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Geschichte

Inhaltsverzeichnis

Allgemein

Frühzeit und Antike

Von der frühen Besiedlung im Gebiet Lohras zeugt das 1931 entdeckte Steinkammergrab am Gernstein im OT Lohra, das der ausklingenden Germanisch kaiserzeitlichen Siedlung bei Altenvers der Jungsteinzeit zuzuordnen ist.
Bild:Steinkammergrab-Lohra-1931.jpg
Das Steinkammergrab von Lohra, 1931
Die hier bestatten Männer, Frauen und Kinder, deren Zahl sich auf ca. 20 Personen belaufen haben muss, wurden überraschender Weise verbrannt. Außerdem war den Toten für ihre Reise ins Jenseits, im Gegensatz zu den anderen Steinkammergräbern Nordhessens, reichlich Keramik und andere Alltagsgegenstände mitgegeben worden. Henkelbecher (die aufgrund ihrer Einzigartigkeit auch als "Lohraer Becher" in die Fachsprache der Archäologie Eingang gefunden haben), Tassen, Schalen, eine Serpentinaxt, ein kleines Steinbeil sowie eine retuschierte Kieselschieferklinge und Bronzeblechstückchen waren im Fund enthalten. Einige Fundstücke werden seit 1931 im Hessischen Landesmuseum in Kassel aufbewahrt.

Bei Altenvers wurden Überreste einer Germanisch kaiserzeitlichen Siedlung aus der römischen Kaiserzeit gefunden, in der wahrscheinlich Metall verarbeitet wurde.

Frühmittelalter

Erstmals erwähnt wird Lohra in einer Eintragung in das Güterverzeichnis des Benediktinerklosters Fulda in der Mitte des 8. Jahrhunderts und wenig später im Schenkungsbuch des Klosters Lorsch als "loco lare":

Gerbrechti in Larere. Regnante itaque Karolo piissimo rege, presidentque huic loco Gundelando, primo abbate tradiderunt ad Lauresham St. Nazario, Castwich et Gerbrecht, filius eius res suas in pago Logenehe in villis Larere marca (et in Duda marca) scilicet Campos, Prata, aquas aquarumque decursus. 769, Dec. 1.Karlus, Rex Gundelando, abbas.

Die dt. Übersetzung lautet:

Gerbrechts (Besitz) in Lohra. Unter Regierung Karls, des frommen Königs, und unter der Leitung des ersten Abtes dieses Klosters, Gundeland, haben Kastwich und dessen Sohn Gerbrecht an Lorsch, dem heiligen Nazarius, ihren Besitz im Lahngau, in den Orten Lohra (und in der Duda Mark) geschenkt, und zwar Felder, Wiesen, Wälder, Gewässer und Wasserläufe. 769, Dezember 1. Karl, der König Gundeland, Abt.

Der Name "Lare" kann der altgermanischen, vorfränkischen Sprachschicht zugeordnet werden und bedeutet möglicherweise "Ort am Wasser". Wer vor den Franken in Lohra siedelte, ist bis heute noch nicht endgültig gesichert, wahrscheinlich waren dies aber Kelten (bis ca. 50 v.Chr.) und danach die germanischen Chatten, später als Hessen bekannt, die möglicherweise Lohra zu seinem Namen verhalfen.

Im 8. Jahrhundert / 9. Jahrhundert scheint Lohra Gerichtsstätte (damals "Malstatt") der fränkischen Gaugrafschaft, als pagus lare (Gau Lohra) bezeichnet, die der später überlieferten Grafschaft Ruchesloh entsprach, gewesen zu sein.
Bild:Lohra-ortskern.jpg
Der mittelalterliche Ortskern Lohras im 13. Jahrhundert
Religiöser Mittelpunkt dieser Gaugrafschaft scheint ein Flurstück namens Retschloh (d.h. Ruchesloh) bei Oberweimar sowie die dortige Martinskirche gewesen zu sein, auch dort wurde die Gerichtsbarkeit ausgeübt. Das Territorium der Gaugrafschaft reichte bis ins Amöneburger Becken und an den Vogelsberg und scheint ungefähr den Raum der späteren Lahn-Ohm-Grafschaft eingenommen zu haben.

Mittelalter

Etwa um 1238 wurde die heutige (spätromanische) Kirche in Lohra anstatt einer bereits vorhandenen erbaut. Auf dem Kirchengelände wurde im Jahr 2003 im Rahmen von Restaurationsarbeiten an der Kirchhofmauer ein Münzschatz von Lohra gefunden, der hauptsächlich sogenannte Wetterauer Brakteaten aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts enthielt.

In der Grafschaft Ruchesloh, die 1237 an das Erzstift Mainz gelangte, war Lohra Mittelpunkt eines Gerichts (Gerichte Lohr), das ungefähr den Verser Grund sowie Teile der heutigen Gemeinde Fronhausen umfasste. Allen verwertbaren zeitgenössischen Dokumenten zufolge setzte sich die Grafschaft Ruchesloh aus den Centen (Hundertschaftsbezirken) in den Gebieten um Amöneburg, Buseck, Ebsdorf, Gladenbach, Homberg/Ohm, Kirchberg (um Lollar), Kirtorf, Lohra, Londorf, Merlau und Reizberg (um Niederweimar) zusammen.

Bild:Gericht-lohra-fronhausen.jpg
Das sog.Gerichte Lohr im Spätmittelalter

Im Jahre 1366 brannte der Graf von Nassau auf einem Rachefeldzug gegen den hessischen Landgrafen Lohra nieder, die Dorfbevölkerung floh in die Wälder, die reichsten und angesehensten Dorfbewohner wurden von den Nassauern zusammen mit dem gesamten Vieh verschleppt, um sie dann für ein hohes Lösegeld wieder freipressen zu lassen.

Nach der Aufteilung der Landgrafschaft durch Philipp den Großmütigen 1567 kam Lohra zu Hessen-Marburg.

Als im Dreißigjährigen Krieg die Schweden durch Hessen zogen, brachen für die Dörfer der heutigen Gemeinde harte Zeiten an. Viele Bewohner flohen nach Marburg und fanden auf dem Landgrafenschloss Zuflucht, während ihre Dörfer von marodierenden Landsknechten geplündert wurden. Als 1648 der Westfälische Frieden den Dreißigjährige Krieg beendete und auch der sog. Hessische Kriegn zu Ende ging, kam der nördliche Teil Hessen-Marburgs, also auch Lohra, zu Hessen-Kassel.

Neuzeit

Zur Zeit des Reichsdeputationshauptschluss 1803 und der napoleonischen Epoche ging die Gemeinde Lohra im Königreich Westfalen auf, wo es das Kanton Lohra gab, dessen Hauptstadt Kassel war. Nach der Niederwerfung Napoleons übernahm Landgraf Wilhelm nun als Kurfürst die Herrschaft über Kurhessen.

1866 wurde Kurhessen, also auch die Dörfer der Gemeinde Lohra, von Preußen annektiert und mit dem ebenfalls einverleibten Nassau zur preußischen Provinz Hessen-Nassau umgewandelt.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg bahnte sich für Lohra die Wandlung von der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde zur Arbeiterwohngemeinde an, ein Prozess, der sich zwischen den beiden großen Kriegen fortsetzte.

1946, bedingt durch die Heimatvertriebenen, stieg die Einwohnerzahl in einem gesunden Verhältnis zum vorhandenen Wohnraum an.


Verwaltungsgeschichte

Ortsteile

Lohra

Lohra, ein alter fränkischer Grafensitz

Der Orts-Grundriß zeigt die Anlage eines hochmittelalterlichen Fleckens

Die große Landgemeinde Lohra an der Salzböde feierte 2002, dass sie vor 1250 Jahren erstmals in der schriftlichen Überlieferung auftauchte; denn zwischen 750 und 779 schenkten ein Grundherr Adelmann und seine Frau ihren dortigen Besitz samt den zugehörigen Leuten (und deren Gehöften) dem 743 gegründeten Kloster Fulda.

Das 1931 ergrabene Steinkisten-Sippengrab auf dem „Gernstein" –nahe der zwischen der Mappesmühle (bei der wüsten Wasserburg Offenhausen und dem Dorf sprudelnden Salzquelle - bezeugt schon für die Jungsteinzeit einen hervorragenden Ansitz zu Lohra. Daß dann 770 ein Haldrat (wohl ein Verwandter jenes Adelmann) seinen dortigen Herrenhof und 16 nachgeordnete, zumeist wohl weit verstreute Gehöfte an das Reichskloster Lorsch (östl. Worms) übergab, hebt die Bedeutung Lohras um so mehr, als er zu Füßen des alten Lahngau- und Grafschafts-Mittelpunktes Amöneburg um 779 sein königliches Lehnsgut Roßdorf an Fulda verschenkt. Obendrein muß der etwa 120 m breite Dorfhügel, der zwischen Kirbach-Grund und Hollergraben zum Salzböde-Tal leicht abhängt und von Natur aus wehrhaft erscheint, gerade im 8./9. Jahrhundert zugleich den Amtssitz eines fränkischen Grafen getragen haben, denn der damals mehrfach als Gau oder Mark genannte Lohrer Bezirk (mit der Malstatt „Altes Ding") scheint ziemlich genau der viel später überlieferten Grafschaft Ruchesloh (mit der Malstatt bei Oberweimar) zu entsprechen. In diesem Hoheitsbereich ist Lohra 1237, als er durch die Edelherrn von Merenberg zu Gleiberg an das Erzstift Mainz verkauft wird, und auch späterhin Mittelpunkt eines den Verser Grund (und zeitweise auch Oberwalgern samt Zubehör) mit umfassenden Gerichtes. Schon vor 1240 gibt es, wohl aus dem Gutsverwalter (Villicus oder Maier) entwickelt, einen niedren Ortsadel v. Lohra, und 1238 ist hier erstmals ein Pfarrer überliefert, also etwa gerade in der Bauzeit der heutigen, spätromanischen Kirche. Obwohl die Vogtei über das Lohrer Reichskirchengut in der Hand der Herren v. Eppstein und der v. Kalsmunt (seit 1297 der Grafen v. Solms) war, setzten wohl schon die letzten Landgrafen von Thüringen die Landeshoheit durch und ziehen den wichtigen Ort dadurch in die Nachwehen der 100jährigen Dernbacher Fehde hinein; 1366 ward der offenbar befestigte Platz - als Vergeltung für das Niederreißen des neuen Burghauses zu Kirchberg an der Lahn - durch den Grafen von Nassau überfallen und verbrannt. Auf die Orts-Umwehrung aber weisen heute außer der festen Kirchhofsmauer nur noch die Lagebezeichnungen „Auf dem Wall" und „Wallgasse". Noch im frühen 13. Jahrhundert wird der umfangreiche fränkische Hofbereich von Lohra durch drei oder vier Amtssitze ausgefüllt gewesen sein, wenn wir dort adlige Vertreter der beiden Vogtsfamilien und der Abtei Lorsch sowie einen besonderen Richter (Schultheißen) vermuten dürfen. Der größere Neubau der Kirche läßt dann für die Zeit um 1240, falls der Vergleich mit den gleichfalls nur erschließbaren Verhältnissen z. B. in Fronhausen und Mardorf erlaubt ist, eine planmäßige Umwandlung der umwehrten Hofsiedlung zu einem fleckenmäßigen Bauerndorf möglich erscheinen, wo ein Teil der alten Ländereien (außer restlichem, unmittelbarem Herrengut) und viel neugewonnenes Rodland nach Landsiedelrecht (in Zeitpacht) verliehen sein mag. Doch sind notwendige Einzelheiten, so die genaue Lage verschiedener adliger Höfe oder der Sitz des Schultheißen, von guten Ortskennern u. a. aus dem Kataster samt zugehöriger Karte des 18. Jahrhunderts zu erarbeiten. Die fast rechteckige Umwallung lehnt sich offenbar an den Steilhang zum Kirbach-Tälchen im Westen, während die andere, östliche Langseite mit ihren 180 m zur flachen Mulde des Hollergrabens und überhaupt die beiden Schmalseiten - im Süden auf dem beginnenden Schlepphang zur Salzböde, im Norden gegen die weiter ansteigende Feldhöhe - wohl noch zusätzlich durch einen breiten Trockengraben (als Laufhindernis für Angreifer) geschützt waren; mitten auf der eigentlichen Front im Norden aber erstand als feste Burg das neue steinerne Gotteshaus mit seinem fast quadratischen Wehrkirchhof von etwa 60 m Durchmesser. Dessen Haupttor öffnet sich neben der Gerichtslinde nach Süd zum ehemals wohl gleichfalls quadratischen Markt, dessen Westseite vielleicht erst nachträglich durch das Rathaus und weitere Gebäude verbaut ward, und zur anschließend weiterziehenden breiten Marktgasse; senkrecht zu dieser Hauptachse verlaufen die Obergasse und die ursprünglich stumpfe Bäckergasse, so daß nur am Ende der Markt- und Obergasse Tore durch die Haingraben-Befestigung anzunehmen sind. Wo sonst unmittelbar neben dem Kirchhof der Pfarrsitz zu liegen pflegt, steht hier im Osten die Kaplanei", indes der eigentliche Pfarrhof sich derart groß und herrschaftlich gehoben auf einem leichten Vorsprung westlich vom Markt breitet, daß hier ursprünglich (vielleicht bis 1366?) mit einem landgräflichen Burghaus als Sitz des Ortsbefehlshabers gerechnet werden darf. So erscheint dieses „Haufendorf" erst recht wie ein planmäßig angelegter stadtähnlicher Flecken, den wohl schon Landgraf Heinrich Raspe bald nach 1237 zur Macht-Verstärkung im südwestlichen Vorland Marburgs einrichtete. Den alten fränkischen Königshof aber mag man etwa im Kern des Lageplanes von Lohra suchen. 6)

Siehe auch

Feuerwehr · Wirtschaft · Geographie · Vereine · Geschichte der Juden im Kreis 1933 – 1942 · Chronik · Administration · Großgemeinde · Kriegszeiten · Link-Service · Informationsquellen · Lieder · Literatur · Epochen der Geschichte · Behördengeschichte · Für Neugierige

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