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Germanen

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Germanen


Inhaltsverzeichnis

Wer waren die Germanen

Die Germanen als einheitliches Volk hat es nie gegeben. Die Bezeichnung ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Stämmen, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. unter dieser Benennung in Europa vor allem im Gebiet zwischen Rhein, Donau und Weichsel in Erscheinung traten. Diese Stämme bildeten keinen gemeinsamen Staat und hatten keine gemeinsame Identität. Vielmehr bekämpften sie sich regelmäßig untereinander. Herkunft und Bedeutung des Namens Germanen sind ungeklärt.

Lange Zeit wurden sie unter dem Begriff der Barbaren (Menschen, die keine griechisch-römische Bildung genossen hatten) zusammengefasst. Wahrscheinlich diente er ursprünglich als Bezeichnung eines kleinen Stammes am Niederrhein und wurde von Kelten und Römern auf andere Stämme übertragen. Zum ersten Mal hat ihn vermutlich der griechische Historiker Poseidonios um 80 v. Chr. Verwendet, in den folgenden Jahrzehnten kam er dann bei den Römern in Gebrauch (Germani), insbesondere durch Cäsars „De bello Gallico“. Die betreffenden Stämme selbst nannten sich nicht Germanen; sie kannten keine einheitliche Selbstbezeichnung und hatten kein Bewusstsein einer ethnisch bestimmten politischen Zusammengehörigkeit. In sprachlicher und kultureller Hinsicht bildeten sich gleichwohl trotz zahlreicher Stammesunterschiede Gemeinsamkeiten heraus (verwandte Sprachen, Runenschrift, Heldensage, Religion, Kunst, Fehlen einer urbanen Kultur u. a.).

Die Kenntnis der Nachwelt von den Germanen stammt fast ausschließlich aus den Werken römischer Autoren, vor allem von Cäsar, Tacitus („Germania“) und Plinius dem Älteren.

Die römischen Autoren berichten jedoch nichts über die Sprachen der Stämme, die sie Germanen nannten, und nennen allenfalls einzelne Wörter und Namen. Die Stämme selbst haben in den ersten Jahrhunderten n. Chr. keine umfassenden Sprachdenkmäler hinterlassen. Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. sind kurze Runeninschriften überliefert. Diese Schriftzeichen schufen die Germanen wahrscheinlich nach dem Vorbild des lateinischen Alphabets und regionaler norditalienischer Schriften. Es ist denkbar, dass einige dieser Stämme z. B. keltische Sprachen gesprochen haben.

Erst die Annahme des Christentums durch die germanischen Stämme und der Gebrauch des Alphabets sorgen für längere Textzeugnisse. Den Anfang machte Wulfila im 4. Jahrhundert n. Chr. mit seiner gotischen Bibelübersetzung.

Herkunft

Während der Zeit der La Tene-Kultur (ab 500 v.Chr.) gab es vielfältige Handelskontakte zwischen keltischen und germanischen Stämmen. So entwickelte sich mit der Zeit ein Einfluss der keltischen Welt auf die der Germanen. Besonders keltische Handwerkstechniken fanden eine weite Verbreitung im germanischen Gebiet. Eines der Gebiete mit den meisten Kontakten zwischen Kelten und Germanen war die Region Böhmen und Mähren. Nach und nach verdrängten die germanische Stämme durch ihre Expansion die keltischen Stämme. Konnten die Boier und Skordisker im 2.Jrh.v.Chr. noch die aus Norden kommenden Kimbern nach Westen abwehren, so wurden sie im 1.Jrh.v. Chr. endgültig von den Markomannen nach Westen zur mittleren Donau verdrängt. Die Helvetier aus dem westlichen Alpengebiet mussten im Jahre 58 v.Chr. aufgrund des germanischen Druckes nach Gallien auswandern (diente Cäsar als Vorwand für den Gallischen Krieg). Im Jahre 71 v.Chr. riefen die keltischen Arverner und Sequaner die germanischen Sueben zur Hilfe im Kampf gegen die benachbarten Häduer. Einmal in Gallien blieben die Sueben einfach dort. Die germanische Expansion gegen die westlichen Kelten machte also im 1.Jrh.v.Chr. bedeutende Fortschritte.

Die Germanen entstanden aus indogermanischen Stämmen, die am Nord-, Süd- und Westrand der Ostsee saßen und sich bis zu den Alpen zwischen Rhein und Weichsel ausbreiteten, besonders durch Verdrängen der Kelten.- Nach der "Germania" des Tacitus gab es drei Hauptstämme: an der Küste die Ingaevonen (Ingwäonen), in der Mitte die Herminonen und im übrigen Gebiet die Istaevonen (Istwäonen). Man hat sich darunter wohl Kultverbände vorzustellen, die jeweils eine Anzahl von Einzelstämmen umfassten. Die germanische Altertumskunde bestimmt die drei Gruppen als Nordseegermanen, Elbgermanen und Weser-Rhein-Germanen bzw. Rhein-Weser-Germanen. Laut Tacitus gab es noch weitere Stammesgruppen wie Sueben und Marser. Außerdem ist ein nördlicher Verband überliefert, der die Göttin Nerthus verehrte. Für die Zeit der Völkerwanderung geht man von einer Dreiteilung der germanischen Stämme aus: Die Nordgermanen siedelten in Skandinavien, die West- bzw. Südgermanen umfassten die oben genannten Gruppen, u. die Ostgermanen setzten sich aus großen Stammesverbänden zusammen, deren Kern ursprünglich aus Skandinavien stammte und über die Ostsee nach Osteuropa gezogen war.

Die Gesellschaft der Germanen

Die Familie bildete den Kern der germanischen Gesellschaft. Ihr gegenüber waren alle Mitglieder zu voller Loyalität verpflichtet. Das Oberhaupt hatte die Aufgabe die gesamte Familie zu schützen. Dies umfasste auch die Unfreien, die Knechte und Mägde waren.

Eine Sippe umfasste alle Blutsverwandten. Zusammen siedelte man in einer Dorfgemeinschaft und kämpfte im Krieg als geschlossener Verband. Kam es zu Streitigkeiten, besaßen die Sippen das Recht ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Wurde ein Mitglied einer Sippe angegriffen, stand die ganze Sippe zusammen und verteidigte es.

Die Germanen lebten in Sippenverbänden und patriarchalischen Großfamilien. Die höchste Gewalt übte formell die Versammlung der freien, Waffen tragenden Männer aus, die das so genannte Thing bildeten, der als Versammlung des Stammes das Oberhaupt wählte. Ebenso schnell konnte ein Oberhaupt auch wieder abgesetzt werden, wenn es nicht verstand seine Pflichten im Sinne der Gemeinschaft zu erfüllen. Das Oberhaupt war eher ein Stammeshäuptling als ein König oder Konsul, wie es bei Römern und Griechen zu dieser Zeit üblich war.

Erst als sich Auseinandersetzungen mit den Römern häuften, begannen die Germanen ihre Oberhäupter als Könige zu bezeichnen. Während des Thing, der meist im Freien an heiligen Stätten stattfand, galten strikte Regeln. Die Versammlung war den Göttern geweiht, eine Störung beleidigte diese und wurde von den Priestern hart bestraft. Jedes Mitglied des Rates hatte eine Stimme. Doch es wurde nicht nur über Krieg und Frieden entschieden. In der Vollversammlung wurde auch Gericht gehalten oder über die Aufnahme neuer Mitglieder in den Thing abgestimmt. So konnte ein Unfreier, der im Kampf zu Ruhm und Ehre gekommen war, den Status eines freien Mitgliedes des Thing erlangen.

Verurteilte wurden u. a. in Sümpfen versenkt, wo ihre Körper als konservierte Moorleichen erhalten blieben. Sonst überließ man die Ahndung dem Geschädigten oder seiner Sippe. Aus derartigen privaten Streitigkeiten entwickelten sich häufig Fehden, bei denen dem Gebot der Blutrache Genüge getan werden musste. Innerhalb der germanischen Stämme und zwischen ihnen wurden häufig Fehden geführt und Kriegszüge unternommen.

Es gab drei Stände: Freie, Halbfreie und Sklaven. Über den Freien erhob sich eine Adelsschicht, die auch die Stammeshäuptlinge stellte. Einige Stämme verfügten über ein althergebrachtes Königtum, dessen Vertreter sakrale Funktionen ausübten. Im 1. Jahrhundert v. Chr. war diese Herrschaftsform aus Mitteleuropa weitgehend verschwunden; nur bei nördlichen und östlichen Stämmen wurde sie noch gepflegt.

Der König neuen Typs zeichnete sich durch Kampftüchtigkeit aus und durch die Fähigkeit, diverse Stammesheere (darunter auch nichtgermanische) zu vereinen und auf Heerzüge zu führen. Seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. versuchten derartige Heerkönige stammesübergreifenden Einfluss zu gewinnen und größere Reiche zu gründen - wozu ihnen teilweise Rom als Vorbild diente. Könige dieser Art waren der Suebe Ariovist u. der Markomanne Marbod. Der Cherusker Arminius scheiterte trotz seines überragenden Sieges über drei römische Legionen im Jahre 9 n. Chr. mit dieser Politik u. wurde um 21 n. Chr. von Verwandten ermordet.

Seit der Zeit um Christi Geburt und insbesondere in der Völkerwanderungszeit hielten sich viele adlige Herren Kriegergefolgschaften, deren Unterhalt kostspielig war und häufige Beutezüge erforderte. Innerhalb der Stammesordnung war jeder Freie zum Kriegsdienst verpflichtet. Das nach Sippen geordnete Heer kämpfte in Keilform, wobei die Hauptmasse des Fußvolkes von mobiler Reiterei unterstützt wurde. Hauptwaffen waren Lanze und Schild. Die prestigeträchtigen Schwerter verwendete man als Kurz- und als Langschwert. Äxte kamen erst später auf. Neben traditionellen Kampfritualen übernahmen die Germanen durch den langen Kontakt mit den Römern auch zunehmend deren Kampftechniken. Helme und eiserne Panzerhemden waren selten und wurden allenfalls von Adligen nach römischem Vorbild genutzt.

Nur gegen die Römer vermochten sich die Germanen zunächst nicht durchzusetzen, die die Kimbern und Teutonen 102 und 101 v. Chr. vernichteten. Unter Augustus gingen die Römer an die Unterwerfung der Germanen. Doch bei dem Überfall 9 n.Chr. im sumpfigen Teutoburger Wald durch Arminius wurden drei römische Legionen unter Varus vernichtet. Die Römer beschränkten sich auf die Verteidigung (Limes zwischen Rhein und Donau, den sie bis 260 hielten). Dann brach das Römische Reich stückweise unter dem Ansturm der Germanen zusammen.

Siedlungen und Wirtschaft

Die Germanen wohnten in relativ kleinen Siedlungen. Aus den Bestattungsplätzen der Germanen schließen Archäologen, dass die Größe von Siedlungen bei etwa zweihundert Menschen lag. Aus Ausgrabungen ist bekannt, dass die Germanen in Holzhäusern in Skelettbauweise wohnten. Die verbreitetste Art war das germanische Langhaus, das Aufgrund seines Verhältnisses von Länge und Breite so bezeichnet wird.

Unter seinem Dach beherbergte es sowohl Menschen wie auch Tiere, die lediglich durch eine Wand getrennt waren. Der Wohnraum besaß keine weiteren Trennwände, in seiner Mitte befand sich eine Feuerstelle. Der Rauch konnte über eine Öffnung im Dach abziehen, Fenster besaßen die germanischen Häuser nicht. Das tief herabgezogene Dach war mit Rohr gedeckt und wurde von hölzernen Pfeilern getragen. Die Außenwände bestanden aus hölzernen Pfosten, zwischen denen sich mit Lehm beschmiertes Flechtwerk spannte. Für den Unterbau wurden in einigen Gegenden Steine verwendet. Separat vom Wohnhaus standen der Speicher und andere kleinere Nutzgebäude.

Das Anwesen war zum Schutz vor wilden Tieren und Räubern oft von einem hölzernen Zaun oder einer Steinmauer umgeben. Die Germanischen Bauern waren weitgehend Selbstversorger, der Hof bot alles, was die Familie zum Leben brauchte und was fehlte wurde entweder eingetauscht oder selbst hergestellt. Geld war den Germanen anfangs weitgehend unbekannt und wurde erst nach und nach durch die Römer eingeführt. Die Jagd wurde sehr eifrig betrieben im alten Germanien, die Wälder waren reich an Bären, Wildschweinen, Rot- und Dammwild sowie Auerochsen.

"Dass die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja dass sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, dass die Gebäude verbunden sind und aneinander stoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum (...)." Tacitus, Germania

Religion

Für die Germanen waren ihre Götter weder vollkommen noch unsterblich. Sie verehrten sie, doch sie unterwarfen sich ihnen nicht. Gaben sie ihnen eine Opfergabe, so erwarteten sie eine göttliche Gegengabe. Die Götterwelt der Germanen war sehr vielfältig. Da sie aus einer reinen Natur-Religion entstanden waren, waren einige Charakterzüge der germanischen Götter denen einiger griechischer und römischer Götter nicht unähnlich.

Die wichtigsten Göttern waren:

  • Wodan: Oberhaupt der Germanengötter und Schutzgott des Krieger und Fürsten, Gott der Toten und Herr des Sturmes. Er hat eines seiner Augen geopfert, um aus der Quelle der Weisheit trinken zu können, was ihn zum weisesten aller Götter macht. Die beiden Raben Hugin und Mudin kommen zu ihm, um ständig über das Neueste in der Welt zu berichten. Er reitet auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipiur, auf welchem er oft in Zeichnungen dargestellt wird. Wenn er unterwegs in der Welt der Sterblichen ist, wird er von den Wölfen Geri und Frelki und den beiden Raben begleitet, welche ihm treu zur Seite stehen. Außerdem folgt ihm immer seine "Armee der Toten" (ein Heer aus gefallenen Germanen). Ihm wurden auch Menschenopfer dargebracht. Von den Nordgermanen wird er auch Odin genannt.
  • Donar / Thor: Wodans Sohn ist der Herr der Blitze und des Donners. Er löst Gewitter aus und vertreibt auf diese Weise alljährlich den Winter aus Germanien. Als mächtige und gefährliche Waffe dienen ihm Blitze, welche er um sich schleudert. Ihm zu Ehren wurden Tiere geopfert. Er ist auch im Besitz des Hammers "Mjölnir", der über Zauberkräfte verfügt. Als Gott des Ackerbaus konnte er mit seinem Hammer den Boden fruchtbar machen und wurde daher vor allem von den Bauern verehrt.
  • Tiwaz: Sein Zeichen war das Schwert und er war der mutigste der Götter als Helfer im Kampf und im Krieg. Er wußte auch die Feinde zu verwirren.
  • Njord: Er herrschte in der Wasserwelt.
  • Nerthus: Sie war die Erdmutter und die Frau Njords.
  • Freyr War der Sohn von Njord und Nerthus und der Sonnengott, der aus jeder Notlage heraushelfen konnte.
  • Freyja: War die unbeschreiblich schöne Tochter von Njord und Nerthus und Gemahlin Wodans. Sie war Schutzherrin der Liebe und der Ehe. Außerdem verfügte sie über magische Kräfte und konnte die Zukunft vorhersagen.

Vom Götterglauben der Germanen berichtet Tacitus: "Die Germanen halten es nicht für erträglich mit der Hoheit der Götter, sie in Tempel einzuschließen oder mit menschlichem Antlitz darzustellen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit Götternamen rufen sie das geheimnisvolle Wesen, das sie in gläubiger Verehrung ahnen."

Germanenkult und Nationalismus

Nachdem die Schrift „Germania“ des Tacitus im 15. Jahrhundert wiederentdeckt worden war, entstand das Klischee vom tapferen, ehrlichen und tugendhaften Germanen. Der Cheruskerfürst Arminius wurde als „Hermann der Cherusker“, der die Römer in der „Schlacht im Teutoburger Wald“ besiegte, zum vermeintlichen ersten deutschen Nationalhelden. In der romantisch geprägten Forschung des 19. Jahrhunderts wurden die Begriffe „germanisch“ und „deutsch“ gleichbedeutend (Jacob Grimm, „Deutsche Mythologie“). Mit dem Aufkommen des modernen Nationalismus steigerte sich dieses Klischee in Deutschland zu einem Germanenkult. Dazu trug u. a. R. Wagners Bühnenfestspiel „Ring des Nibelungen“ bei, der Motive der nordgermanischen Eddadichtungen übernahm. Die Germanen, in denen man die „ersten Deutschen“ sah, wurden als Träger positiver Eigenschaften gegenüber allen anderen Völkern herausgehoben. In Verbindung mit dem Rassismus wurde der Germanenkult zu einem Hauptbestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Berlin sollte als geplante Hauptstadt eines großgermanischen Reiches den Namen „Germania“ tragen. Nach 1945 hatte die Germanenforschung den ideologischen Missbrauch des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.

Siehe auch

Chronik Germanen · Germanisch kaiserzeitliche Siedlung · Chronik · Geschichte · Großgemeinde · Für Neugierige · Informationsquellen · Lieder · Tacitus

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