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Klima

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Klima- und Kulturgeschichte

Der Blick geht zurück in eine Zeit, als die Welt noch nicht so drangvoll eng war. (Die erste Milliarde Menschen dürften etwa um das Jahr 1820 erreicht worden sein.) Folglich erscheint die Betroffenheit gegenüber Naturkatastrophen geringer, das Risiko stärker im Raum verteilt.

Das Maß der Abhängigkeit von physisch-geographischen Determinanten in der Nahrungssicherung war aber weit gewichtiger als in einer Zeit technologisch unterstützter oder gar substituierter Lebensmittelproduktion mit Kunstdünger, Treibhäusern und teils unartgerechter Massentierhaltung. Die Grenzen der Ökumene, die Wurzeln des heutigen Siedlungsmusters, "Völkerwanderungen", Hochkulturen usw. stehen meist in kausalem Zusammenhang mit dem Naturpotenzial. Letzteres bestimmt "Gunst-" und "Ungunstfaktoren". Diese wiederum stehen in starker Abhängigkeit vom Klima als ökologischem Regelfaktor.

Untersuchungen zur jüngeren und jüngsten Klimageschichte zeigen, dass es immer die wärmeren Phasen waren, in denen es dem Menschen gut ging, seine Lebensumstände angenehmer und seine kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten größer waren. Andererseits ist in klimatischen Krisensituationen häufig ein Stimulans für technologische Innovationen und Anpassungsstrategien erkennbar.

Inhaltsverzeichnis

Aufrechter Gang durch Trockenheit

Das wohl älteste Beispiel für die Interdependenz Mensch – Klima mag in der menschlichen Evolution selber zu sehen sein. Die Umstellung der ostafrikanischen Vor- und Frühmenschen auf den aufrechten Gang seit ca. 12 Millionen Jahren wird häufig mit der Savannisierung in Verbindung gebracht – der Entstehung von offenen, baumdurchsetzten Graslandschaften, wie sie heute für Teile der trockenen Tropen typisch sind. Diese lösten regional mehr oder minder geschlossene Waldlandschaften ab, als Folge der sich seit dem Miozän (ca. 20 Millionen Jahre) vollziehenden allmählichen Abkühlung des gesamten Globus.

Das Herunterkühlen der Atmosphäre vollzog sich vor allem über Meeresströmungen im Rahmen globaler Konvektionssysteme. Es führte zu einer zunehmenden Aridisierung der Kontinente und damit zur Entstehung "offener" Landschaften wie Savannen, Steppen oder Wüsten. Die Vor- und Frühmenschen als auf den tropischen Bäumen lebende Primaten mussten zumindest zeitweilig von ihren Nahrungsspendern herabsteigen, um zu den nächsten zu gelangen. Der Weg führte durch hohe Gräser – ein Grund, sich aufzurichten, um den lebenswichtigen Überblick zu erhalten. Die Ausbreitung der Hominiden erfolgte von Afrika aus.

Klima der Jetztzeit- stabil oder labil?

Eine Retrospektive in die jüngste und bedeutsamste Phase menschlicher Entwicklung beginnt meist 20.000 – 18.000 Jahre vor heute zur Zeit des letzten Hoch- Glazials, dem Höhepunkt der Würm- oder Weichsel- Kaltzeit /-Eiszeit. Daran schließt sich die bis heute anhaltende Warmzeit / Interglazial an, das sog. Holozän (Beginn 10.200 Jahre vor heute), in der sich entscheidende kulturelle und siedlungsgeschichtliche Entwicklungen einstellten. Diese Periode von etwa 10.000 Jahren gilt unter Klimaforschern als klimatisch ausgesprochen stabil und von bemerkenswert langer Dauer. Betrachtet man jedoch die Klimaentwicklung in höherer zeitlicher Auflösung und versucht, das Augenmerk auch auf weniger dramatische Fluktuationen mit entsprechend kleinerer Amplitude zu lenken, so wird eine signifikante "Instabilität’ sichtbar und ihre Auswirkungen auf menschliche Aktivitäten wie die Ausbreitung und Veränderung der Ökumene betont.

Allein in den letzten 3.600 Jahren die hochpolaren Gletscher Nord- Spitzbergens mindestens siebenmal kräftige Vorstöße und entsprechende Rückschmelzphasen erlebt haben. Diese Schwankungen blieben innerhalb der Reichweite, die das Rückschmelzen der Gletscher seit dem Jahr 1850 – dem Ende der "Kleinen Eiszeit" vollzogen haben. Hierbei muss es sich zwangsläufig um natürlich induzierte Klimaschwankungen handeln.

Zu Fuß von Sibirien nach Amerika

Die Bildung gigantischer Eismassen auf dem nordamerikanischen Kontinent (Laurentischer Eisschild), über Nordwest-Europa (Fennoskandischer Eisschild), die Zunahme der antarktischen und grönländischen Vereisung sowie die verstärkte Vergletscherung der Hochgebirge ließen den Weltmeeresspiegel um ca. 130 Meter absinken. Manche Schelfmeere fielen trocken, die damalige Küstenlinie war regional deutlich zurückgewichen, die Festlandsfläche damit größer.

Im Hoch- und Spätglazial der Würm-(Weichsel-) Eiszeit (ca. 25.000 – 11.000 Jahre vor heute vollzog sich die letzte transkontinentale Einwanderung: Asiatisch- mongolische Stämme kamen über die Trockengefallene Beringstraße von Ost- Sibirien nach Alaska, das damals nur teilweise vergletschert war. Entlang der Rocky Mountains gelangten sie auf das Territorium der heutigen USA, wo sie die Ureinwohnerschaft der beiden amerikanischen Kontinente begründeten – die paläoindianische Urbevölkerung, aus der die Inuits hervorgingen ebenso wie die Indios Südamerikas.

Weltweite kühle oder kalte Klimaperioden sind durch einen Rückgang von Waldgesellschaften gekennzeichnet. Im Gegenzug breiten sich Savannen, Steppen und Wüsten aus. Die Ursache dafür liegt in der kälteren troposphärischen Luft, die weniger Feuchtigkeit aufnehmen kann und damit generell weniger Niederschläge produziert. Änderung in den Strukturen der gesamten atmosphärischen Zirkulation stellten sich ein. (In der letzten Kaltzeit/Eiszeit sank die Globaltemperatur auf 11°C; die der jetzigen Warmzeit liegt bei etwa 15°C.) Die nach Nordamerika eingewanderten Völkerschaften trafen also vornehmlich Tundren und Steppen an, in denen sie jagen und ihre Lebensform weit verbreiten konnten. Die im Naturzustand schwer durchdringlichen tropischen Regenwälder Mittelamerikas und Amazoniens waren nur noch in inselartigen Rückzugsgebieten erhalten geblieben. In der Nacheiszeit breitete sich der heute anthropogen stark reduzierte amazonische Regenwald unter den warmzeitlichfeuchten Klimabedingungen wieder aus und verdrängte die kaltzeitlich- trockeneren Vegetationsgesellschaften.

Das Beispiel, zeigt, welche Veränderungen an Ökosystemen und Lebensraumgrenzen durch eine nur um 4 K abgesenkte Globaltemperatur nach sich zieht.

Kälterückfall in der Tundrenzeit

Das sog. Spätglazial steht für das Abklingen der Würm- /Weichselzeitlichen Vereisungsphase. Der Übergang zur nachfolgenden jetzigen Warmzeit ("Holozän"). erfolgt unstetig und global nicht völlig synchron. Das nordamerikanische Inlandeis schmilzt ab und erzeugt einen riesigen Schmelzwasserstausee, der die Fläche der kanadischen Provinzen Sasketchewan, Manitoba sowie der amerikanischen Staaten N- und S- Dakota und Minnesota umfasst ("Agassiz- Eisstausee"). Ein Ausbruch gewaltiger Wassermassen und Eisbergtrümmer über die heutigen kanadisch- amerikanischen Seen weiter über den St. Lorenz-Strom ergießt sich in den Nordatlantik und unterbricht den wieder angelaufenen Golfstrom. Das leichtere Süßwasser vermindert die thermohaline Zirkulation, d. h. das Absinken besonders salzhaltiger, kalter und damit dichterer Wassermassen. Der zugehörige Nachstrom warmen Tropik- Wassers in den Nord- Atlantik wird blockiert, die "Fernwärme" bleibt aus: In West- und Nordeuropa zieht für knapp 1.000 Jahre erneut die Eiszeit ein. Die erst junge Wiederbewaldung geht zurück. Permafrost breitet sich wieder im Untergrund aus, Gebirgsgletscher wie auch die restlichen Inlandeismassen über Skandinavien stoßen erneut vor. Die spätglazialen Jäger- Kulturen in Europa müssen sich an neue, restriktive Lebensbedingungen eines Tundren- Klimas anpassen – an die Phase der "Jüngeren Tundren- Zeit" oder "Jüngere Dryas- Zeit" zwischen 11.000 und 10.200 Jahren vor heute. Dieser Vorgang demonstriert eindringlich die Wechselwirkung zwischen Ozean und Festlandklima, wobei dem Energieaustausch über Meeresströmungen eine steuernde Rolle zukommt.

Nacheiszeitliches Wärmeoptimum: Paradiesische Zustände

Nach dem drastischen Kälterückschlag im Spätglazial folgt beinahe unvermittelt eine globale Wärmezeit – ein neues Interglazial. Man kann davon ausgehen, dass mit dem Datum "10.200 Jahre vor heute" die letzte Kaltzeit mit dem Zerfall der Gletschermassen definitiv zu Ende war und sich unmittelbar die bisher wärmste nacheiszeitliche Klimaperiode anschloss – das sog. "Postglaziale Wärmeoptimum" (Boreal und Atlantikum). Es dauerte mehrere tausend Jahre und brachte ganz entscheidende kulturgeschichtliche Entwicklungen in Gang. Die Temperaturen dürften 2 – 2,5°C höher gelegen haben als heute.

Der Übergang von kaltzeitlichen zu interglazial- warmzeitlichen Klimabedingungen vollzog sich jedoch nicht völlig synchron. Die atmosphärische Zirkulation und die sie teilweise steuernden ozeanischen Bedingungen mussten sich umstellen und Platz greifen. Selbstverstärkungseffekte brauchten Zeit, sich klimatisch auszuprägen. Die Folge war schließlich ein Globus mit neuen Klima-, Vegetations- und Bodenzonen.

Das postglaziale Wärmeoptimum mit seiner Feuchte veränderte die paläogeographische Situation vollkommen. Datierungen geben Hinweis darauf, dass seit etwa 8.000 Jahren – in der Zeit des Atlantikums - vermehrte Feuchte existierte, die von monsunal- tropischen Niederschlägen stammt. Das südwestliche Afrika war insgesamt feuchter, die Wüste Namib deutlich geschrumpft. Große Teile der heutigen Wüste Sahara waren "grün", dürften etwa dem Ökosystem einer Trockensavanne mit Galeriewäldern entlang der Wadis entsprochen haben. Bekannte Felsmalereien wie die "Schwimmer in der Wüste" vom Djebel Uweinat belegen eindrucksvoll die ökologische Gunst durch vermehrte Niederschläge in diesem Raum. Im Verlauf des Postglazialen Klimaoptimums war in der Sahara sogar die Domestikation von Rindern möglich.

Die Erfindung der Sesshaftigkeit

Der Eishaushalt ging im Atlantikum auf sein bisheriges Minimum zurück – der zugehörige Meeresspiegelanstieg ließ zahlreiche Küstenabschnitte untergehen: Die sog. "Flandrische Transgression" erreichte einen Stand ca. 1 m über dem heutigen, Küstenkulturen gingen unter.

Im Bereich des "Fruchtbaren Halbmonds" (Palästina, Libanon, Syrien, Mesopotamien, Türkei, Persein) vollzieht sich die "Neolithische Revolution" (ca. 7000 v. Chr.): Aus nomadisierenden Wildbeuter- Kulturen entwickeln sich sesshafte Ackerbauern- Gesellschaften und Viehzüchter. Jericho wird gegründet, die älteste Stadt der Welt. Ein stationäres Städteleben und -wesen wird möglich, weil geregelte Versorgung aus dem nahen Umland besteht. Die Agrartechnik entwickelt dabei schon unterstützende, die Produktivität steigernde Bewässerungssysteme.

Vom Fruchtbaren Halbmond aus verbreitet sich (seit 8.000 Jahren v. h.) die Lebensform sesshafter Bauern durch Einwanderung oder durch Kontaktdiffusion bis nach Zentraleuropa. In bestimmten Bereichen wird die Megalithkultur (Großsteingräber) gepflegt. Leistungen, wie z. B. beim Aufbau gigantischer Großsteingräber von Antequera / SO- Spanien oder New- Grange/Irland, der Steinanlage Stonehenge/England, aber auch bei den unzähligen kleineren Dolmen und Hügelgräbern (Steinkammergrab in Lohra) nötig waren, werden nicht von ausgemergelten Kräften erbracht. Diese Gesellschaften konnten sich auf eine produktive, überschüssige Landwirtschaft stützen – erklärbar durch eine ausgesprochen günstige Klimasituation mit optimalem Jahreszeitenverlauf und verlässlichen Ernten. Es sind vor allem Bandkeramische Kulturen, die Mitteleuropa besiedeln.

Grau- und Braunhuminsäurereiche Böden und ihre kaltzeitlichen Löss- Beimengungen sind als ein wesentlicher Grund für die weit überdurchschnittliche, nachhaltige Fruchtbarkeit zu sehen, die die Grundlage bildete für eine über Jahrhunderte durchhaltende Besiedlung und Nutzung dieses Raumes. Das milde sommerwarme Klima des Atlantikums mit seinen verlässlichen Witterungsverläufen ist verantwortlich für eine hohe agrarische Produktivität und die erfolgreiche Behauptung der Jungsteinzeitlichen Kulturen in Mitteleuropa.

Generell lässt sich betonen, dass die klimatische Gunstperiode und in ihrem Gefolge das gesamte paläoökologische Milieu verantwortlich war für die weit reichende Ausbreitung neolithischer Kulturen. Das postglaziale Wärmeoptimum mit seinen etwa 2°/2,5°C höheren Jahrestemperaturen und regional deutlich höheren Niederschlägen hatte globale Auswirkungen. Die Waldgrenze auf der Nordhalbkugel war um 300 – 400 km nach Norden verschoben, die asiatischen Steppenareale waren geschrumpft. Die Wüsten der Erde hatten ihre kleinste Ausdehnung, die Hochgebirge ihre geringste Vergletscherung, gegenüber heute und eine um 200 – 300 m höhere Waldgrenze (bis 2300 m ü. M.).

"Ötzi’s" Tod - abruptes Ende der nacheiszeitlichen Klimagunst

Der Tod des "Ötzi" vor 3.300 Jahren v. Chr. lässt sich als frappierendes Klimazeugnis interpretieren: Sein Tod vor 5300 Jahren bestätigt einen sprunghaften Klimawechsel, der das postglaziale Wärmemaximum schlagartig beendete. Ohne zwischenzeitlich länger wieder aufgedeckt zu werden – dann wäre die Leiche zerfallen – überdauerte der "Eismann" mehr als fünf Jahrtausende, bis durch die aktuelle klimatische Erwärmung die abtauende Firnkappe am Hauslabjoch die Mumie wieder freigab. Vertreibung aus dem Paradies?

Das postglaziale Wärmeoptimum hat zweifellos der Kulturgeschichte entscheidende Impulse gegeben und völlig neue Entwicklungen in Gang gesetzt. Gern wird deshalb von der "Neolithischen Revolution" gesprochen, wenn die Erfindung des sesshaften Ackerbaus gemeint ist. Die wahrhaft günstigen Lebensmöglichkeiten, die hier nur exemplarisch angedeutet werden, sind möglicherweise dem biblischen Paradies gleichzusetzen, einer Leichtigkeit des Lebens: Es ist sicherlich nicht allzu gewagt, hierin eine Übereinstimmung mit dem Klimaoptimum des Holozäns zu sehen, dessen Ursache in erster Linie mit der Konstellation der Erdbahnparameter erklärt werden kann (Sonnenwinkel, Energieeinstrahlung, Selbstverstärkungseffekte). Mit dem Ende dieser paradiesischen Epoche geht der Globus wieder der nächsten Eiszeit entgegen, jedoch nicht geradlinig, sondern auf einer seichten klimatischen Achterbahn mit Temperaturamplituden von nur 1 – 2°C, aber beträchtlichen Folgen. Um im Bild zu bleiben – es ist die "Vertreibung aus dem Paradies".

Klimapessimum der Bronzezeit (3.200 – 2.600 v. h.)

Auf die nacheiszeitliche Wärmezeit folgt eine ausgeprägte Kältepoche – zumindest in Europa: die Bronzezeit. Die Jahresmitteltemperatur 1 – 2°C niedriger als heute. Es ist die kälteste Periode seit dem Ende der Würm- Kaltzeit. Verbreitet stoßen die alpinen Gletscher weit vor. Regional verursachen Missernten gravierende Versorgungsprobleme. Möglicherweise sind die Folgen der Klimaverschlechterung aber auch ein Stimulans für technologische Fortschritte in der Bronzezeit. Wüstenhafte Verhältnisse breiten sich auf verschiedenen Kontinenten erneut aus. Es entwickelt sich der ungefähre heutige Stand der Wüstengrenzen. Das nördliche Afrika erlebt in der Folge der Aridisierung das Aufblühen einer Hochkultur vor allem in Ägypten. Vielleicht stimulieren die veränderten Klima- und Lebensraumbedingungen auch hier die Innovationsfähigkeit und den technologischen Fortschritt. In der Zeit um 3000 v. Chr. entstehen die ersten Pyramiden.

Römerzeitliches Klimaoptimum (2300 – 1600 Jahre vor heute)

Auffällig ist im weiteren Verlauf der klimatischen Entwicklung ein zyklisches Auf und Ab der Temperaturkurve im Abstand von einigen hundert Jahren. So lässt sich die Ausdehnung des Römischen Imperiums zumindest teilweise durch eine klimatisch günstige Situation unterstützen: Die Jahresmitteltemperatur in Europa ist 1 – 1,5°C höher als heute.

Die Expansion des Imperium Romanum wird erleichtert, indem z. B. die Alpenpässe auch im Winter benutzt werden können. (Hannibal überquerte 217 v. Chr. mit 38.000 Mann Fußtruppen, 8.000 Reitern und 40 Elephanten die Alpen.)

Die Römer kolonisierten Süd- und Südwestdeutschland. Wie im Neolithikum waren die Beckenlagen und Flussläufe bevorzugte Siedlungsbereiche. Es kam zu Städtegründungen (Trier als älteste Stadt Deutschlands) – ein Hinweis auf eine leistungsfähige Landwirtschaft und eine leistungsfähige Infrastruktur auch in peripheren Lagen (Kontaktachsen mit Rom).

Im Jahr 54 v. Chr. gelang die römische Invasion in Britannien. Die Römer führten den Weinbau in England ein – ein deutliches Signal für ein damals wärmebegünstigtes Klima. Der Handel Nord - Süd florierte ebenso wie der West – Ost - Handel über die Seidenstraße, die dank entsprechender Versorgungsmöglichkeiten (Wasser, Agrarprodukte) bis 400 n. Chr. aktiv war. Klimatisch herrschten berechenbare, stabile Verhältnisse, wenig die Versorgung beeinträchtigende Variabilität.

Zeit der Völkerwanderungen: Klimapessimum (3. – 6. Jahrh. n. Chr.)

Die Klimaschaukel neigt sich wieder zur anderen Seite: Anschließend an das römerzeitliche Optimum zieht ein kühles, stark wechselhaftes Klima in Süd- und Mitteleuropa ein. In den Alpen wachsen die Gletscher; römische Straßen und Goldgruben werden zerstört. Ebenfalls sinkt in Folge der Klimaverschlechterung die Baumgrenze. Europäische Küsten erleben eine Zeit heftiger Sturmfluten und geomorphologischer Veränderungen.

Gletscher als sehr sensible Klimaindikatoren signalisieren auch hier mit ihren Vorstößen die klimatische Veränderung. In Nord- und Nordwesteuropa stellen sich auf Grund von Ernteausfällen gravierende Versorgungsprobleme und Hungersnöte ein. Letztere geben sehr wahrscheinlich den entscheidenden Anstoß für eine Nord- Süd-, West- und Südwest - Wanderung ganzer Volksstämme.

Ab 300 n. Chr. bestimmen sinkende Temperaturen und Trockenheit das "Pessimum der Völkerwanderungszeit". Für 270 n. Chr. werden Abkühlung und Aridisierung auch aus Italien, Arabien und Innerasien berichtet. Zwischen 300 und 400 n. Chr. lassen Dürreperioden den Handel über die Seidenstraße zum Erliegen kommen, sie verfällt.

Die zeitgleichen Hunnen- Einfälle in Europa könnten selbst wiederum klimatisch mit verursacht worden sein, und zwar durch die Austrocknung der Weideflächen in Zentralasien. Kunde über üppigere Weidemöglichkeiten im regenreicheren Westen Europas dürfte über die Seidenstraße verbreitet worden sein.

In den Hunnen- Einfällen ist ein weiterer Dominoeffekt im Prozess der Völkerwanderung zu vermuten, nicht aber die Ursache. Sie liegt in einer klimatisch begründeten physischen- und sozialen Krise. In diese Zeit fallen viele Schenkungen an Klöster und andere Einrichtungen, was auch die Ersterwähnung von Lohra im Codex Eberhardi (Kloster Fulda) hervor brachte.

Mittelalterliches Wärmeoptimum (1000 – ca. 1230 n. Chr.)

Nach der schwierigen Ära Karls des Großen steigen die mittleren Temperaturen im Vergleich zu heute um 1,5-2°C. Die Anbaugrenzen in den deutschen Mittelgebirgen reichen ca. 200 m höher als gegenwärtig. Es beginnt damit die eigentliche Erschließung dieser Räume bzw. Höhenstufen (die hiesigen Berge waren nicht bewaldet, sondern landwirtschaftlich genutzt). Vom 11. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts erlebt die Kulturlandschaft Deutschlands ihre bisher größte Ausdehnung und höchste Bevölkerungsdichte. Der Flächenanteil des Waldes geht unter 20 % zurück. Ackerflächen und insbesondere das Dauergrünland nehmen entsprechend zu.

In den Altsiedelgebieten erfolgen vermehrt Städtegründungen (Lohra war als Stadt geplant). Das mittelalterliche Wärmeoptimum ermöglicht aufgrund idealer und nachhaltiger agrarischer Produktionsbedingungen die Versorgung einer wachsenden städtischen Bevölkerung und damit auch den Ausbau von Handel und Gewerbe. Ausdruck einer leistungsfähigen, Überschuss erzeugenden Gesellschaft sind m. E. Bauweise und Stil der Gotik. Eine himmelstrebende, aufwändige Architektur, ausgeführt mit handwerklicher Perfektion, erscheint sinnbildlich für die physische Gunst und damit für die Vitalität, Kreativität und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in dieser Zeit.

Wärmegunst auch in hohen Breiten

Dieser mittelalterliche Temperaturanstieg erlaubte Weinbau nun auch in klimatisch bisher ungeeigneten Lagen Ostpreußens, Pommerns oder Südschottlands (an Südhängen im unserer Region wurde ebenfalls Wein angebaut). In Norwegen war zu dieser Zeit Getreideanbau bis in 65° nördlicher Breite möglich. Periphere Ungunstgebiete hoher Breite wie Island und Grönland wurden jetzt durch die Wikinger besiedelt. Auf dem randpolaren Island wuchsen damals Wälder. Das neue Klimaoptimum gestattete dort neben der Schafzucht auch Getreideanbau.

Neuzeitliches Klimapessimum: Die "Kleine Eiszeit" (ab 1330; v. a. 1550 – 1850 n. Chr.) Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts kann man den Beginn der sog. "Kleinen Eiszeit" ansetzen – einen erneuten Klimawandel zu kaltem, wechselhaftem Klima mit entsprechend negativen Auswirkungen auf den wirtschaftenden Menschen. 1313 bis 1319 stellten sich Extremereignisse mit Überschwemmungen ein.

1342 kam es zu einer ungeheuren Hochwasserkatastrophe (Magdalenenhochwasser, 21/22. Juli) in Mitteleuropa, verbunden mit einer beträchtlichen Umgestaltung der Kulturlandschaft durch Bodenerosion. Während einer außergewöhnlichen Wetterlage (Vb-Wetterlage) generiert sich aus einem mehrtägigen wolkenbruchartigen Dauerregen eine "Jahrtausendflut". Der Bodenabtrag auf den Nutzflächen ist gewaltig. Man schätzt, dass auf dieses eine Ereignis die Hälfte des gesamten Bodenverlustes der letzten 2.000 Jahre entfällt (auch bei uns kann man heute noch die Folgen dieses Bodenabtrages erkennen).

Im Gefolge dieser Entwicklung treten Pestepedemien (zw. 1347 und 1352) auf – die Bevölkerung ist auf Grund der Mangelversorgung durch die Klimakrise geschwächt und für Seuchen disponiert. Zusammen mit den Opfern der Hungersnöte reduziert sich die Bevölkerung um mehr als 40%. Viele bewohnte Siedlungsplätze werden auch bei uns zu Wüstungen und die Bevölkerung konzentriert sich in den Gemeinden und Städten. Mitteleuropa erlebt einen zivilisatorischen Rückfall mit Aberglauben und Hexenverfolgung.

Krise und Auswanderung

Vor allem vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lassen sich kräftige Gletschervorstöße in den Alpen registrieren. Die Waldgrenze sinkt wieder spürbar ab. Der Höhepunkt der Entwicklung wird in Mitteleuropa um 1640 erreicht, zur Zeit des 30-jährigen Krieges.

Vor allem Süd- und Südwestdeutschland leidet unter häufigen Missernten durch nasskalte Sommer und extreme Jahreszeitenausprägungen. Das Getreide reift nicht mehr aus, die Ernte verfault, Mehltau- oder anderer Pilzbefall beeinträchtigt das Ernteergebnis, Teile der Bevölkerung werden durch Mutterkornvergiftungen betroffen. Unmittelbare Folgen der Agrarkrise sind Wüstungen in Mittelgebirgen; die Höhenlandwirtschaft wird aufgegeben.

Mit der Abwanderung der Bevölkerung in die Städte verschärft sich dort, wie auch auf dem Lande, die Versorgungslage (Mangelernährung, Hygiene-Probleme). Getreide wird sehr knapp und damit teuer. Mitteleuropa erlebt einen weiteren drastischen Bevölkerungsrückgang um 30 – 40 % und Auswanderungswellen in die Neue Welt.

Im nördlichen Europa erreicht die sog. Kleine Eiszeit ihren absoluten Höhepunkt um 1680 – 1700 mit schlechten Getreideernten in Schottland, Irland, Skandinavien und dem Baltikum. Während der Renaissance werden zum Teil die Loggien verbaut. Im Nordatlantik nimmt die saisonale Eisbedeckung wieder zu. Grönland wird vom Mutterland abgeschnitten. Die Inuits verdrängen die Wikinger, übernehmen deren Siedlungen. Island wird zunehmend vom Packeisgürtel blockiert.

Innerhalb der "Kleinen Eiszeit" (1550 – 1850) treten auch mildere Abschnitte und sogar sehr warme Einzeljahre auf. Klimatisch ist die Phase durch eine große Variabilität und damit durch ein großes Produktivitätsrisiko gekennzeichnet. Variabilität bedeutet damit Lebensbedrohung und Zukunftsangst. Spontane wie auch prophylaktische Auswanderungswellen in die "Neue Welt" sind die verständliche Folge. In das Klimapessimum der Kleinen Eiszeit fallen zusätzliche Extremereignisse, die die Versorgungssituation verschärfen, z. B. Vulkanausbrüche 1812 – 1817 in Indonesien. 1815 explodierte der Vulkan Tambora. Der um den Globus ziehende gewaltige Aschenauswurf bescherte Teilen der Welt ein "Jahr ohne Sommer".

Es zeigt sich, dass die Zeiträume mit den kältesten Sommern während der letzten knapp 400 Jahre in der Mitte des 17. Jahrhunderts und um 1700 auftraten. Jedoch kommen auch um 1780 – 1790, 1810 – 1820, 1860 – 1870, 1905 – 1920 und 1950 – 1970 Perioden mit einer erhöhten Häufigkeit kalter Sommer vor. (Es ist denkbar, dass solche kurzen Schwankungen innerhalb einer längeren kühlen Klimaperiode auf Sonnenfleckentätigkeit zurückgeführt werden können.)

Neuzeitliches Wärmeoptimum (seit 1850)

Mit dem Jahr 1850 geht die krisengeschüttelte "Kleine Eiszeit" zu Ende. Nun lässt nach mehreren Jahrhunderten ein neuer, natürlich bedingter Temperaturanstieg die Gletscher weltweit und deutlich sichtbar abnehmen. In fast allen Hochgebirgen markieren Endmoränenwälle den Maximalstand des Eisvorstoßes und den Beginn der jüngsten Klimafluktuation.

Für diesen Prozess der Erwärmung und des Eisrückgangs kommt nur schwerlich eine unmittelbar anthropogene Verursachung in Betracht. Zwar ist die Entwaldung speziell in Europa im Laufe der vergangenen Jahrhunderte kräftig vorangeschritten, die Folgen der Industrialisierung verbunden mit dem eskalierenden Verbrauch fossiler Brennstoffe und der landschaftsschädigenden, emissionsfördernden Bevölkerungsexplosion dürften aber zu diesem Zeitpunkt noch kein klimasteuerndes Ausmaß erreicht haben.

Der Hauptwärmetransport und globale Energieaustausch geschieht über die ozeanischen Wassermassen und Strömungen. Angetrieben wird ein gigantisches weltweites Konvektionssystem: Die in den polaren Breiten erzeugten dichten (besonders salzhaltigen und kalten) Wassermassen sinken in tiefere Bereiche des Ozeans ab und müssen durch nachströmende wärmere Oberflächenwässer ersetzt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der eingangs erwähnte Golf-Strom, dessen Ausläufer bis in das Nordpolarmeer reichen, wo auch die Abkühlung des Wassers mit Hilfe der Meereisbildung und Luftmassen erfolgt.

Sollte die zur Zeit laufende natürliche Klimaerwärmung durch anthropogene Verstärkung (Emissionen, Waldvernichtung usw.) die natürliche Steuerung des Klimasystems abwandeln, könnte der Antrieb des Golfstroms mangels ausreichender Kaltwasserproduktion abgeschwächt werden oder gar zu Erliegen kommen: West- und Nord-Europa könnte seine "Fernwärmeheizung" einbüßen. Dann dürften deutlich kältere und unwirtliche Lebensbedingungen drohen als zu den schlechtesten Phasen der Nacheiszeit – mehr als nur eine "Kleine Eiszeit".

Keine Rückkehr in die Goldene Zeit

In historischen und prähistorischen Zeiten geringer Bevölkerungsdichte waren wärmere Klimaperioden stets auch Gunstzeiten für die Bevölkerung. Großräumige Veränderungen an der Naturlandschaft (Rodung, Flächenverbrauch, Versiegelung usw.), wie sie vor allem mit der Bevölkerungsexplosion seit Beginn der Industrialisierung in Gang gekommen sind, bringen jedoch für menschliche Lebensräume zwangsläufig eine verstärkte Anfälligkeit gegenüber Naturgefahren mit sich.

Mit dem zusätzlichen anthropogenem Dreh an der Klimaschraube greift der Mensch in ein System ein, dessen Wirkungsweisen und Synergien er noch nicht ausreichend kennt. Was er damit ergänzend bewirkt, ist noch umstritten und spekulativ.

Zunächst muss sich jedoch die Menschheit sicherheitshalber auf einen verstärkten Gegensatz zwischen polarer Kaltluft und (noch) wärmerer Mittelbreiten- und Tropikluft einstellen. Das bedeutet für Europa heftigere Stürme, häufigere Starkregen und Überflutungen, zunehmende Massenbewegungen an Tal- und Berghängen u.a.m.

Die Goldenen Zeiten des Atlantikums kommen nicht wieder: In einer überbevölkerten Welt verkehrt sich zusätzliche Erwärmung in erhöhtes Risiko. Es leben heute zu viele Menschen in gefährdeten Regionen wie in Tiefländern, an eingedämmten Flussläufen, an Küsten, in versiegelten Ballungsgebieten, in engen Gebirgsräumen, großflächig entwaldeten Flachlandschaften usw. – die Betroffenheit gegenüber klimatischen Extremen wächst exponentiell.

Siehe auch

Für Neugierige · Chronik · Geschichte · Großgemeinde · Landschaft und Natur · Recherche

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