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Ersterwähnung

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Lohra 752

  • Beim Codex Eberhardi, in dem Lohra erstmals erwähnt ist, handelt es sich um eine der größten Fälschungsaktionen, die im Mittelalter jemals in einer einzigen Werkstatt erfolgten.
  • Der Codex Eberhardi ist ein so genanntes Kartular, ein zusammenfassendes Verzeichnis der zahlreichen Güter des Reichsklosters Fulda.
  • Etwa zwischen 1150 und 1160 fertigte der Mönch (oder Konverse) Eberhard, der wahrscheinlich aus einer thüringischen Ministerialenfamilie entstammte, Abschriften der im Kloster gesammelten Besitzurkunden aus früherer Zeit an.
  • Er stützte sich dabei unter anderem auf die etwa 350 Jahre früher begonnene Urkundensammlung des Fuldaer Abtes Hrabanus Maurus. Von ursprünglich 8 Bänden existiert heute nur mehr ein Hauptband. Einen Überblick über die Sammlung des Hrabanus Maurus gewährt lediglich die erhalten gebliebene Zusammenfassung des Mönches Eberhard.
  • Das Reichsstift Fulda befand sich 1150, als Markward I. das Abbatiat übernahm, in einem wirtschaftlich desolaten Zustand. Als Kopist setzte es sich Eberhard zum Ziel, möglichst viel verlorenes Klostergut zurückzugewinnen. Dabei machte er auch vor Verfälschungen und Fälschungen nicht Halt. Mit derart manipulierten Rechtstiteln sollte fuldischer Besitz auf Güter bewiesen werden, die dem ab 744 gebildeten Kloster aber teilweise nie vermacht worden waren.
  • Den Auftrag, ein Kopialbuch archivierter Urkunden und Regesten (Urkundenauszüge) zu schaffen, erhielt er von Abt Markward I. (1150-65), der auch Marquard oder Marcwart genannt wird. Dessen Intention, die in der Mitte des 12. Jahrhundert wirtschaftlich desolate Lage der Benediktiner-Abtei über die Aufzeichnung der Besitztümer und deren Einforderung von Lehensträgern oder Ministerialen zu bessern, hatte zum Teil Erfolg.
  • Fulda benutzte, wie andere Klöster auch, die Urkundenfälschung als wirksames Mittel gegen besitzrechtliche Übergriffe, insbesondere von klösterlichen Vasallen und Ministerialen. Aber es griff auch zu diesem Mittel, um dem Kloster eigentlich nicht zustehende Rechte zu verschaffen.
  • Dies galt insbesondere für den Kampf um das Zehntrecht. Überliefert ist der Versuch, mit Hilfe von Urkunden, die der Fuldaer Mönch Rudolf (+ 865) gefälscht hatte, im Jahre 823 ein auf den Namen des Papstes Zacharias lautendes Privileg zu erhalten. Papst Paschalis I. ließ die Überbringer der falschen Urkunden ins Gefängnis werfen, tadelte den Fuldaer Abt Rabanus Maurus vor den Bischöfen des Frankenreiches und hätte ihn beinahe exkommuniziert. Bald nach der Mitte des 9. Jahrhunderts fälschte der Mönch Meginhard angeblich von Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen ausgestellte Zehnturkunden. Aufgrund dieser Unterlagen verlieh Ludwig der Deutsche 875 dem Fuldaer Kloster das Recht, von den auf seinem Grundbesitz wohnenden Unfreien und Siedlern Zehnt zu erheben. Auch der nur für kurze Zeit (1062-1066) in Fulda als Flüchtling weilende Mönch Otloh aus dem Regensburger Kloster St. Emmeram, einer der berühmtesten Schriftsteller und Geschichtsschreiber seiner Zeit, fälschte für seine Gastgeber mehrere päpstliche Privilegienurkunden. An die fast tausendjährige fuldische Fälschungstradition schloss der luxemburgische Geschichtsschreiber Johann Friedrich Schannat (1683-1739) an, der in seinen Büchern und Urkundenanhängen zu fuldischen Themen manche Texte verändert und verfälscht hat.
  • Als Musterbeispiel der Unzulässigkeit, "Verunechtung" von Urkunden und Fälschung gilt in der modernen Geschichtsschreibung aber der so genannte Codex Eberhardi, eine handschriftliche ungesiegelte Quellensammlung, die der Fuldaer Benediktinermönch Eberhard um das Jahr 1160 angefertigt hat und von größter Bedeutung für die Fuldaer Klostergeschichte ist, jedoch nur mit besonderer Vorsicht benutzt werden kann.
  • Abt Marquard, ehemals Mönch des Klosters Michelsberg bei Bamberg, hat über seine Tätigkeit in Fulda ein Rechenschaftsbericht hinterlassen, der uns, allerdings aus seiner persönlichen Sicht, über die desolaten Verhältnisse im Kloster Fulda unterrichtet. Als erste Aufgabe stellte sich ihm, mit großer Unterstützung von König Konrad III. und mit der Vollmacht Papst Eugen III. ausgestattet, die Rückgewinnung des entfremdeten Klosterbesitzes und diesen künftig vor der Begehrlichkeit weltlicher und geistiger Feinde besser zu schützen. Dazu ließ er durch Eberhard alle Rechts- und Besitztitel sammeln und niederschreiben. Die heute noch erhaltene Pergamenthandschrift besteht aus zwei Bänden von 178 und 196 Blatt, alles in sorgfältiger Buchschrift geschrieben. Nach eigener Angabe schrieb Eberhard das Kartular zur Zeit des Kaisers Friedrich (“Barbarossa“) unter dem Abt Marquard.
  • In einem aufwendigen Widmungsbild hat sich der Schreiber Eberhard zu Füßen des Klostergründers und Patrons, dem heiligen Bonifatius und des ersten Fuldaer Abtes Sturmi als noch jugendlicher Mönch abgebildet. So schlägt der Kopist die Brücke von seiner Gegenwart zur Gründung des Klosters. Auch über seine Arbeitsweise und seine Quellen berichtet der Kopist. Ihm erscheinen manche der alten Texte mit „wunderlichen Einfalt“ verfasst worden zu sein; selbstbewusst kündigt er daher Verbesserungen an.
  • Der Codex umfasst zahlreiche Papst-, Kaiser- und Königsurkunden sowie viele ausführlich wiedergegebene Schenkungs- und Tauschurkunden. Darüber hinaus enthält er kurze Auszüge aus Hunderten von einzelnen Urkunden (Summarien), ferner Güter- und Zinsverzeichnisse, sowie Mark- und Pfarrbeschreibungen, Angaben über Fuldaer Klöster und Propsteien und anderes mehr. Von den etwa 2 000 zugrunde liegenden Urkunden sind nur noch wenige im Original erhalten. Sie waren nach der Aufnahme in das Werk entbehrlich (sind vernichtet worden).
  • Eberhard griff nun – aus heutiger Sicht – zu nicht immer korrekten Mitteln. Seine Vorlagen verkürzte und erweiterte er nach seinem Belieben, wobei ihm noch grobe logische und chronologische Fehler unterlaufen sind.
  • In nicht wenigen Fällen, werden Eberhard Fälschungen in der Hinsicht vorgeworfen, das er Schenkungen an das Kloster bewusst älter gemacht habe als sie in Wirklichkeit waren, um den Stiftungen „eine durch Alter geweihte Unantastbarkeit“ zu geben. Diese „Zurückdatierungen“ hatten den Zweck, bei Besitzstreitigkeiten dem Kloster bestimmte Güter zu sichern in dem man „alte“ Urkunden vorwies. War es doch um so verwerflicher wenn jemand anderer sich diese Güter aneignete, je länger sie dem Kloster schon angeblich gehörten.
  • Diese Sachlage spielt im übrigen bis in die Neuzeit eine Rolle, so bei den Ortsjubiläen, wo manche Veranstalter von „runden“ Feiern, dem Mönch heute noch „auf den Leim“ gehen.
  • Nachrichten über die Person Eberhards sind uns so gut wie keine überliefert. Jedoch kann man, aufgrund der von ihm in seinem Werke, wenn auch unbeabsichtigt, verwendete Wortwahl und Schreibweise vermuten, das Eberhard einem Thüringer Ministerialgeschlecht entstammt. Auch wann er verstorben ist, wissen wir nicht. Die seit 779 existenten Fuldaer „Totenannalen“, welche die Namen der verstorbenen Mitglieder des jeweiligen Konvents, zum Austausch für einen zwischen verschiedenen Klöstern bestehenden Gebetsdienst enthielten, enden unter Abt Widerat von Eppstein auf Grund von Konflikten im Jahre 1065.
  • Eine Fülle von Detailangaben in der Handschrift gestattet Historikern Einschätzungen über die Anfänge von Siedlungen und Orten bis in die Zeit der Frankenkönige.
  • Der Codex Eberhardi wird im Hessischen Staatsarchiv in Marburg aufbewahrt.
  • Zusammenfassend sei angemerkt, dass der Mönch oder Konverse Eberhard seine Fälschungen unter anderen Gesichtspunkten sah als heutige Juristen: „Was dieser Mönch tat, diente nicht seinem eigenen Vorteil, sondern er fälschte zum Wohle des Konvents, dem er angehörte.“

Siehe auch

Lohra · Kloster Fulda · Für Neugierige · Geschichte · Einrichtungen

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