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Gerichtsbarkeit

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Gerichtsbarkeit


Gericht Lohra

Die Linde an der alten Kirchhofsmauer

Keinem Einwohner unseres Dorfes und auch keinem Besucher, der mit offenen Augen durch unsere Straßen gegangen ist, wird sie wohl entgangen sein unsere uralte Linde an der Friedhofsmauer. Und viele werden sich auch die Frage gestellt haben: Wie alt wird sie wohl schon sein, und hatte sie früher eine besondere Bedeutung? War sie eine »Gerichtslinde«, oder war sie die Markierung für einen Versammlungsplatz der Bürger in alter Zeit, oder war sie nur ein prächtig gewachsener Baum, der die Bewunderung aller Vorbeigehenden auf sich zog und es auch noch heute tut? Ihr übermächtiger Stamm, der von vielen Spuren ihres langen Lebens gezeichnet ist, wird getragen von starken und unzähligen Wurzeln, die, einer umgekehrten Krone gleich, den Boden in der südlichen Fläche des alten Friedhofes in Anspruch genommen haben. Die herrliche breite Krone, von Schepps Haus bis zum Denkmal reichend, ist Blickfang, Schattenspender und Wetterschutz zugleich. Nicht in jedem Jahr kann sie allerdings in einer vollen Pracht gesehen werden. In Abständen wird aus Sicherheitsgründen und aus Sorge um ihren Wuchs die Krone sehr stark zurück geschnitten. Und wir fragen uns: »Wird sie es wieder schaffen?«; und sie tut es immer wieder. Im nächsten Frühjahr kommen zaghaft die ersten Blattknospen wieder hervor, um sich von Jahr zu Jahr wieder zu der uns so bekannten und beliebten Silhouette des oberen Lindenplatzes zu entwickeln.

Ein Gericht Lohra, natürlich auch ein Gerichtsbezirk Lohra mit dazugehörenden Ortschaften, kann in vielen alten Archivalien nachgewiesen werden. Wir finden Bemerkungen über die Zuständigkeit, über die Gerichtsherrschaft, über Vorsitzende und Beisitzer (Schöffen) und andere Gerichtspersonen, über Bußen und Vollstreckungen. Ein Hinweis auf den Ort dieser sicherlich mehrmals im Jahr stattfindenden richterlichen, aber auch bürgerlichen Zusammenkünfte kann bei unserer Linde allenfalls nur vage angenommen werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschungen besagen sehr oft, dass Versammlungen oder Zusammenkünfte im Mittelalter oder dem ausgehenden Mittelalter im Freien und unter Bäumen abgehalten wurden. Zur Teilnahme an den Gerichtsversammlungen wurde durch ein lang anhaltendes Glockengeläute eingeladen.

Neben der Kirche bildet auch ein großer Baum, in unserem Falle eine große Linde, einen feststehenden topographischen Ort innerhalb des Dorfes. Gemeindeanger, Dorfplatz, Kirche und Friedhof und die später hinzukommenden Rathäuser bilden seit der frühesten Zeit dörflicher Lebensformen Mittelpunkte der Beziehungen. Diese und vielleicht ähnliche Feststellungen bewogen den bekannten Heimatforscher Heinrich Diefenbach, die »Malstatt« im Gericht Lohra »vor die Kirche« zu verlegen. Andere Vermutungen hingegen nennen in diesem Zusammenhang »das alte Ding« (Thing = Versammlungsstätte), eine Flurbezeichnung zwischen Lohra und Nanzhausen.

Auf eine erste Benennung des Gerichtes »Lare« stoßen wir in einer alten Urkunde von 1237: »exceptisjudiciis et jurisdictionibus harum villarum: Gladenbach, Lare, Roydesberg, Kirchberg, Treyse et Ludorf. 1316 wird es im Zusammenhang mit der Aussage: »in iudicioville Lare« erwähnt, 1352 als Gericht zu Lare und 1571 als Amt Lohra bezeichnet. Für die Gemeinden Nanzhausen, Willershausen, Lohra, Damm, Altenvers, Kirchvers, Weipoltshausen, Rollshausen, Seelbach, Oberwalgem, Holzhausen und Bracht (t), (Reimershausen wird 1412 und Bellnhausen 1492 als zum Gericht Lare gehörend bezeichnet) waren 12 Schepfen (Schöffen) und ein Gerichtsschreiber tätig.

Der Vorsitzende des Gerichts, der Schultheiß, wird 1370 in einem alten Archivstück mit» Dyle der aide grebe« bezeichnet, und 1446 wird ein Schultheiß »Hentzchen Weimar« mit diesem Amt in Verbindung gebracht.

Unser altes Rathaus, das 1713 erbaut wurde, dürfte kaum noch als Versammlungsstätte für Gerichtsverhandlungen genutzt worden sein, denn bereits 1686 wird auf die Zusammenlegung mit dem Gericht in Fronhausen hingewiesen und ein wöchentlich abgehaltener Gerichtstag erwähnt.

Umfangreich, und in einigen Fällen sehr aufschlussreich sind die Angaben über die zur Verhandlung und Entscheidung anstehenden Fälle bäuerlicher Gerichtsbarkeit: Unregelmäßigkeiten bei An- und Verkaufsverträgen, Schenkungen und Widerrufungen, Eintragung von dinglichen Rechten und Grenzstreitigkeiten. Sehr ausgiebig wird auch über die Verteilung der eingenommenen Bußgelder und Strafen an die Gerichtsobrigkeit verhandelt.

Festzustellen bleibt, dass es sich bei dem Gericht Lohra keinesfalls um ein kleines unbedeutendes Dorfgericht gehandelt hat. Ihr Standort in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Wehrkirche und dem Dorfanger, dem heutigen Lindenplatz, und ihr nachweisbares Alter ermutigen uns zu dieser Feststellung. 37)


Siehe auch

Administration · Ortsrecht · Verwaltung · Einrichtungen · Flurnamen · Geschichte · Chronik · Evangelische Kirche Lohra · Persönlichkeiten · Sehenswürdigkeiten

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