekannt und brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Zerstörung geht rasch vor sich, Aufbau ist mühsam und langwierig! Und wenn ich heute durch unsere Dörfer gehe, durch Wald und Flur wandere?

An warmen Frühlingsmorgen lockt ein vielstimmiges Vogelkonzert aus dem Haus. Besonders erfreuen immer wieder die ersten Rufe vom Kuckuck. Die eintönigen Fichtenbestände sind wieder aufgelockert mit Buchen, Eichen, Birken und anderen Laubbäumen. Überall sind neue Streuobstwiesen entstanden, neue Hecken angelegt und alte gepflegt worden. So findet man alte Freunde aus der Kindheit auch heute noch: Spechte, Wildtauben und Laubsänger, Zaunkönig, Baumläufer und Meisen, Goldhähnchen, Amseln und Drosseln, Rabenvögel und Greifvögel, Neuntöter, Goldammern, Braunellen, Rohrsänger, Grasmücken, Hänflinge, Grünlinge, Stieglitze, Girlitze, Nachtigallen und Lerchen -so ziemlich die viel besungene »ganze Vogelschar». Lediglich Braunkehlchen, Rohrammern und Wiesenpieper sind selten geworden.

Aber an der Salzböde trifft man noch Bach- und Gebirgsstelzen, Wasseramseln, Eisvögel, Graureiher und Stockenten, vereinzelt auch noch Teichhühner und Wasserrallen. Neuerdings wird auch der Schwarzstorch wieder bei uns gesichtet. An alten Gebäuden und in den von Vogelfreunden angebrachten Nistkästen finden Haus- und Gartenrotschwanz, Grauschnäpper und Stare noch gute Nistmöglichkeiten. Kolonien von Mehlschwalben, Mauerseglern und natürlich Sperlinge sind bei uns keine Seltenheit. Rauchschwalben sind leider merkbar weniger geworden. Aber Schleiereulen und Turmfalken bevölkern wieder reichlicher Scheunen und Hausspeicher, und im Wald sind zahlreiche Kästen mit Fledermäusen oder Siebenschläfern besetzt, manche auch mit Hornissen.

Übrigens haben Fledermäuse ihre Sommerquartiere an der Südseite so mancher Gebäude in unseren Dörfern; sie sind keine Seltenheit mehr, dank Schutzmaßnahmen und Rücksichten vieler Menschen beim Neubau ihrer Häuser.

In Wald und Feld haben sich die Wildbestände stabilisiert. Hirsche sieht man nicht so oft; sie waren aber immer eine Besonderheit in unseren Wäldern. Dafür sind Rehe, Wildschweine, Füchse, auch Dachse recht häufig, neuerdings wohl auch Waschbären. Marder, Iltis und Hermelin sind allenthalben zu beobachten, Eichhörnchen, Siebenschläfer und die verschiedenen Feld-, Wald- und Spitzmausarten natürlich auch. Gelegentlich sieht man an Bachufern auch Bisamratten. Allerdings muss man feststellen, dass in den letzten Jahren Feldhasen, Rebhühner und Fasane immer seltener geworden sind. Aber die Insektenwelt ist noch, oder wieder, recht vielfältig, dank sparsameren Gebrauchs von versprühten Giften. Schmetterlinge, die fliegenden Kleinodien, sind dafür die auffälligsten Zeugen.

Für die Pflanzenwelt gilt das gleiche: Nicht nur die bewunderten Orchideen finden wir in unseren Gemarkungen an den verschiedensten Standorten, An Bächen und Wassergräben wachsen Schilf und Wasserdost, Blutweiderich, Mädesüß, Sumpfdotterblume, Schwertlilie und Baldrian. In den Wiesen entfalten wieder Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Günsel, Wiesenknopf, Hahnenfuß, Labkraut, Klee, Ehrenpreis und viele andere Blumen ihre Blütenpracht. An Feldrainen und Waldrändern wiederum gedeihen Wildrose, Schleedorn, Weißdorn, Wildkirsche und Holunder als Heckengebüsch, auch Kräuter wie Natternkopf, Johanniskraut, Heiderose, Wegwarte, Wegerich, Odermenning, Steinbrech, Schafgarbe, Königskerze, die Schlüsselblume und viele andere. Erwähnt werden müssen aber noch die bezaubernden Frühlingsboten der verschiedenen Veilchen, die sommerlichen Glockenblumen und die Vorboten der kalten Jahreszeit, die Herbszeitlosen.

So haben sich Pflanzen und Tiere unserer Region im letzten Jahrzehnt wieder so weit erholt, dass Naturliebhaber sich wohl fühlen können, im Wald, auf den Wiesen, am Bach, bei Sonnenschein und bei Regen, bei Tag und bei Nacht. Sorgen wir alle durch unser Verhalten und unseren Einsatz dafür, dass die Renaturierung unserer Landschaft weitergeführt wird. Die Natur dankt es uns und belohnt uns, unsere Kinder und Kindeskinder mit ihrer Vielfalt, ihrer Schönheit und der Versorgung mit dem Wichtigsten: mit gesunder Luft, gesundem Wasser, gesunder Nahrung. 37)

Interessante »Neubürger« in Lohra

Ein bundesweiter Trend macht sich auch in Lohra bemerkbar. Unsere Tier-und Pflanzenwelt wird durch neue Arten »bereichert«. Unbeabsichtigt haben sich bei uns in den letzten Jahren Organismen ausgebreitet, die hier ursprünglich nicht beheimatet sind. Von diesen zahlreichen Tier- und Pflanzenarten soll in diesem Rahmen besonders auf den Riesen-Bärenklau (Heracleum mentegazzianum), das Indische Springkraut (Impatiens glan-dulifera) entlang der Salzböde und den Japanischen Staudenknöterich (Reynoutria japonica) in einzelnen Teilen der Gemarkung hingewiesen werden.

Der Riesen-Bärenklau, auch Herkulesstaude genannt, erreicht eine Höhe von 3-5 m, ist damit die größte Staude im europäischen Raum und stammt ursprünglich aus dem Kaukasus. Er wurde im 19. Jahrhundert nach Deutschland eingeführt und galt zunächst als stattliche Zierpflanze in Botanischen Gärten und Parkanlagen, wurde als gute Bienenweide geschätzt, verwilderte jedoch mit der Zeit, breitete sich aufgrund der extremen Anpassungsfähigkeit vehement aus und gilt heute auch in unserem Raum als echte Problempflanze. Er hat keine natürlichen Feinde und entwickelt gegenüber der heimischen Vegetation eine enorme Konkurrenzkraft. Eine Pflanze kann bis zu 10.000 Samen bilden, die leicht durch Wind und Wasser verbreitet werden. Zum Hauptproblem wird der Riesen-Bärenklau dadurch, dass alle Pflanzenteile ein tückisches und gefährliches Gift enthalten, das bei Berührungskontakt auf die Haut gelangt und unter Sonneneinwirkung dort zu einer starken allergischen Reaktion führt. Auf der Haut bilden sich schmerzhafte Blasen, die an Verbrennungen zweiten und dritten Grades erinnern. Außerdem zeigt sich eine verstärkte Pigmentierung der Haut, die monatelang anhalten kann. Der Verein für Vogel- und Naturschutz Lohra hat Bekämpfungsmaßnahmen, auch in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Lohra, durchgeführt, die aber gezielt noch über Jahre fortgesetzt werden müssen.

Das Indische oder auch Drüsige Springkraut stammt ursprünglich aus dem westlichen Himalaya und hat sich in Deutschland enorm ausgebreitet. Entlang der Salzböde ist es überall zu finden. Wo es vorkommt, kann es die einheimische Begleitflora stark unterdrücken und so zur Artenarmut von Pflanzen und Tieren beitragen. Die Konkurrenzkraft liegt in der Bildung großer Samenmengen, bis 32.000 pro Quadratmeter, verbunden mit einem üppigen Höhenwachstum. Positiv ist zu erwähnen, dass das Indische Springkraut eine gute Bienenweide ist und die roten bis violetten Blüten eine wahre Augenweide darstellen.

Der Japanische Staudenknöterich ist in Ostasien beheimatet. Er wurde im 19. Jahrhundert als Zier- und Futterpflanze nach Mitteleuropa eingeführt. Seine ungehemmte Vermehrung liegt im starken vegetativen Ausbreitungsvermögen und schnellen Höhenwachstum gegenüber anderen Pflanzen. Die hierdurch begründete Beschattung und Wurzelkonkurrenz führen zu einem nicht unerheblichen Verdrängungseffekt, wodurch auch hier ein negativer Einfluss auf die einheimische Tier- und Pflanzenwelt resultiert.

Zu den zahlreichen, teilweise wunderschönen Pilzen unserer Heimat hat sich in den letzten Jahren ein farbenprächtiger und von Gestalt auffallender Pilz, der Tintenfischpilz (Clathrus archeri), gesellt. Allerdings ist der mit der Stinkmorchel verwandte Pilz noch sehr selten. Er entwickelt zunächst ein schmutzig weißes »Hexenei«, aus dem sich bei der Reife 4-6 himbeerrote Arme strecken, die sich sternförmig auf den Boden legen und so an einen Tintenfisch erinnern. Als Heimat werden Australien und Neuseeland vermutet. Er wurde mit Wollimporten nach Europa gebracht und wanderte von Marseille aus nach Mitteleuropa. Er stellt eine interessante Bereicherung der heimischen Pilzarten dar. Nachteilige Auswirkungen sind bisher nicht bekannt.

Auch aus dem Tierreich sind zahlreiche Neuansiedler zu verzeichnen. In diesem Zusammenhang soll die vielen Bürgern schon bekannte Zebra- oder Wespenspinne (Argiope bruennichi) herausgestellt werden. Diese zu den Radnetzspinnen gehörende Spinne hat ihre Heimat in Südeuropa, ist seit ca. 40-50 Jahren in Mitteldeutschland anzutreffen und auch in unserem Raum immer häufiger zu finden. Der auffallend schönen schwarzgelben Streifenzeichnung des Hinterkörpers verdankt sie ihren deutschen Namen.

Eine weitere bei uns neue, zugewanderte Tierart, die sich stark ausbreitet, ist die Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus), die aus dem westlichen Teil der Iberischen Halbinsel kommt und unsere heimische Rote Wegschnecke schon weitgehend verdrängt und so zur Artenverschiebung beigetragen hat. Sie ist nur schwer von letzterer zu unterscheiden. Der auffallendste Unterschied sind die bunten, kräftig gebänderten Jungtiere.

Bei den genannten Pflanzen- und Tierarten ist trotz zum Teil durchgeführten Bekämpfungsmaßnahmen der Ausbreitungsdruck so stark, dass sie vermutlich schon bald einen festen Platz in der heimischen Fauna und Flora einnehmen werden. Wir sollten also diesen neuen Organismen aufgeschlossen gegenüberstehen und nicht mit rein menschlichen Eigenschaften wie z. B. Hass und Ablehnung begegnen, sondern ihre Schönheit und ihre Anmut bewundern. Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, welche die Eingliederung in biologisch vertretbarem Rahmen ermöglichen, so dass sie unsere Natur bereichern, ohne sie zu schädigen. Der Mensch muss sich hier als Regulativ betrachten und kann somit einen wesentlichen Beitrag zum Naturschutz leisten. 37)


Siehe auch

Forstwirtschaft · Landwirtschaft · Freizeit · Geographie · Geologie · Großgemeinde · Vereinigungen · Sehenswürdigkeiten · Naturschutz

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