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Der Postraub in der Subach

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Der Postraub in der Subach; Aktenmäßig ausgezogen und bearbeitet von Carl Franz 1825

Am 19.Mai 1822 überfielen 8 arme Bauern und Tagelöhner aus Kombach die Postkutsche von Gladenbach nach Gießen und raubten das mitgeführte Geld. Der legendäre Überfall fand in der Gemarkung Lohra in der Subach an den Sieben Wegen statt. Nach einer aufwändigen Rasterfahndung durch den Gießener Criminalinspektor Danz wurden 7 der 8 Täter gefasst und zum Tode verurteilt. Nur der Anstifter entkam durch Flucht ins gelobte Land Amerika.

Dieser Raub diente 1971 als Vorlage für den Film "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach" von Volker Schlöndorff.

Nachfolgend der Originaltext der Überlieferung der Gerichtsakten aus dem Hessischen Staatsarchiv 43)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Post-Raub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht worden sind.

Aktenmäßig ausgezogen und bearbeitet von Carl Franz, Criminalgerichtssekretär zu Giessen, Giessen 1825

Es gibt wenige Verbrechen, die den Keim so vieler andern in sich tragen und in ihren Folgen schrecklicher und gefährlicher für die menschliche Gesellschaft werden können, als das Verbrechen der Wilddieberei. Nimmt man Trägheit und Müßiggang, diese beiden Laster, als die Quellen der meisten Verbrechen an, so wird man bei der Wilddieberei, der nächsten Gefährtin des Müßiggangs, zu einer gleichen Annahme sich berechtigt halten. Der Wilddieb, statt in einem ehrlichen, bürgerlichen Gewerbe den Unterhalt zu suchen, der ihn und die Seinigen gegen Mangel und Noth sichern soll, bringt, nachdem Lust und Liebe zu seinen häuslichen Arbeiten in ihm nach und nach erloschen, seiner unerlaubten Neigung die vollig Zerrüttung seines Vermögenszustandes zum Opfer dar. Sodann mit der drückendsten Armuth und Dürftigkeit kampfend, nimmt er, schon gewöhnt an Verbrechen und vertraut mit den Gefahren, die sie begleiten, zu den verzweifelten Mitteln, zu Diebstahl und Raub, seine Zuflucht, die ihn immer tiefer in den Pfuhl alles Verderbens ziehen und endlich an einen entsetzlichen Abgrund führen. Auf diese Art wird der Wilddieb ein Räuber, und er wird es um so leichter, da Wilddieberei und Raub - die in ihren Strafefolgen so verschiedene Verbrechen - in sich selbst aber miteinander so verschwistert, ihre Granzlinien so fein gezogen sind, daß er die Ueberschreitung kaum wahrnimmt. Denn schon vertraut mit dem Gedanken, sich mit Gewalt zuzueigenen, was er nicht sein eigen nennen darf, übt der Wilddieb, gleich dem Räuber, sein Handwerk mit der größten Dreistigkeit und Verwegenheit aus. Allen Gefahren, die seinem eignen Leben drohen, Trotz bietend, sieht er das Leben seiner Mitmenschen eben so nichtsachtend an und setzt an die Rettung seines Lebens den Verlust andrer Menschenleben aufs Spiel. So wird der Wilddieb Räuber und Mörder. Vor mehreren Jahren hielten sich im Hinterlande in der Provinz Oberhessen mehrere bedeutende Banden von Wilddieben auf. Die großen gebirgigen Waldungen dieser Gegend gaben ihnen die beste Gelegenheit, ihr Handwerk eine lange Reihe von Jahren fortsetzen zu können. Allen Nachforschungen und Nachstellungen immer glücklich entronnen, wurden diese Rotten so frech und verwegen, daß die herrschaftlichen Forstbeamten selbst in ihren Wohnungen für ihr Leben zittern mußten und waren in den letztverflossenen Jahren, in welche nachstehende Erzählung fällt, so die Geißel und Schrecken der ganzen Umgegend geworden.

Der Überfall

Von Giessen aus fährt monatlich zweimal ein Wagen, das sogenannte Geldkärrnchen, nach dem 5 Stunden davon entfernten Landstädtchen Gladenbach, um von dort die herrschaftlichen und Privatgelder, Briefe und Paquete abzuholen. Auf dem Wege dahin führt eine schöne Aue zuerst nach dem Dorfe Krofdorf, welches eine Stunde von Giessen entfernt ist; von da gelangt man in den Krofdorfer Wald, durch welchen eine schöne und breite Straße führt und der sich in der Nähe von Kirchfors mit einem andern Walde vereinigt. Von hier aus fängt der Weg an sehr beschwerlich zu werden und kann, zumal bei ungünstiger Witterung, oft nur mit Gefahr geritten oder gefahren werden; über hohe, mit Bäumen und Gesträuch bewachsene Berge, durch schauerliche Hohlwege, deren Seitenwände bedeutende Felsenmassen bilden, auf Wegen, die kaum eines Wagens Breite fassen und an tiefen Abgründen hinführen, gelangt man, meistens im Walde, über Rollshausen nach dem Dorfe Mornshausen, das eine halbe Stunde von Gladenbach liegt. Diesen Weg, der, seiner Lage nach, einer der unsichersten seyn konnte, geht übrigens der Wandrer ganz ungefährdet. Und den bekannten trefflichen Polizei-Anstalten des Großherzogthums Hessen und der benachbarten Staaten hat man diese Wohlthat allein zu danken.

Es war ein Sonntag, der 19. Mai 1822, als der Postilion Müller, ein Bursche von zwanzig Jahren, zu obengenanntem Behufe das Geldkärrnchen in Giessen anspannte, um 6 Uhr früh von da wegfuhr und um 11 Uhr desselben Morgens im Posthaus zu Gladenbach anlangte. Nachdem er erst seine Pferde versorgt hatte, begab er sich in sein gewöhnliches Wirthshaus und speißte fröhlich zu Mittag. Hierauf ging er, um die nöthigen Anstalten zu seiner Rückreise zu treffen, in das Posthaus zurück und half daselbst in Gegenwart des Herrn Postverwalters Grünewald, das Kärrnchen mit Geld, Paqueten und Briefen bepacken und um 1 Uhr Nachmittags stand der Wagen zur Abfahrt bereit. Da sich auf diesem Wagen immer eine bedeutende Summe Geldes befindet, so wird demselben von dortaus jedesmal ein Landschütze, mit einer Flinte und einem Säbel bewaffnet, zur Eskorte beigegeben und gerade an diesem Tage traf dieses Loos den Landschützen Hamann. Guthen Muths fuhren sie nun, der Landschütze auf dem Hintertheil des Wagens, Müller vornauf sitzend, von Gladenbach ab, passierten Mornshausen, und mögten überhaupt eine Stunde Wegs zurückgelegt haben, ohne daß ihnen etwas Auffallendes begegnet wäre, als sie auf churhessischem Gebiete ein Wald, die Subach, sogenannt von einem kleinen da fließenden Bache, aufnahm und bald an einen der gefürchtetsten Hohlwege auf dem ganzen Wege gelangten, vor diesem Halt machten und abstiegen, um dadurch den Pferden einige Erleichterung zu verschaffen. Hier fährt man zwischen ungeheuren Seitenwänden, die mit hohen Bäumen und dichtem Gestrüppe bewachsen sind, einen sehr steilen Weg hinan, auf den sich mühsam ein Fuhrwerk hinauf schleppt und der nur eine Spur hat. Ehe ein Fuhrmann in diese Schlucht einfährt, gibt er durch Peitschenklatschen ein Zeichen, auf ein Gegenzeichen wartend, um nicht einem andern Fuhrwerk zu begegnen, wo wegen Enge des Wegs ein Ausweichen unmöglich wäre. Dieses Zeichen gab denn auch Müller, und da solches unbeantwortet geblieben, fuhr er getrost, nicht ahnend, was ihm bevorstand, in die Schlucht ein. Vor seinen Pferden her ging Müller, einige Schritte hinter dem Wagen der Landschütze, um an den beschwerlichsten Steilen den Pferden mit Hülfe beispringen zu können, oder doch durch Anstemmen zu verhindern, daß der Wagen wenigstens nicht zurücklaufen könne. So hatten sie mit vieler Anstrengung beinahe den Gipfel des Berges erreicht, als es der Fuhrmann für rathsam hielt, hier abermals Halt zu machen und den keuchenden Pferden zum Ausschnaufen einige Rast zu gönnen. Kaum aber wieder angefahren, da fallen zwei Schüsse und in demselben Augenblicke stürzen von beiden Seiten aus dem Gebüsche 7 bis 8 verlarvte Kerls, mit Pistolen in den Händen, zwei auf den Postilion, vier auf den Landschützen, mit dem Zurufe: „Haben wir dich, Spitzbuben, Hallunken, jetzt muß das Geld heraus!" banden ihnen die Augen zu und schleppten so die Unglücklichen in den Wald. Zuerst wollten sie den Postilion Müller rechts waldeinwärts führen, worauf er auf den Zuruf eines Kerls, der auf der Hohe des Hohlwegs stand und die Hüte und Mützen der Räuber trug: „Führt ihn da hinaus, links nach Lohra zu!" auf die linke Seite in den Wald gebracht wurde. Auf dem Wege dahin stolperte der Beklagenswerthe einmal, worauf ihn diese Unmenschen mit Stößen in den Rücken mißhandelten. So führten sie ihn einige hundert Schritte in den Wald, warfen ihn dann auf das Gesicht zu Boden, knebelten ihn an Händen und Füßen, und bedeuteten ihm, da er sie um Schonung seines Lebens anflehte: „es solle ihm nichts zu Leide geschehen, nur dürfe er, bei Gefahr seines Lebens, kein Maul aufthun!" Nicht menschlicher verfuhren sie mit dem Landschützen. Unter den fürchterlichsten Drohungen wanden sie ihm seinen Säbel, nach dem er zur Wehre griff, aus den Händen, zerrissen ihm das Degengehänge, schnürten ihm mit einem Lumpen von einem alten Weiberrocke die Augen zu und schleiften ihn in die Nähe des Müllers. Hier warfen sie ihn auf die Erde, knebelten ihn grausam fest an Händen und Füßen, die Arme kreuzweis auf den Rücken, und donnerten ihm zu: „Hallunke, wenn du schreist, so wird dir eine Kugel vor den Kopf geschossen, es bleiben hier zwei Wachen stehn, die auf dich Acht geben!" So mit einer Höllenangst und unter den fürchterlichsten Schmerzen ihr Schicksal sprachlos erwartend, hörten sie den Wagen links in das Gebüsch fahren, worauf bald ein starker Schlag folgte, der den Deckel des Geldkastens sprengte und eine Bouteille in Stücke zerschlagen. Müller mögte ohngefähr eine Viertelstunde so gelegen haben, als zwei Räuber zu ihm kamen und ihm nochmals wiederholten, „daß er augenblicklich sterben müsse, wenn er sich nicht ganz ruhig verhalten wurde."

Die Befreiung

Kurz darauf hörte er nicht weit von ihm zur Seite Jemanden jammern und erkannte an den Tönen die Stimme seines unglücklichen Gefährten. Nachdem er nun keine Tritte der Räuber mehr hörte, rief er dem Landschützen zu, worauf ihn dieser in den unsäglichsten Schmerzen bat, er möge doch versuchen, sich zu ihm zu wälzen und ihn seiner Fesseln zu entledigen. Müller bemühte sich deßhalb, um nur den Landschützen sehen zu können, durch Reiben an der Erde seine Augenbinde abzustreifen, und, nachdem ihm dieses nach vieler Anstrengung geglückt und ihn etwa zwanzig Schritte weit von sich liegen sah, wälzte er sich, da er nicht so fest wie jener geknebelt war, zu ihm hin. Darauf versuchte er nun, Rücken an Rücken liegend, die Bande desselben, die aus Grastuchseilen und seiner eigenen Peitsche bestanden, aufzulösen; das fast Unmögliche brachten hier Noth und Angst zu Stande, denn, nachdem sie sich so zwei volle schreckliche Stunden abgearbeitet hatten, wurde der Landschütze frei und durch ihn wurde es Müller. Ganz betäubt und wie gelähmt an Händen und Füßen, sahen sie nun den Wagen nicht weit von ihnen stehen; die Pferde waren auf einer Seite ausgehängt und hatten Heu zum Fressen vorgeworfen. In ihrer Angst wagten sie indessen nicht, hinzugehen, sondern eilten in ihrer ersten Bestürzung nach Rollshausen, einem nahe dabei liegenden churhessischen Dorfe und zeigten in diesem Orte den Vorfall an. Auf dieses Gerücht eilte Amenhäuser, der Schulthheiß des Orts, herbei, und traf die beiden Geängstigten vor seinem Hause auf einem Steine sitzend an. Nachdem sie ihn in wenigen Worten mit der Geschichte ihres Unglücks bekannt gemacht hatten, machte der Schultheiß die nöthigen Anstalten, die so schnell als möglich zur Entdeckung der Räuber auf frischer Spur führen konnten. Stürmend ließ er sogleich an alle benachbarten Ortschaften ein Aufgebot ergehen und begab sich selbst, sobald er den beiden Unglücklichen, die das Fürchterliche einer ausgestandenen Todesangst fast ganz sinn- und bewußtlos gemacht, einige Erfrischungen gereicht hatte, unverzüglich, in Begleitung derselben und einer bewaffneten Mannschaft seines Orts, die sogleich in Streifzügen die ganze Umgegend durchsuchte, an den Platz, wo die That verübt seyn sollte. Hier fanden sie indessen nicht die geringste Spur, wie man sie von einer solchen gewaltsamen That anzutreffen erwartet hätte. Auf die Bemerkung des Postilions Müller, daß der Wagen links waldeinwärts gefahren worden sey, schlugen sie den vorgezeichneten Weg ein und fanden nach wenigen Schritten, nicht weit von dem Platze, wo beyde geknebelt gelegen, den Wagen in einem ganz zerstörten Zustande. Die Pferde, die noch ruhig standen, weil die Räuber ihnen Heu zum Fressen vorgeworfen, waren mit dem Leitriemen an die Runge gebunden und der auswendige Zugstrick war ausgehängt; hinter dem Wagen fanden sie einen tannenen Kasten, dessen Deckel aufgeschlagen war, auf demselben eine halbe Bouteille und deren Scherben umherliegend, nicht weit von dem Kasten einen blutbefleckten Sack, die Säbelklinge des Landschützen, sodann die Batte von einem Büchsenranzen, eine abgebrochene Messerklinge, alle Briefschaften, worin sich in einem derselben noch Geld befand, zerstreut umherliegend, und zuletzt an dem Rain der Hohle die Säbelscheide. Nachdem sie alle diese Effekten sorgfältig in den Wagen gelegt hatten, fuhr Müller unter einiger Begleitung denselben nach Rollshausen. Der Schultheiß hielt es für gut, mit Hamann den Wald nochmals zu durchstreifen, und fanden auf einem Wiesengründchen nach Mornshausen zu, hart an der churhessischen Granze, mehrere Halmen Heu, die sie von demselben hielten, welches der Fuhrmann auf seinem Wagen gehabt, und einige Spuren von Menschentritten, die sie bis auf die Chaussee verfolgten. Da sie sonst nichts Verdächtiges angetroffen, wurde Hamann nach Gladenbach abgesandt, um bei dem Postamte daselbst die nöthige Anzeige zu machen. Abends 7 Uhr traf er da ein und das Landgericht ließ, auf die ihm von diesem Raube gemachte Anzeige im Namen des Herrn Regierungsrath Krebs, welcher gerade abwesend war, sogleich die ganze Umgebung durchstreifen und in Gladenbach selbst bei einigen verdächtigen Personen Haussuchung vornehmen. Um 9 Uhr Abends desselben Tages traf auch der Herr Postverwalter Grunewald schon auf die ihm von Hamann gemachte Anzeige mit dem Landschützen Volk und einer bewaffneten Mannschaft in Rollshausen ein und nahm sogleich über das Vorhandene ein Protokoll auf.

Die Beute

Damit indessen der geneigte Leser selbst die Größe des Schadens beurtheilen könne, glauben wir, ehe wir weiter schreiten, schuldig zu seyn, ihn von den Aufgaben zur Post in Gladenbach in Kenntniß setzen zu müssen:

fl.kr.
I) hatte der Postbote Heinrich Wiesemann zu Vöhl nach seiner beschworenen Aussage auf die Post zu Battenberg gegeben
A)am 6ten May 1822
1)ein Päckchen an Großhl. Zeitungs-Expedition in Darmstadt mit734
2)ein dergleichen an Susanne Zinser in Giessen mit1330
3)ein dergl. an Hrn. Buchhandler Magnus in Bonn mit381
B)am 9ten May 1822 einen Brief an
Hrn. Schumachermeister Vogel in Darmstadt mit212
C)am 16ten May 1822:
1)ein Päckchen an Hrn. Hofgerichts Advokaten Welker mit1915
2)ein dergl. an den Hrn. Backermeister G.H. Ebel in Giessen mit1543
Diese Angabe wird von der Großhz. Postverwaltung in Battenberg bestätigt, welche
II)ausser diesen angegebenen Geldern noch folgende am i8ten May 1822 hierher spedirt hatte:
1)vom Herrn Regierungsamts-Aktuar von der Tann zu Battenberg an die Heyersche Buchhandl. dahier936
2)vom Hrn. Blumenthal aus Battenfeld an Hrn. Moses Wallenstein in Frankfurth50
3)vom Hrn. Großherzogl. Rentamtmann Bang in Battenberg
a)an H. Hfgr. Adv. Welker in Giessen26530
b)an die Haupt-Restkasse in Darmst.51831
III)zu Biedenkopf waren am 18ten May 1822 auf die Post gegeben:
1)vom Hrn. Forstkassirer Lang auf der Ludwigshütte an die Großhrzl. Haupt-Rest-Kasse in Darmstadt:
a)ein Pack mit200
b)ein Beutel mit700
2)von Hrn. Kammerrath Groos in Laasphe an Ludwig Braus in Wetzlar ein Paquet mit1730
3)vom Herrn Großh. Obereinnehmer Stammler zu Biedenkopf:
a)ein Beutel mit2000
b)ein desgl. mit2000
c)ein desgl. mit171824
d)ein desgl. mit2000
e)ein Brief an den Hrn. Großhzl. Obereinnehmer Hoffmann in Giessen1425
4)vom Hrn. Posthalter Stapp in Biedenkopf an Hrn. Feuerstein in Fulda50
5)von Hrn. G. Jung in Biedenkopf an Hr. H. Homberger jun. in Giessen918
6)von Ludw. Weiß Wittwe auf der Ludwigshütte an ihren Sohn, den Leibgardisten Weiß in Darmstadt3
IV)Zu Gladenbach haben am 19ten May 1822 auf die Post gegeben:
1)der Hr. Regierungsrath Krebs an die Heyersche Buchhandl. in Giessen11323
2)der Hr. Rentamtmann Buff an die Großhrzogl. Forstkasse in Darmstadt 70059
Summe1046651

Von diesem Allen fand der Herr Postverwalter Grünewald neben dem zerschlagenen Geldkasten ein schön geordnetes Paquet Briefe, einen noch unversehrten Briefbeutel von Battenberg, einen dergleichen von Gladenbach, aufgerissen und die darin befindlich gewesenen Gelder bis auf zwölf Gulden geraubt. Er fand ferner sämtliche Gladenbacher Briefe in noch unversehrtem Zustande, ein unbeschädigtes Paquet von Biedenkopf, fünf Paquete bios Pos 4 des Passes, die zum Theil beschädigt waren; ein leinenes Säckchen, noch unversehrt; ein ausgeleertes Geldsäckchen, bezeichnet: Obereinnehmerei Biedenkopf; einen zerrissenen Bogen Packpapier, worin die Gladenbacher Gelder, besonders eingebunden, in die dasigen versiegelt abgegangenen Briefbeutel verwahrt waren; den Postpaß, endlich Lumpen, womit dem Postilion die Augen zugebunden, und Stricke, womit sie Beide an Händen und Füßen geknebelt worden waren.

In der Hohle oder Auf dem Gleichen?

Die Nacht über blieb Müller mit Wagen und Pferden in Rollshausen, fuhr andern Tags um 7 Uhr Morgens von da weg und traf um 11 Uhr ohne weitere Anfechtung in Giessen ein. Nachdem er dem Postamte und dieses wieder dem Stadtgerichte allda die nöthige Anzeige von dem Vorfall in der Subach gemacht, wurde Müller noch denselben Tag vor Gericht gezogen und von demselben aufgefordert, den Hergang der Sache getreulich zu erzählen. Er deponirte nun dasjenige, was den Lesern schon bekannt ist, und fügte noch, auf Befragen, wie die Räuber gekleidet gewesen und ob er keinen derselben gekannt hatte, hinzu, sie hätten, wie er wenigstens in seiner Angst bemerkt zu haben glaube, kurze Wämschen angehabt, und einen derselben, welcher oben auf der Hohle gestanden, einen Büchsenranzen und Schnappsack getragen und nicht maskiert gewesen sey, glaube er schon einmal gesehen zu haben, könne sich indessen nicht besinnen, wo, noch weniger denselben namhaft machen, übrigens, fuhr er fort, glaube er fest, daß die Räuber Bauern der dortigen Gegend gewesen seyn müßten, indem sie dieselbe Sprache gesprochen, und, so wie ihm geschienen, sie verstellt hatten. Ferner gab er an, daß die Pistolen, welche die Räuber gehabt, mit gelben Ringen über den Läufen versehen gewesen waren. Vor das Landgericht zu Gladenbach wurde auch gleichzeitig der daselbst stationierte Landschütze Hamann gefordert und machte vor demselben eine getreue Erzählung seines gestrigen höchst traurigen Ungemachs und fügte dem uns schon Bekannten noch hinzu: Zweimal hatten die Räuber bei ihrem Angriff nach ihm geschossen, eine Kugel habe er dicht an seinen Ohren vorbeisaußen hören, eine andere seine Nasenspitze, wie zu sehen, gestreift. Auch sey ihm sein Tabaksbeutel und Schnupftuch geraubt worden. Im Uebrigen stimmte seine Aussage theils mit der des Müllers überein, anderntheils stand sie mit ihr im Widerspruche. So z.B. behauptete Hamann, daß der Wagen beim Angriff schon auf dem Gleichen, Müller hingegen, daß derselbe noch in der Hohle gewesen sey. Ersterer will auf dem Fußpfad der Hohle auf fünfzehn bis sechszehn Schritte hinter dem Wagen hergegangen seyn. Letzterer aber will ihn in der Hohle und nur auf fünf bis sechs Schritte dem Wagen haben folgen sehen. Der Eine gab an, daß die zwei Pistolenschüsse schnell, der Andere, nicht gleich aufeinander gefallen seyen. Dieß, in Verbindung mit andern gegen sie angegebenen Indicien, veranlaßte das Gericht, diese Beiden bis zur Aufklärung und Beseitigung dieser Widersprüche verhaften zu lassen; allein die Folge rechtfertigte diese Unglücklichen als an diesem Verbrechen gänzlich schuldlos. So traurig wahr sich auch hier die Erfahrung widerholt, daß nicht nur der Schuldige die verdienten Strafen seiner Uebelthat büßt, daß auch ihre Folgen der Unschuld Wunden schlägt - so herrlich wahr ist es auch, daß sie nicht immer verkannt bleibt, daß sich endlich der Zeitpunkt naht, wo ihre Ketten fallen, wo sie glorreich gerechtfertigt ausgeht. Wenn man in Betracht zieht, daß diese armen Menschen nicht mit dem Blicke eines kalten Beobachters, sie vielmehr in der größten Bestürzung gleichsam mit dem Tode ringend, diesen Vorfall auf sich niederstürzen sahen, so wird man sich gewiß diese Widersprüche erklären können. Betrachten wir indessen wieder den Standpunkt eines untersuchenden Richters, dem es aufgegeben ist, alles auf seine Untersuchung sich Beziehende und Auffallende, eine jede Indicie, die, so geringhaltig sie auch scheinen mag, ihm Aufschluß geben könnte, zu benutzen und zu beachten, so wird man auch hier sein Verfahren dieser Aufgabe entsprechend finden. Nächst dem Verbrechen ist ihm von Wichtigkeit der Thäter, ihn aufzufinden und zu entlarven sein Endziel. Allein nach diesem Ziele führt kein ebener, heller Weg. Indicien, auf welche sein Geschäft beginnt, werfen sich auf, die verdächtigsten klären sich auf und rastlos nach andern forschend, kommt er in ein Dunkel, woraus er sich nicht zu finden weiß, und fordert in dieser Ungewißheit Schuld wie Unschuld vor sein Tribunal.

Erste Verdächtige

Um uns indessen nicht zu weit von unserm Zwecke zu entfernen, nehmen wir den Faden der Erzählung wieder auf. Da man auf den vorgenommenen Streifzügen der Thäter auf frischer Spur nicht habhaft werden konnte, so traf man nunmehr alle polizeilichen Maßregeln, die zur Entdeckung führen könnten. Dem Entdecker setze man, unter Verschweigung seines Namens, 500 Gulden zur Belohnung aus, und es wurden auch alle Polizeibehörden des Auslandes ersucht, dieser Sache eine gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Während man so bemüht war, den Thätern auf die Spur zu kommen, that sich schon kurz nach dem Raube die Sage von einer verdächtigen Erscheinung nach der andern kund. Indicien, wahre wie falsche, häuften sich in Menge aufeinander, die wir hier dem geneigten Leser, der Folge nach, mitzutheilen unverfehlen. Um die Zeit des Raubs hielt sich in dem Krofdorfer Wald eine bedeutende Zigeuner- und Gaunerbande auf, deren Frechheit nachstehender Thatumstand schon hinlänglich darthun wird. Der Waldwärter aus Krofdorf stieß nämlich bei seinem Nachhausegehen auf dieses Gesindel, welches, um ein Feuer gelagert, sich Eyer absott. Sie zwangen ihn, bis um zwei Uhr Nachts bei ihnen zu bleiben, darauf begleiteten ihn drei aus ihrer Gesellschaft bis vor den Wald, wo sie ihn nöthigten, seine Flinte abzufeuern und bei seinem Weggehn zu ihm sagten: „er solle Niemanden sagen, daß er sie hier angetroffen hatte". Sie waren alle mit blauen Kitteln bekleidet und trugen kurze runde Hüte. Eine zweite verdächtige Erscheinung war die, daß sich mehrere Kerls, ohngefähr fünf an der Zahl, an demselben Tage, ganz kurz nach der Beraubung und in der Gegend, wo dieselbe geschehen, blicken ließen, die, nach den Aussagen aller der Personen, welche sie sahen, schon durch ihren Gang Verdacht erregten, indem sie, statt einen bestimmten Weg zu halten, immer querfeldein gehend, das Zusammentreffen mit andern Menschen zu vermeiden schienen. Aus dem Wald, der Lache, zwischen der Mappes- und Kitzelmühle und dem Wald Isterbach kommend, nahmen sie ihren Weg, immer die churhessische Granze haltend, über Riegenbach, Fronhausen nach Dammshausen, Landgerichts Biedenkopf, hin. Mit Ausnahme eines Einzigen, welcher einen blauen leinenen Wams getragen und eine Kappe aufgehabt, trugen sämtliche Kerls blaue Kittel und kurze runde Filzhüte. - Ein Mann aus Riegenbach, der an gedachtem Sonntag in den Wald gegangen war, um Vogelnester aufzusuchen, sah, selbst unbemerkt, zwischen 3 und 4 Uhr eben diese Kerls sich ihm bis auf einige Schritte nähern und bemerkte in dieser Nähe, daß einer von ihnen einen Sack um den Hals und über beide Schultern hängen gehabt, ein anderer einen ledernen Beutel, dessen beide Ende von der Dicke eines Kindskopfs gewesen, in der Hand, ein Dritter einen linnenen Beutel unter dem Arme und die zwei Andern voll bepackte Büchsenranzen getragen hatten. In der Meinung, daß dieselben sich verirrt haben mögten, sey er, sie anrufend, auf sie zugegangen, um ihnen den rechten Weg zu zeigen. Diese waren aber, ihm den Rücken zukehrend, beständig schnell fortgegangen, und hätten sich auch nicht durch seinen Ruf, daß mehrere Leute von unten zu ihm herauf kommen sollten, um sie zu schrecken, nicht stören lassen. Um 5 Uhr erschienen diese Kerls hinter Fronhausen, und ein Mann aus Sickertshausen, der sie zu dieser Zeit sah, nahm deutlich wahr, daß einer derselben seinen Kittel so in die Höhe gehalten, als wenn er etwas darin trüge; die andern hatten Packe auf den Schultern getragen. Ein Mann aus Fronhausen, welcher diese Kerls noch um 7 Uhr aus dem Auerbacher Wald kommen sah, bemerkte, daß einige bepackte Schnupftücher in den Händen hatten und schloß von ihrem schwerfälligen Gange auf eine schwere Last, die sie zu tragen hatten. Auch sie gingen immer auf der churhessischen Grenze nach der Gegend von Dittershausen nach Damshausen zu. An demselben Tage begab sich in der Gegend von Biedenkopf ein ähnliches Ereigniß, das, in Beziehung auf den Raub, allerdings großen Verdacht erregen mußte. Zwei Weiber von Buchenau, welche von Amenau kamen, stießen auf ihrem Wege auf zwei Manns- und drei Weibspersonen, die aus einem Gebüsche des Waldes kamen, und worunter sich auch ein gewisser Mann befand, den sie für den Jost Klees von Engelbach erkannten. Eine kleine Strecke mit ihnen gehend, ließen sie sich in ein Gespräch ein, und als sie bei ihrem Weggehn bemerkten, daß gedachte fünf Personen nicht auf dem Weg, sondern wieder in den Wald zurückwollten, so äußerten sie fragend: Warum sie, da sie doch weder geraubt noch gestohlen hatten, nicht Weg hielten? Auf diese Bemerkung erhielten sie zur Antwort: „Rauben und Stehlen ist heutigen Tags erlaubt und wenn der Dieb immer gekriegt würde, müßten sie gefangen seyn!" Kaum waren diese beiden Weiber einige Schritte weiter gegangen, als sie einen zweiten Trupp erblickten, unter denen sich wieder einige Männer nebst mehreren Weibern befanden, und da dieselben ihnen verdächtig schienen, so versteckten sie sich hinter einem Busch, um ihr Gespräch abzulauern. So unbemerkt, hörten sie dann eine Weibsperson zu einem Manne sagen: „Wie wird dir's gehen, wenn's herauskommt, du bist Soldat, deine Strafe ist doppelt hart!" Nur diese Worte, die etwas laut gesprochen, verstanden sie aus ihrer ganzen Unterredung. Zugleich aber wurden sie von einer der Weibspersonen hinter ihrem Busch bemerkt, worauf dieselbe dem übrigen Gesindel winkte, und das sich auf dieses Zeichen eiligst in den Wald zurückzog. Da dieser Vorfall dem Herrn Landrichter Klingelhöffer zu Biedenkopf, der auch schon Kunde von dem Raube in der Subach hatte, zu Ohren kam, so verhängte er über diese Personen eine Untersuchung, deren Resultat jedoch dahin ausfiel, daß Klees, nebst seinem Consortium an dem Post-Raube nicht Theil genommen, aber an diesem Tage zur Begehung eines Forstfrevels, auf das sogenannte Erlenschälen ausgegangen und an ihrem Vorhaben durch obige zwei Weiber von Buchenau gestört worden waren.

Criminalrichter Danz

Da von Seiten der Landgerichte Biedenkopf und Gladenbach alle Versuche zur Entdeckung der Verbrecher fruchtlos blieben, und die Untersuchung gegen Müller und Hamann zu Giessen eben so wenig versprach, so fand es das Großherzoglich Hessische Hofgericht der Provinz Oberhessen zu Giessen für zweckgemäß, den Untersuchungsrichter Herrn Criminalrichter Danz daselbst zu beauftragen, sich einmal selbst nach Gladenbach zu verfügen, um die obenerwähnten Spuren, die sich dort und in der Gegend gezeigt hatten, sorgfältig und genauer zu verfolgen. Hier angelangt, war sein erstes, sich den Weg, den die fünf Kerls am Sonntag vor Pfingsten nach dem Amt Biedenkopf zu genommen, genau zeigen zu lassen, sodann mehreren vertrauten Leuten den Auftrag zu ertheilen, ganz insgeheim auf alle Büchsenranzen ein wachsames Augenmerk zu haben, und zwar aus dem Grunde, weil bekanntlich am Orte des Raubs man die Batte von einem Büchsenranzen gefunden hatte, das einzige Stück, das man, nebst der Messerklinge, als den Räubern zugehörend und von denselben verloren, in Händen hatte; endlich auf den Umlauf von Conventions-Thalern, wovon sich viele bei dem geraubten Gelde befunden, sorgfältig zu achten. Während er auf diese Art die vorhandenen Spuren verfolgte, war er zugleich bemüht, anderen, die sich zu diesen gesellten, mit demselben Eifer und gleicher Sorgfalt nachzugehen. Auf die ihm hier von dem Herrn Regierungsrath Krebs zu Ohren gebrachte Kunde, daß ihm ein Mann, welcher seinen Namen verschwiegen zu haben wünsche, gesagt habe, einigen Fischern aus Friedensdorf, welche mit Fischen an der Lahn gewesen, waren an dem besagten Sonntag fünf Kerls in der Nacht um zwölf Uhr aufgestoßen, begab sich Herr Criminalrichter Danz, um alles Aufsehen zu vermeiden, in eigner Person, gleich andern Tags darauf nach Friedensdorf, und gab daselbst einigen Leuten den Auftrag, sich ganz im Stillen zu erkundigen, wer den Sonntag vor Pfingsten, als den 19. May, im Fischen an der Lahn gewesen sey. Als die Fischer ausfindig gemacht waren, erfuhr man von ihnen, daß Nachts um zwölf Uhr fünf ihnen unbekannte Kerls an der Lahn auf vier bis fünf Schritte auf sie gestoßen seyen. Einer der Kerls habe gerufen: „Wer da?" und als sie mit: „Gut Freund!" geantwortet, habe derselbe versetzt: „sie sollten sich nicht unterstehen, näher heranzutreten, sich sogleich nach Hause begeben und keinem Menschen sagen, daß ihnen hier Jemand begegnet wäre". Die Entzifferung dieses gewiß sehr auffallenden Umstandes brachte indessen den Herrn Criminalrichter Danz doch seinem Ziele nicht näher, indem dieses Ereigniß, nach der eidlichen Aussage der Fischer, den 8. May, also vor Begehung des Raubs sich zugetragen hatte. Während man dort den Spuren der Räuber, die sie unmittelbar nach ihrer That zurückgelassen, mühsam, aber vergeblich, nachgegangen war, fanden hier auch Untersuchungen gegen einige verdächtige Personen statt. Eine begann gegen die Gebrüder Müller von Gladenbach, von denen der eine bei der Nachricht von dem Raube geäußert haben soll: „er könne dieße nicht begreifen, da er nichts gesehen hatte und doch um drei Uhr durch die Subach gekommen sey"; der andere Bruder um dieselbe Zeit aus dem Walde gekommen seyn soll. Die Verhören über diese beiden Personen endigten indessen mit deren völligen Unschuld.

Hans Jacob Geiz und Sohn Jacob

Eine andere Untersuchung leitete man gegen zwei Männer aus Kombach ein, einen gewissen Hans Jacob Geiz und dessen Sohn. Es wurde nämlich dem Gerichte angezeigt, ein gewisser Schmidt von Allendorf sey an mehrgedachtem Sonntag in die Wohnung des Hans Jacob Geiz gekommen, um Geld bei ihm zu holen, habe denselben aber nicht zu Hause angetroffen, und dessen Frau ihm gesagt, ihr Mann sey nach Wallau gegangen, um dort eine Kuh zu bannen. Ferner soll sein Sohn Jacob Geiz seit dem letzten Biedenkopfer Markt einen neuen Büchsenranzen tragen; auch hatten in der Nacht vom Samstag auf Sonntag zwei Bursche, als sie von Dautphe nach Kombach gegangen, vor diesem letztern Orte, zwischen 11 und 12 Uhr des Nachts sechs verdächtige Kerls gesehen, der Dunkelheit wegen jedoch nicht erkennen können. Da diese Indicien indessen nicht vollwichtig genug waren, um eine förmliche Untersuchung über diese beyden Männer von Kombach zu verhangen, so wurden sie nach ihrem ersten Verhör wieder entlassen. Herr Criminalrichter Danz, seinem Ziele immer noch nicht naher gebracht, begab sich wieder nach Giessen zurück, und hier nach anderen Spuren forschend und die vorhandenen immer weiter verfolgend, widmete dieser verdienstvolle und rastlos thätige Mann dieser Angelegenheit auch da seine ganze Aufmerksamkeit. Wir müssen indessen, des Zusammenhangs wegen, in unserer Erzählung auf eine frühere Thatsache zurückgehn. Es wird dem Leser noch die Anzeige des Herrn Regierungsrath Krebs, in Beziehung auf die Fischer aus Friedensdorf, bekannt seyn, sowie der Erfolg der darauf geschehenen Nachforschung. Das Gericht hielt es für rathsam, diese alte Spur nicht ganz aufzugeben, sondern ihr weiter nachzugehn. In dieser Absicht ließ es den Mann, von dem die Anzeige ausgegangen, dessen Namen Herr Regierungsrath Krebs anfänglich verschwiegen, jetzt aber auf Ersuchen genannt hatte, vorladen, um von ihm selbst das wahre Verhältniß in dieser Sache zu erfahren. Er erschien und gab außer dem oben von Herrn Regierungsrath Krebs Bemerkten noch Folgendes an: Bei einem Besuch, den ihm Herr Regierungsrath Krebs einstens gemacht, sey zufällig auch die Rede auf den Straßen-Raub in der Subach gekommen, wobei er geäußert, daß er so wie Jedermann, glaube, dieser Raub sey von Wilddieben der dortigen Gegend verübt worden und habe zugleich als den Grund dieser seiner Vermuthung angeführt, es wäre schon einmal vorigen Jahrs von Wilddieben ein Straßen-Raub begangen worden. Auf Befragen, wie denn die Wilddiebe der dortigen Gegend hießen, machte er unter andern die beiden Geize von Kombach als sehr berüchtigte Wilddiebe namhaft. Diese unbestimmte Indicie, die sich blos auf eine Sage gründete, verließ man einstweilen, um andern bestimmteren nachzugehen, die eher zum Ziele zu führen versprachen.

Ungewöhnlicher Geldaufwand

Eine der vielen Maßregeln, die man zur Entdeckung der Thäter ergriffen hatte, war auch die, daß man sich in einigen Städten der Umgegend erkundigen ließ, ob vor Begehung des Postraubs Larven daselbst verkauft worden seyen. Aus Marburg erhielt man nun von dem dortigen Criminalsenat die Nachricht, daß wirklich bei zweien Kaufleuten daselbst, bei dem einen zwei Monate, bei dem andern kurz vor der Zeit des Raubes, Masken von Bauern gekauft worden seyen, die jedoch nicht erkannt und nur an einem der Käufer eine für einen Mann ungewöhnlich feine Stimme wahrgenommen worden sey. Auch ein Schreiben von Herrn Regierungsrath Krebs, höchst wichtigen Inhaltes, langte kurz auf diese Nachricht ein: Eine Frau habe ihm unter Verschweigung ihres Namens eröffnet, ein Mann aus Kombach, mit dem Vornamen Johann Jost habe bei dem Müller N.N. in der Altmühle 20 fl. 24 kr. Conventionsgeld gewechselt und einige Personen zu Kombach, die der Sage nach zu einer Wilddiebsbande gehörten, nach geschehener Beraubung sich in ihren Vermögensverhältnissen bedeutend verbessert, Bauereien unternommen, Geld ausgeliehen etc. Das Gericht erwog die Gefährlichkeit der Wilddieberei, ihre bekannte Frechheit, ihre Fähigkeit zu einem solchen Verbrechen; es erwog ferner einen ungewöhnlichen Geldaufwand mehrere Leute von Kombach, vor allem aber die wichtige Aussage des einen der soeben erwähnten Kaufleute zu Marburg und das daraus hervorgehende Zusammentreffen mit den früheren gegen den schon in Untersuchung gewesenen Hans Jacob Geiz vorliegenden Verdachtsgründen, der wirklich eine sehr feine Stimme gehabt - und beschloß, den Herrn Criminalrichter Danz zu beauftragen, diese Indicien an Ort und Stelle zu untersuchen. Er begab sich zuerst nach Gladenbach, und hier entdeckte er die Namen der ihm noch unbekannt gewesenen verdächtigen Personen von Kombach, und erhielt auch zugleich noch Kunde von einigen verdächtigen Personen aus andern Ortschaften. So z.B. soll M*** von Eckelshausen, ein unbegüteter Mann, ein Haus habe aufschlagen lassen, g*** von Wolfsgruben 60 Brabenter Thlr., ein gewisser Acker aus Kombach 50 Gulden verliehen haben und mehrerwähnter Geiz aus Kombach einen Wagen, worauf er 10 fl. bezahlt, gekauft haben. Da diese Ortschaften alle in der Nähe von Biedenkopf liegen, so beschloß der Herr Criminalrichter Danz, seine Untersuchungen daselbst fortzusetzen. Gleich bei seiner Ankunft erkundigte er sich bei dem Herrn Landrichter Klingelhoffer nach den Vermögensverhältnissen dieser Personen und erfuhr von ihm, daß bei einigen ein solcher Geldaufwand allerdings Bedenklichkeiten erregen müßte; man könne z.B. nicht begreifen, wie B*** 60 Brabenter Thaler, noch weniger Acker, ein ganz armer Mensch 50 Gulden zu verleihen im Stande seyen; M*** sey zwar kein vermögender, jedoch ein braver Mann. Hierauf erkundigte er sich nach dem Namen der dortigen Wilddiebe, unter denen ihm folgende genannt wurden: Geiz und dessen Sohn, Johannes Hartmann und viele andere.

    • Namen geschwärzt

Haussuchungen in Kombach

Hieraus möge der geneigte Leser selbst abnehmen, mit welchen Schwierigkeiten ein untersuchender Richter zu kämpfen habe, welche Geduld und Ausdauer, welcher Scharfsinn dazu gehöre, bei so vielen Verdachtsgründen und sich durchkreuzenden Umständen die wichtigsten und entscheidendsten herauszuheben und zu beachten. Mühsam eine Spur gefunden, worauf er die Wahrheit zu finden denkt, verläßt sie ihn, um wieder eine andere mit Mühe aufzusuchen, und vielleicht ebenso fruchtlos zu verfolgen - und findet sie dann oft da, wo er sie nicht vermuthet. Eines Tages machte der Gensdarme Best zu Biedenkopf dem Herrn Criminalrichter Danz die Anzeige, er glaube, daß ein Mann aus Kombach über den Postraub nähern Aufschluß geben könne und bemerkte dabei, daß dieser Mann aus Furcht nicht getraue, denselben zu ertheilen. Sogleich wurde Best beauftragt, sich zu verkleiden, und diesen Mann auf der Stelle hierher zu bringen. Er erschien. Furchtsam und bang trat er in die Stube und eröffnete den Herrn des Gerichts: nur unter Verschweigung seines Namens, indem er sich vor den Menschen, die er jetzt nennen werde, sehr fürchte, sey er bereit, wichtige Dinge an den Tag zu bringen. Nachdem ihm nicht allein dieß, sondern, im Fall seine Anzeige von Erfolg seyn wurde, auch eine Belohnung versprochen worden war, so trug er nun kein Bedenken mehr, Folgendes zu offenbaren: 1) Ihm und allen Einwohnern des Dorfes sey es auffallend, daß Hans Jacob Geiz nebst seinen Söhnen seit der Beraubung des Geldkarrns größern Aufwand machten, als zuvor. Der ältere Sohn sey lange Willens gewesen zu heirathen, habe aber in Ermangelung der dazu nöthigen Receptionsgelder von 200 Gulden nicht dazu gelangen können; kurz nach der Beraubung des Geldkarrns habe derselbe die 200 Gulden bezahlt und das Mädchen geheirathet. Die Ehefrau des Jost Wege habe ihm solches erzählt. 2) Der alte H.J. Geiz habe einen Wagen nach dem mehrerwähnten Vorfall für 28 Gulden, desgleichen mehrere Motten Frucht gekauft und baar bezahlt. 3) Geiz der jüngere Sohn trage seitdem eine Sackuhr und Niemand könne sich erklären, wie derselbe dazu gekommen. 4) Seine Frau habe ihm erzählt, dieser sey im Orte auf der Straße gegangen und habe einen dicken Beutel voll Geld gehabt. 5) Solle der alte Geiz, als Catharina Febbels Wittwe geklagt habe, die Steuern nicht bezahlen zu können, sogleich zu deren Berichtigung sich erboten haben. 6) In ganz Kombach sey es kein Geheimniß, auch er selbst habe es oft gesehen, wie der alte Geiz, nebst seinen beiden Sohnen, Sonntags wie Werktags auf die Jagd auszogen. 7) Auch Johann Jost Wege von Kombach habe sich nach dem Vorfall in der Subach Frucht gekauft und er habe diesen oft in der Gesellschaft der Geize gesehen. 8) Dessen ältester Sohn trage eine Sackuhr, die er vor jenem Vorfall nicht gehabt, auch Jedermann sey es unbegreiflich, wie er bei seinen bekanntlich schlechten Vermögensumständen dazu gekommen sey. 9) Ein Mann aus Engelbach, der sich als Taglöhner ernähre, sey dieses Frühjahr im Walde bei Engelbach angefallen und ihm ein Gulden geraubt worden. Diese Anzeige, die den Verdacht, der gegen diese Personen schon früher vorlag, noch immer mehr und mehr verstärkte, schien dem Herrn Criminalrichter Danz von solcher Wichtigkeit, daß er auf sie in den Wohnungen der Verdächtigen Haussuchungen vorzunehmen beschloß. Er begab sich deßhalb gleich den andern Tag in aller Frühe von Biedenkopf nach Kombach. Zuerst begann die Haussuchung in den Haupt- und Nebengebäuden des Hans Jacob Geiz und um indessen während dieser Zeit des Jost Wege versichert zu seyn, beorderte man zwei Landschützen in dessen Wohnung, mit dem Befehl, alle Zugänge seines Hauses einstweilen zu besetzen, Niemanden aus- und einzulassen und ihn selbst unter scharfer Aufsicht zu halten. Bei H.J. Geiz fand man denn mehrere Flinten, Schrotbeutel, Pulverhörner, wovon das eine noch mit Pulver gefüllt, und eine Kugelform, eine Pistole, welche mit Messing beschlagen und mit einem gelben Ring über den Lauf versehen war und endlich eine silberne Uhr. An baarem Gelde fand sich nichts vor, was Verdacht hatte erregen können. Hierauf begann die Haussuchung auch bei Joh. Jost Wege, wo man, nebst wenigem Gelde, eine silberne Uhr vorfand. Alle diese Sachen wurden unter obrigkeitliche Verwahrung genommen. Die Menge der Gewehre nicht sowohl, von welchen sich blos auf die den Geiz bezichtigte Wilddieberei schließen ließ, als vielmehr die unter denselben sich befindliche mit Messing beschlagene und mit einem messingenen Ringe über den Lauf versehene Pistole, die ganz mit der von Müller und Hamann beschriebenen übereinstimmte, veranlaßte, in Verbindung mit den übrigen Indicien, das Gericht, die beiden Geize und den Jost Wege in bürgerliche Haft nach Biedenkopf bringen zu lassen.

Hartmann zu Biedenkopf

Herr Criminalrichter Danz, der allen Indicien seine Aufmerksamkeit schenkte, keine unbenutzt ließ, richtete ein besonderes Augenmerk auf die Anzeige, die ihm von dem Criminalsenat zu Marburg, in Beziehung auf die Käufer von Masken, zugekommen war. Er ließ deßhalb von Biedenkopf durch ein Ersuchungsschreiben die beiden Larvenhandler dahin bescheiden, um durch ein Gegenüberstellen aller bis jetzt verdächtigten Personen und der berüchtigsten Wilddiebe mit diesen beyden Kaufleuten die Käufer der Masken vielleicht ausmitteln zu können. In dieser Absicht ließ er die Verdächtigen alle unter irgend einem Vorwand, der sich auf diese Sache nicht zu beziehen schien, durch das Landgericht vorladen, und Geiz und Wege aus ihrer Haft vorführen. Erschienen, führte man diese Personen eine nach der andern an den beiden Marburger Kaufleuten, ohne daß diese von jenen bemerkt werden konnten, vorüber. Als einer der Kaufleute des Hartmanns ansichtig wurde, so erklärte er sogleich, daß er diesen für einen der Maskenkäufer halte und verlangte, um sich noch besser davon überzeugen zu können, eine fingirte Citation vor Gericht. Aus der Gerichtsstube wieder zurückgekehrt, erklärte er, daß er diesen Menschen nunmehr genau betrachtet und seine Vermuthung sich fast bis zur Ueberzeugung verstärkt hatte. Dieser Thatumstand hatte die augenblickliche Verhaftung des Hartmanns zu Biedenkopf und die noch später sich dazu gesellten Verdachtsgründe bald darauf seine Einbringung in das Criminalgefängniß zu Giessen zur Folge. Die beiden Geize und Jost Wege, die gleich nach ihrer Verhaftung ins Verhör genommen worden waren, konnten den Verdacht, der gegen sie vorlag, nur zum Theil beseitigen. H.J. Geiz suchte denselben hinsichtlich der angeblichen Aussteuer seines Sohnes von 200 fl. dadurch niederzuschlagen, daß er eine zu diesem Zweck gemachte Anleihe von 40 fl. auswieß, welche er seinem Sohne baar mitgegeben und vorgab, das Fehlende durch eine ihm zugestellte Taxation seines dereinstigen Vermögensantheils ergänzt zu haben. Einen zweiten minder starken Verdacht, den der Ankauf eines Wagens in einer Baarzahlung von 28 fl. erzeugt hatte, beseitigte er in so weit, daß er vorschützte, denselben nicht baar mit 28 fl., sondern nur eine Stückzahlung von 11 fl. darauf bezahlt zu haben. Unbeseitigt dagegen ließ er alle übrigen Verdachtsgründe, indem er und sein Sohn weder den Erwerb der Uhr vor dem Zeitpunkt des Raubs beweisen, noch den früheren Besitz der Pistole abweisen konnte - und den Ankauf der Frucht für 26 fl. von selbst zugab. Jost Wege vermögte eben so wenig die Stärke des gegen ihn zeugenden Verdachtes zu entkräften; denn seine Erklärung vor Gericht, die bei ihm vorgefundene Uhr schon lange zu besitzen, konnte um so weniger Berücksichtigung verdienen, indem dieselbe nur nach der Zeit des Raubs gesehen worden war. Eben so unwiderlegt ließ er den Umstand, auf dem Biedenkopfer Markte Hände voll Geld gezeigt, so wie sein Vater den, sich bedeutend viel Frucht angeschafft zu haben. Obgleich diese Personen alle allein schon durch ihren großen Geldaufwand verdächtig erschienen, so trug das Gericht dennoch Bedenken, sie darauf schon in Criminaluntersuchung zu ziehen; es hielt vielmehr für nöthig, sich ganz genau bei dem Ortsvorstande zu erkundigen, ob ein solcher Aufwand ihren bekannten Vermögensverhältnissen entspräche, nebenbei auch, ob diese Personen am Sonntag vor Pfingsten zu Hause gesehen worden, ob sie mit Hartmann Umgang gepflegt, oder nicht. Hier erfuhr man, daß sie Alle mit Hartmann einen vertrauten Umgang gehabt - daß das Gesamtvermögen des H.J. Geiz nur 270 fl. betrage - das Vermögen des J. Wege gleichfalls sehr unbedeutend sey - daß H.J. Geiz an dem Sonntag vor Pfingsten, mit einem blauen Kittel und runden Hut bekleidet, einen Büchsenranzen tragend, aus seinem Hause gehend erblickt worden sey - und daß er und seine Söhne vor diesem Tage einheimisch gewesen, an diesem Tage aber weder von den nächsten Nachbaren, noch von irgend Jemanden gesehen, - vielmehr H.J. Geiz in den breiten Erlen von einem Manne solle erblickt worden seyn. Dieser Mann nämlich, der an besagtem Sonntag von Gladenbach nach Giessen gefahren, habe einen Menschen, der mit einem blauen Kittel bekleidet, und den er für den alten Geiz gehalten, hinter seinem Wagen hergehen sehen. In der Meinung, derselbe wolle auch nach Giessen gehen, habe er still gehalten und ihm zugerufen, worauf derselbe, ohne ihm zu antworten, hinter einen Busch gegangen sey.

Jost Wege von Kombach

Nebst diesen Benachrichtigungen drängte sich eine ganz neue Indicie gegen den Jost Wege von Kombach auf. Man brachte nämlich von ihm noch Folgendes in Erfahrung: Ein Bursche habe ihn einstmals beim Brantwein angetroffen, wo er zu ihm gesagt: „Du kannst Brantwein trinken, ich bin so arm, daß ich nicht einmal in die Wetterau in's Dreschen gehen kann!" Sogleich habe sich Wege erboten, ihm Geld zu leihen, einen Beutel aus der Tasche gezogen, ihm jedoch aus diesem nichts gegeben, sondern einen zweiten hervorgeholt und ihm daraus 2 fl. geschenkt. Die Benachrichtigungen von dem geringen Vermögensstande der verhafteten Personen, der auf einen rechtlichen Erwerb des bei ihnen wahrgenommenen Geldes nicht schließen ließ; ihren verdächtigen Umgang mit Hartmann; Geizen's frühes Weggehn von Hause, das Tragen eines Büchsenranzens, sein Erscheinen in der Nähe des Raubplatzes - dieß Alles zusammengenommen, konnte nun den Eintrit einer Criminaluntersuchung nicht mehr hindern. Sie wurden daher unter Begleitung von acht Gensdarmen, je hundert Schritte von einander getrennt, um alle Unterredung zu verhüten, in's Criminalgefangniß nach Giessen gebracht. Den 6. September 1822. Wiewohl Johann Jost Wege, der Vater, hinlänglich bewiesen hatte, daß er sich zur Stunde des Raubs zu Hause befunden, mithin nicht als physischer Theilnehmer an dem Verbrechen erscheint, so glaubte man doch, ihm eine intellectuelle Theilnahme daran beimessen zu müssen, da er sich kurz nach der Zeit des Raubs in Besitz einer nicht unbedeutenden Summe von Conventionsgeld befand und nicht leicht anzunehmen war, wie ihm die Handlungen seines verdächtigen Sohnes hatten fremd bleiben können - aus diesem Grunde wurde er in eine gelindere Haft, in das Spinnhaus zu Giessen gebracht.

Heinrich Geiz

Heinrich Geiz, der älteste Sohn des Hans Jacob Geiz, von dem bisher noch wenig die Rede war, erfuhr einige Wochen später dasselbe traurige Schicksal seines Vaters und Bruders. Derselbe stand früher als Soldat im Militairdienst zu Offenbach, woselbst er eine Bekanntschaft mit einem Dienstmädchen gemacht hatte. Nach Ablauf seiner activen Dienstzeit kam er als Reservist nach Mühlheim, dem Wohnorte seiner Geliebten, mit der er hier seinen Umgang fortsetzte und ein Kind außer Ehe mit ihr zeugte. Eines solchen Verhältnisses längst überdrüßig, war derselbe schon mehrmals um die Erlaubniß zu seiner Verehelichung eingekommen, ohne sie erlangen zu können, weil er als Soldat der Bedingung zu dieser, Beibringung einer Summe von 200 fl., nicht nachkommen konnte. In dem Sommer 1822 - bald nach dem Straßenraub in der Subach - beseitigte er dieß Hinderniß und heirathete das Mädchen. Diese Heirath mußte um so auffallender erscheinen, da der Grund, der ihr seit Jahren entgegengestanden, jetzt auf einmal verschwand. Da sein Vater und Bruder einen so großen Verdacht dieses Raubes gegen sich hatten, so konnte dieser Umstand, so auffallend er auch scheinen mögte, allein genommen, doch nur auf eine Mitwissenschaft an diesem Verbrechen hinweisen, wenn sich nicht noch ein anderer dazu gesellt hätte, der seine persönliche Theilnahme an demselben sogar vermuthen ließ. Heinrich Geiz war nämlich einige Wochen vor Pfingsten bei seinem Vater in Kombach auf Besuch und während dieser Zeit von den Leuten in dem Orte täglich und auch noch am Sonntag vor dem Ereigniß in der Subach gesehen worden; am Tage des Ereignisses selbst aber blieb er, gleich seinem Vater und Bruder, unbemerkt. Das Criminalgericht zu Giessen, welches, wie wir wissen, von Allem dem schon Kunde hatte, ließ ihn, gleich nach der Verhaftung seines Vaters und Bruders, durch seinen kompetenten Richter, Landgericht Steinheim, zur Verantwortung ziehen. Vor Gericht erschienen, gelang es ihm nicht, diese Verdachtsgründe niederzuschlagen, sondern verstärkte sie nur durch die auffallendsten Widersprüche. In Betreff seiner bewirkten Verehelichung, gab er dieses an. Das Kriegskommando in Offenbach habe zu dieser, statt der Beibringung von 200 fl. an baarem Gelde, eine Caution von 600 fl., die er geleistet, für hinlänglich gehalten. Diese enthalte: Eine Schätzung seines dereinstigen Vermögensantheils von 350 fl., ausgestellt von dem Ortsvorstande zu Kombach; eine Zusage seines Vaters, die Aussteuer von 100 fl., worauf er 40 fl. baar erhalten; eine Bescheinigung des Vermögensantheils seiner Frau von 80 fl.; eine Schuldverschreibung seines Schwagers Soldan uber 200 fl., deren eine Hälfte er sich als Bedienter in seinem Militairdienst erspart, die andere ihm eine verstorbene Base, ohne Vorwissen seines Vaters, vermacht habe. So suchte er allen Schein des Verdachts gegen seine Verehelichung zu entfernen und zu erweisen, daß sie nicht mehr als Grund eines solchen erscheinen konnte. Als er befragt wurde, ob er im May in Kombach gewesen, leugnete er zuerst, in diesem Monate eine Reise dahin gemacht zu haben, gab jedoch endlich zu, in der Mitte dieses Monats in der Gegend von Kombach, in Eckelshausen, gewesen zu seyn, um sich seinen Taufschein zu holen, der zu seiner Trauung verlangt worden. Da man ihm hierauf einwendete, warum er bei der kleinen Entfernung dieses Orts von Kombach seinen Vater nicht besucht habe, so suchte er diesen Einwand dadurch zu widerlegen, daß er vorgab, er habe sich mit seinem Vater wegen eines „schändlichen Briefs", den ihm derselbe kurz vorher geschrieben, überworfen. Wer wird nicht über dieses Gewebe von Lügen und Widersprüchen erstaunen, wenn man bemerkt, daß dieser erst vom 30. Mai datierte Brief, der nichts „Schändliches" enthielt, auch selbst unter der Voraussetzung eines solchen Inhalts, damals noch kein Grund der Entzweiung seyn konnte, und noch ferner anführt, daß das Gesamtvermögen seines Vaters nach gerichtlicher Taxation nur 270 fl. beträgt - er indessen in seiner obigen Sicherheitsleistung eine Schätzung von 350 fl. seines Vermögensantheils allein angibt. Die nichts weniger als beseitigte Verdachtsgründe machten ihn zu einer Criminaluntersuchung reif, und er wurde deshalb den 13. September 1822 in das Criminalgefängniß zu Giessen gebracht.

Ludwig Acker von Kombach

Ludwig Acker von Kombach, der, wie schon bekannt, eine Anleihe von 50 fl. gemacht haben sollte und dadurch, mit Rücksicht auf seine Dürftigkeit, die Aufmerksamkeit des Gerichts erregt, zog dieselbe nun völlig auf sich, nachdem Hartmann in seinem zweiten Specialverhöre das wichtige Bekenntniß abgelegt hatte: „daß Acker ihm vor ohngefähr sechs Wochen die Summe von 152 fl. geliehen habe". Auf dieses Bekenntniß suchte man seiner habhaft zu werden; sogleich sandte man zwei Gensdarmen nach seinem Wohnorte ab, mit dem Befehl, ihn unverzüglich nach Giessen vor Gericht zu bringen. Allein man traf ihn nicht. Er war seit einiger Zeit in's Dreschen gegangen, ohne zu sagen, wohin. Alle Nachrichten von ihm blieben aus, alle Nachforschungen fruchtlos — Auf einmal erschien er und stellte sich freiwillig vor die Schranken des Gerichts - den 4. October 1822. Auf diese Art entwirrt sich der Knäul eines Complotts, so zerreißt Faden für Faden das Gewebe, in das sich dunkel verschwiegen der Uebelthäter hüllt. Zerfallen mit dem Gesetze, das sich ihm als heilig anzuerkennen aufzwingt, sucht er dessen spähendes Auge zu umgehen und rettet, ihm entronnen, einen mit sich selbst zerfallenen Menschen. Das ewige Mahnen seines Gewissens, die Strafen seines innern Richters, sind ihm qualvoller, als Kerker und Fesseln, als Tod. Die Menschheit, die er geschändet, die Gesetze, die er beleidigt, zu versöhnen, wirft er sich, Vergeltung als Wohlthat fordernd, in die Arme der Gerechtigkeit.

Jost Wege von Wolfsgruben

Während man in den Specialverhören gegen die Inquisiten schon bereits mehrere Monate fortgerückt war, ohne sie einer Theilnahme an dem Verbrechen überführen zu können, zeigte sich ganz unerwartet eine neue Spur. Ein Mensch, der uns selbst dem Namen nach noch unbekannt ist, wälzte auf sich einen Verdacht, der den der schon Verhafteten an Stärke und Größe noch bei weitem übertraf. Jost Wege von Wolfsgruben, der Sohn des dortigen Schultheißen Jacob Wege, diente daselbst schon mehrere Jahre als Knecht zur völligen Zufriedenheit seines Brodherrn und stand auch sonst im Rufe der Redlichkeit. Zu diesem Wege kam eines Tages ein Bekannter, um eine Pfeife, die er ihm geliehen, wieder zu holen. Da er ihn nicht zu Hause traf, so sah er sich selbst in dessen Stube nach der Pfeife um, konnte sie indessen nirgends finden. Endlich suchte er auch einmal in dem Bette nach, und fand, zu seinem großen Erstaunen, statt der Pfeife eine Geldkatze, die bis an die Schnalle vollgefüllt, einige 100 fl. einschloß. Kurz nach diesem Vorfall äußerte sich einmal Wege bei demselben Mann, der dies Geld gefunden: „Wenn es in Giessen schief geht, so wollen wir zusammen weggehn," worauf ihm Jener erwiedert: „Wie kann ich das, da ich kein Geld habe?" Dagegen ihm Wege versetzt: „Dafür laß du mich nur sorgen, ich habe dessen genug!" Auf Weihnachten sahen ihn ferner auch mehrere Leute in einem Wirtshause zu Eckelshausen Hände voll Preußische Thaler zeigen und damit groß thun. Alle diese Vorfalle gelangten zu den Ohren des Gerichts, und es glaubte, da es auch noch erfuhr, daß Wege auch einen Wanderschein von seinem Brodherrn zu erhalten gesucht, sich dieser verdächtigen Person so schnell als möglich versichern zu müssen. Den 6. Februar wurde er nach Giessen gebracht. Allein er blieb nicht lange in seiner Haft. In der Nacht von 11. auf den 12. April 1823 entfloh er, ohne daß man seiner wieder habhaft werden konnte. Wir verlassen jetzt auf einige Zeit diese Inquisiten, um die wichtigsten Indicien nach ihrer Verhaftung dem Leser mitzutheilen und kehren in ihren Verhören wieder auf sie zurück. Während man in der Specialuntersuchung rastlos auf ein endliches Resultat hinarbeitete, drängten sich dieser Indicien immer mehr und mehr aufeinander, die die Vermuthung ihrer Theilnahme am Raube fast bis zur Gewißheit erhoben, und auch die Verhaftung noch einiger andern Personen zur Folge hatten. Man ließ den Personen, welche am Tag der Beraubung jene fünf verdächtige Kerls vom Orte des Raubplatzes auf churhessischer Grenze nach dem Amte Biedenkopf hinziehend gesehen hatten, die Inquisiten der Reihe nach entgegenstellen, um zu erforschen, ob sie in ihnen einen oder den andern der fünf Kerls an Gang, Figur, oder an irgend einem Merkmal wiedererkennen würden. Hier erklärte eine der Personen auf seinen geleisteten Eid, daß sie den Jost Wege für einen derselben halte. Auch dem Landschützen Hamann und dem Postilion Müller stellte man die Inquisiten vor, wo ersterer erklärte, daß er den dritten ihm Vorgeführten, Johannes Hartmann, der Gestalt nach für denjenigen von den Räubern halte, der auf den Müller eingesprungen sey. Eine andere Indicie warf sich auf gegen Jacob Geiz und Jost Wege von Kombach. Man erfuhr, daß beide kurz nach Pfingsten in Mühlheim gewesen seyen und auf ihrer Rückreise in Butzbach, wo sie übernachtet, einen großen Aufwand gemacht, die ganze Nacht hindurch vom besten Wein gezecht und dabei Hände voll Geld hatten blicken lassen. Ihren erstaunten Mitzechern schlugen sie die Kosten ihrer Reise selbst auf 50 fl. an. Auch soll Heinrich Geiz auf einem Sonntag Abend vierzehn Tage vor Pfingsten zu Wolfsgruben mit einem schwarz gemachten Gesichte im Orte herumgegangen seyn und nachdem er sich wieder abgewaschen, seine Kameraden gefragt haben: Kennt ihr mich nun jetzt? Ihr müßt wissen, daß ich dem Geiz sein Aeltester bin." Am auffallendsten von allen bisher angeführten Verdachtsgründen erschien folgende Anzeige - eine Anzeige, die an Gewicht alle andern überwog und alle frühern fast überflüssig machte. Ein gewisses Mädchen sah, als es sich eines Abends in der Küche des Johann Jost Wege von Kombach befand, zufällig in einem Aschenhaufen einen irdenen Topf stehen. Neugierig, was er enthalten möge, ging sie hin und fand in demselben einen großen linnenen Beutel voll Geld. Sie ward versucht, einige Stücke herauszunehmen, die sie ihrer Mutter brachte. Da ihre Mutter diesen Vorfall weiter erzählte und das Gerücht davon auch zu den Ohren der Wegeschen und Soldanschen Ehefrau drang, so riefen beide Weiber das Mädchen zu sich und baten es, es solle, wenn es vor Gericht darüber zur Rede gestellt würde, sagen, ihre Mutter habe sich bei einer Beerdigung, wo sie diesen Vorfall erzählte, so betrunken, daß sie nicht gewußt, was sie gesprochen. Betrachtet man das auffallende Betragen dieser Weiber, ihr Stillschweigen über das von dem Mädchen entwendete Geld, dessen rechtlicher Erwerb sich eben darum nicht annehmen läßt, und bemerkt man noch hier, daß die Wege den Aufenthalt ihres ältesten Sohnes am Sonntage vor Pfingsten bei verschiedenen Leuten eben so verschieden angegeben, so wird die Verhaftung der Letztern als Mitwisserin des ihren Sohn beschuldigten Verbrechens als ganz natürliche Folge erscheinen.

Johannes Soldan von Kombach

Auch eine Haussuchung in den Wohnungen dieser beiden Weiber, die wir als erfolglos ganz mit Stillschweigen übergehen konnten, wurde vorgenommen, hatte sie nicht beiläufig zu einem Verdacht gegen einen Menschen Anlaß gegeben, der bisher noch unberührt geblieben und mit der ganzen Sache in gar keiner Verbindung zu stehen schien. Johannes Soldan von Kombach, Schwiegersohn des verhafteten Hans Jacob Geiz, in dessen Haus er auch wohnte, war am Tage der Haussuchung in aller Frühe in den Wald gefahren, um Holz zu holen. Als er bei seiner Rückkehr von der Haussuchung hörte, so fuhr er mit den Wagen vor das Haus und schlich sich heimlich davon, ohne an diesem Tage wieder zurückzukehren.

David Briel von Dexbach

Die Ehefrau des Jost Wege wurde gleich nach ihrer Verhaftung in's Criminalgefangnift nach Giessen gebracht. In ihren Verhören bestand dieselbe fest darauf, daß das in der Asche gefundene Geld ihrem jüngsten Sohne gehöre, der es auf dem Tagelohn zu Biedenkopf verdient und es deshalb, wie er ihr nachher selbst gesagt, dahin versteckt habe, weil er befürchtet, sie würde ihm davon etwas fordern. Hartnackig leugnete sie übrigens die mit der Finderin des Geldes statt gehabte Unterredung. Zwei Monate nach diesem Bekenntniß begehrte dieselbe freiwillig ein Verhör, mit dem Bemerken, sie wolle, wenn ihr heilig versprochen, daß ihrem Sohne nichts am Leben geschehe, ihn, wenn er dabei gewesen, zu einem Geständniß zu bringen suchen. In diesem Verhöre gab sie nun Folgendes an: Sie sey einmal vor Weihnachten in dem Geizischen Hause gewesen und habe daselbst, vor der Stubenthüre stehend, folgende Unterredung zwischen dem Soldan und der alten Geizin gehört: „Wenn nichts auf unsere Leute herauskommt, so haben wir Geld genug; wir haben auf einem Kornacker auf der Dotterstahl vier Topfe mit Geld stehen, wobei nicht einmal dem Heinrich sein's ist und haben auch schon einen Topf voll verthan. Unsere Leute müssen sitzen und der garstige David von Dexbach, der doch an Allem schuld ist, geht frei herum." Das war ihre Aussage in diesem Verhöre. Zwei Tage darauf verlangte sie wieder aus freien Stücken ein Verhör, worin sie Folgendes eröffnete: Diese Unterredung zwischen dem Soldan und der alten Geizin habe sie einstens dem Wege von Wolfsgruben wieder erzählt und ihn gefragt, ob ihr Sohn auch bei dem Raube gewesen sey? worauf ihr derselbe erwiedert: „Sie solle still schweigen, indem ihres Sohnes Geld auf der Dotterstahl bei dem übrigen liege, wovon sie auch einen Theil bekommen würde." Auf ihr Verlangen, habe er sie nun an ihren Buchwegsacker auf der Dotterstahl geführt und ihr nicht weit von zwei Eichen einen Fleck an einer Furche gezeigt, wo das Geld vergraben liege.

Geldverstecke

Fast um dieselbe Zeit, als die Wegesche Ehefrau dieses hochst wichtige Bekenntniß vor dem Criminalgericht zu Giessen ablegte, erschienen vor dem Landgerichte zu Biedenkopf zwei Männer von Buchenau und überbrachten dem Herrn Landrichter Klingelhoffer einen irdenen mit 169 fl. beschwerten Topf, mit der Angabe: Der aus seiner Haft zu Giessen entflohene Jost Wege von Wolfsgruben sey auf seiner Flucht einige Tage in Traißbach bei seinen Verwandten gewesen und habe sich verlauten lassen: „daß das Geld, welches auf dem Buchwegsacker und um Kombach herum liege, mehr werth sey, als ganz Kombach." Dieser Umstand, der auch ihnen bekannt geworden, habe sie verleitet, bei Nachtzeit auf dem Buchwegsacker nachzusuchen, wo sie denn den so eben überbrachten Topf voll Geld gefunden hätten. Dieser Vorfall, so wie die erheblichen Aussagen der Wegeschen Ehefrau, bestimmten das Gericht, den Soldan und den jungeren Wege sogleich verhaften zu lassen. Herr Criminalrichter Danz, der dazu beauftragt war, begab sich unverzüglich nach Kombach und von da auf die genannten Stellen. Hier ließ er den in der Dotterstahl liegenden Geizischen Acker, der mit Kartoffeln bepflanzt war, durch zwei ganz tiefgestellte Pflüge umackern und noch jede Furche durchhacken und durchstoßen, und traf in der Mitte des Ackers auf ein zwei Fuß tiefes Loch, in welchem, so wie auf dem ganzen Acker, sich aber nichts vorfand. Sodann wurde ein anderer Acker des Geiz, welcher mit Korn bestellt war, auf dieselbe Art und mit demselben Erfolg durchsucht. Die Reise des Herrn Criminalrichters Danz nach Kombach würde also ganz fruchtlos gewesen seyn, hätte sich hier nicht eine neue Indicie aufgeworfen und wäre ihm nicht eine Nachricht zugekommen, die ihn Geld finden ließ an einem Orte, wo er es nicht gesucht hatte. Ein gewisser Mann zeigte ihm nämlich zu Kombach an: Der aus seiner Haft entflohene Wege von Wolfsgruben habe sich bei einem Burschen, dem er auf seiner Flucht begegnet, verlauten lassen: „daß er in einem Garten, welcher in der Lustwiese liege, Geld vergraben, das er von seinem Vetter, dem ältesten Sohn des Johann Jost Wege von Kombach habe." Herr Criminalrichter Danz begab sich auf diese Anzeige sogleich nach Wolfsgruben, ließ da die bezeichnete Stelle sorgfältig durchsuchen und fand wirklich in einem tiefen Loch einen blauen linnenen Beutel mit 33 Kronenthalern. Die Indicie, die ihm hier noch zugekommen, war folgende. Man zeigte ihm an: Der inhaftierte Acker habe, bevor er in's Dreschen gegangen, dem jüngeren Wege von Kombach Geld eingehändigt und ihn gebeten, dasselbe seinem Mädchen K*** zu Eckelshausen zur Bestreitung von Baukosten zuzustellen. Um sich von der Wahrheit dieser Anzeige zu überzeugen, wurde dieses Mädchen vorgeladen, welches zuerst diesen ganzen Umstand leugnete, ihn jedoch nachher mit dem Beifügen zugab: „daß sie dieses Geld, das ohngefähr 50 fl. betragen, auf einem Acker vergraben, es nachher aber daselbst nicht wieder gefunden habe". So entsteht, so baut sich allmählig das Gebäude einer peinlichen Untersuchung auf, in solchen Labyrinthen sucht der Richter den Grundstein, auf den er es baut. Auf ihm schreitet langsam, doch sicherer, das Werk unter des Meisters Händen seiner Vollendung entgegen, woran kein Stein fehlen, keine Lücke offen bleiben darf und nackte Wahrheit krönt seine letzte Hand, sie ist der Schlußstein seines Werks.

Die Verhöre

Jacob Geiz

Hans Jacob Geiz.
Frage: Ob sein Sohn Jacob eine Uhr besitze?
Antwort: Derselbe trage eine Uhr, welche jedoch sein Eigenthum sey.
Frage: Wie lange sein Sohn diese Uhr trage?
Antwort: Schon seit mehreren Jahren.
Frage: Wo er diese Uhr herhabe?
Antwort: Er habe dieselbe zu Engelbach auf einem Schießen gewonnen.

Jacob Geiz
Frage: Wo er am Sonntag vor Pfingsten gewesen sey?
Antwort: Darauf könne er sich wegen Länge der Zeit nicht mehr besinnen.
Frage: Ob er eine Uhr besitze?
Antwort: Ja.
Frage: Wo er diese Uhr herhabe?
Antwort: Er habe solche auf einem Schießen zu Kombach gewonnen.
Frage: Ob er dies beweißen könne?
Antwort: Ja, mit Ludwig Acker von Kombach, welcher diese Uhr habe ausschießen lassen.
Frage: Wie lange dieses her sey?
Antwort: Er glaube drei Jahre.
Frage: Ob sein Vater auch eine Uhr besitze?
Antwort: Vor langer Zeit habe er in Friedberg von einem Juden eine tombackene Uhr gekauft und seinem Vater geschenkt. Ob derselbe solche noch besitze, wisse er nicht.

Ludwig Acker.
Frage: Ob er eine Uhr habe ausschießen lassen?
Antwort: Ja, im Jahr 1816 oder 1817.
Frage: Wie diese Uhr beschaffen gewesen sey?
Antwort: Es sey eine silberne englische Uhr gewesen, welche nicht auf dem Zifferblatt, sondern hinten aufgezogen worden und zwei Gehäuse gehabt habe.
Frage: Wer diese Uhr beim Schießen gewonnen habe?
Antwort: Hans Jacob Geiz, oder dessen Sohn Jacob; beide hatten gemeinschaftlich geschossen.
Frage: Wie die Uhr, die er auf dem Schießen zu Kombach gewon­nen, ausgesehen habe?
Antwort: Darauf könne er sich nicht mehr besinnen.
Frage: Ob dieselbe auf dem Zifferblatt oder hinten aufgezogen wor­den sey?
Antwort: Er glaube auf dem Zifferblatt, doch könne er es nicht mit Gewißheit sagen.
Frage: Ob die Uhr, welche ihm abgenommen worden, diejenige sey, welche er in Kombach gewonnen?
Antwort: Er habe eine Uhr in Kombach, sein Vater eine in Engelbach gewonnen; eine von diesen beiden Uhren sey verkauft worden, welche davon, wisse er nicht mehr.
Frage: Die Uhr, welche in Engelbach ausgespielt worden, habe von dem Herrn Stadtschreiber Burk hergerührt. Diesem habe man nun die ihm abgenommene Uhr vorgezeigt, er sie aber nicht für diejenige erkannt, welche in Engelbach ausgeschossen worden. Acker von Kom­bach behaupte, daß die Uhr, die er habe ausschießen lassen, hinten auf­gezogen werde. Da nun die bei ihm vorgefundene Uhr auf dem Zifferblatte aufgezogen werde, so könne dieselbe keine von beiden seyn. Was er hierzu sage?
Antwort: Er wisse ganz gewiß, daß die ihm abgenom­mene Uhr eine von diesen beiden sey.

Jost Wege von Kombach.
Frage: Wo er den Sonntag vor Pfingsten gewesen sey?
Antwort: Zu Haus. Den Morgen wäre er auf der Weide und den Nachmittag im Walde bei der Katzbach gewesen, um Lohe zu besehen, welche sein Vater nach Biedenkopf zu fahren, akkordirt gehabt.
Frage: Ob er um Pfingsten verreist gewesen sey?
Antwort: Darauf könne er sich nicht besinnen.
Frage: Ob er denn nicht zu der angegebenen Zeit mit dem Jakob Geiz verreist gewesen sey?
Antwort: Ja, wie ihm so eben beifalle.
Frage: Wann das gewesen sey?
Antwort: Er könne sich nicht dar­auf besinnen, ob es vor, oder nach Pfingsten gewesen sey.
Frage: Wo er gewesen sey?
Antwort: Bei dem Jacob seinem Bruder Heinrich in Mühlheim.
Frage: Wie lange er sich daselbst aufgehalten?
Antwort: Den einen Tag gegen Mittag seyen sie hingekommen und den andern Tag gegen Mittag wieder weggegangen.
Frage: Wo er auf seiner Reise über Nacht geblieben?
Antwort: Das könne er, indem er keinen Bescheid wisse, nicht sagen.
Frage: Wie viel Geld er auf die Reise nach Mühlheim mitgenommen?
Antwort: Zehn bis zwölf Gulden; gewiß wisse er es nicht.
Frage: Wo er dieses hergehabt habe?
Antwort: Sebastian Damm von Elmshausen habe ihn geschlagen gehabt und sey schuldig gewesen, ihm alle Kosten zu ersetzen, wo er ihm denn 15 Gulden ausbezahlt habe.
Frage: Ob er denn nicht auch an andern Orten, als in Mühlheim gewesen sey?
Antwort: Ja, auch in Frankfurt und Bornheim, wie ihm dünke.
Frage: Ob er auf seiner Reise nicht auch in Butzbach eingekehrt sey?
Antwort: Wenn die Dragoner da lagen, so sey er auf seinem Hinwege da eingekehrt, und habe da übernachtet.
Frage: Warum er dies nicht gleich gesagt habe?
Antwort: Es sey ihm nicht eingefallen.
Frage: Sie hatte damals für ihren Stand einen bedeutenden Aufwand gemacht. Er solle daher sagen, woher er das Geld gehabt habe?
Ant­wort: Da er eine Uhr zu Mühlheim gekauft, so habe er in Butzbach keinen Kreuzer mehr gehabt.
Frage: Ob er einem Mann in Wolfsgruben Geld geliehen habe?
Antwort: Ja zwei Gulden.
Frage: Auf welche Veranlassung?
Antwort: Derselbe habe in's Dreschen gehen wollen, kein Geld dazu gehabt und ihn darum gebeten.
Frage: Ob er damals zwei Geldbeutel bei sich gehabt?
Antwort: Er glaube dies nicht, indem er keine zwei Geldbeutel besitze.
Frage: Es sey doch angezeigt worden, daß er damals zwei Beutel aus der Tasche gezogen?
Antwort: Er führe gewöhnlich einen Tabacksbeutel bei sich und dies könne wohl der zweite gewesen seyn.

Heinrich Geiz.
Frage: Ob ihn sein Bruder Jacob in Mühlheim besucht habe?
Ant­wort: Ja, mit dem Jost Wege von Kombach.
Frage: Wann das gewesen?
Antwort: Nach seiner am 30sten Juli stattgehabten Copulation.
Frage: Wie lange dieselben bei ihm geblieben?
Antwort: Den einen Abend seyen sie gekommen, den ganzen andern Tag da geblieben und den dritten morgens wieder weggegangen.
Frage: Ob sein Bruder nicht mehrmals in diesem Sommer bei ihm gewesen sey?
Antwort: Nein, nur einmal.
Frage: Seine eigene Frau sage, ihr Schwager Jacob sey zweimal in Mühlheim gewesen?
Antwort: Seine Frau möge sagen, was sie wolle, sein Bruder sey nur einmal bei ihm gewesen.
Frage: Ob er mit seinem Bruder und Jost Wege, wie sie ihn besucht, in Frankfurt und Bornheim gewesen sey?
Antwort: Ja.

Jacob Geiz.
Frage: Ob er voriges Jahr um Pfingsten verreist gewesen sey?
Ant­wort: Nein.
Frage: Wie er diesen Umstand in Abrede stellen wolle, da ihm durch unverwerfliche Zeugen erwiesen werden könnte?
Antwort: Das sey die Unwahrheit.
Frage: Ob er denn nicht zu der angegebenen Zeit durch Butzbach gekommen sey?
Antwort: Nein.
Frage: Ob er denn nicht mit dem Jost Wege durch Butzbach gekom­men sey?
Antwort: Ja, das sey wahr. Doch sey dies wenigstens zwei oder drei Monate nach Pfingsten gewesen.
Frage: Wo er damals gewesen sey?
Antwort: Bei seinem Bruder in Mühlheim.
Frage: Er sey verflossenes Jahr von einem glaubwürdigen Manne drei Tage nach Pfingsten in Butzbach gesehen worden?
Antwort: Das sey die Unwahrheit.
Frage: Wo er auf seiner Reise nach Mühlheim übernachtet habe?
Antwort: Das wisse er nicht mehr.
Frage: Ob er einmal oder zweimal in Mühlheim gewesen sey?
Ant­wort: Früherhin sey er wohl mehrmals daselbst gewesen, im verflossenen Jahre aber nur einmal.
Frage: Ob er verflossenes Jahr auf seiner Reise in Butzbach die Dra­goner F*** und W*** gesprochen habe?
Antwort: Ja.
Frage: Wenn er diese zwei Männer auf seiner Reise nach Mühlheim gesprochen habe, so könne es nicht möglich seyn, daß er im Juli nach Mühlheim gereist sey?
Antwort: Ja, es sey im Monat Juli gewesen.
Frage: Diese Dragoner hatten mit einem körperlichen Eid beschworen, daß sie ihn und den Wege acht, höchstens vierzehn Tage nach Pfingsten gesehen und gesprochen hatten?
Antwort: Wenn dieselben dies beschworen hatten, so hatten sie falsch geschworen.
Frage: Ob er auf seiner Reise nach Mühlheim nicht auch in Frank­furt und Bornheim gewesen sey?
Antwort: Er könne sich nicht mehr darauf besinnen.
Frage: Wie er dies in Abrede stellen wolle, da es doch sein Bruder und der Wege angegeben habe?
Antwort: Er wolle es nicht geradezu in Abrede stellen, nur könne er sich nicht mehr darauf besinnen.
Frage: Wer in Butzbach die Zeche bezahlt habe?
Antwort: (mit lachender Miene) Ei, wie weiß ich das noch?
Frage: Es sey erwiesen, daß sie in Butzbach so gelebt hätten, daß es mit ihren Vermögensverhältnissen in gar keinem Verhältnisse stehe?
Antwort: Sie hätten nicht gut gelebt.

Jost Wege von Kombach.
Frage: Warum er in Mühlheim eine Uhr gekauft habe?
Antwort: Er habe die Uhr seines Vaters auf dem Johannimarkt zu Biedenkopf im Trunk verloren und deshalb in Mühlheim bei einem Juden eine andere gekauft.
Frage: Was er für die Uhr, die er in Mühlheim gekauft, gegeben habe?
Antwort: So viel er sich noch entsinne, 7 fl. 30 kr. oder 8 fl.
Frage: Ob die Uhr, die er in Mühlheim gekauft, dieselbe sey, welche bei der ersten Visitation in seinem Hause gefunden worden?
Antwort: Ja, es sey die nämliche.
Frage: Warum er denn früher einmal behauptet, daß diese Uhr sein Vater vor langen Jahren einmal mitgebracht hatte? Antwort: Da sein Vater nicht gewußt, daß er dessen Uhr verloren gehabt, so habe er sich aus Furcht es nicht zu sagen getraut.
Frage: Seine Antwort verdiene gar keine Berücksichtigung, indem es höchst selten sey, daß eine Uhr gerade so aussehe, als die andere und sein Vater auf jeden Fall es hatte merken müssen?
Antwort: Die gekaufte Uhr habe gerade so ausgesehen, wie die, welche er verloren gehabt.
Frage: In welchen Münzsorten er die Uhr bezahlt habe?
Antwort: Darauf könne er sich nicht mehr besinnen.
Frage: Ob es denn nicht zwei Brabenter Thaler gewesen seyen?
Antwort: Er habe zwei Brabenter Thaler gehabt, ob er sie aber für die Uhr oder sonst ausgegeben, darauf könne er sich nicht besinnen.
Frage: Wo er diese zwei Brabenter hergehabt habe?
Antwort: Sein Vater habe von dem Sebastian Damm das in seinem vorigen Verhör angegebene Geld in Empfang genommen und hierbei seyen einige Bra­benter Thaler gewesen.
Frage: Er sey ein unverschämter Lügner, wenn er behaupte, von dem Geld, welches der Sebastian Damm an ihn zu bezahlen gehabt, mit auf seine Reise nach Mühlheim genommen zu haben? es sey nämlich erwiesen, daß er höchstens acht bis vierzehn Tage nach Pfingsten durch Butzbach gegangen, und der Sebastian Damm habe das erwähnte Geld erst im Juli an seinen Vater bezahlt?
Antwort: Er sey nicht kurz nach Pfingsten, sondern nach Johanni nach Butzbach gegangen.
Frage: Nach seiner eigenen Behauptung könne er ebenwohl das mitgenommene Geld nicht von Damm gehabt haben, indem dieser erst auf Jakobi an seinen Vater das Geld bezahlt habe?
Antwort: Er habe die­ses Geld von seinem Vater zur Reise erhalten, ob dieses aber von dem Damm gewesen, könne er nicht behaupten.
Frage: Warum er denn früher behauptet, daß das Geld von Damm gewesen?
Antwort: Er habe geglaubt, daß sein Vater das Geld von Damm in Empfang genommen habe.

Heinrich Geiz. Verhör vom 16. September 1822.
Frage: Wann er das letztemal bei seinem Vater in Kombach gewesen sey?
Antwort: Im Monat Juni dieses Jahres.
Frage: Ob es auch im Monat Mai daselbst gewesen sey?
Antwort: Er sey in Kombach gewesen 1) wie er das Attestat abgeholt; 2) wie er die Schuldverschreibung seines Schwagers Soldan abgeholt und wie er sich seinen Taufschein habe ausfertigen lassen. Das erstemal sey er bei sei­nem Vater gewesen, das zweitemal bei seinem Schwager und das drittemal sey er, ohne einzukehren, blos durch Kombach durchgegangen.
Frage: Wann er, um seinen Taufschein abzuholen, von Mühlheim weggegangen sey?
Antwort: Darauf könne er sich durchaus nicht besinnen; jedoch wisse er, daß er diesen Taufschein auf einen Montag geholt habe.
Frage: Wo er den Sonntag vor diesem Montag gewesen?
Antwort: Den Morgen sey er in Eckelshausen in der Kirche gewesen und des Nachmittags sey er spazieren gegangen.
Frage: Bei wem er in Kombach gewesen sey?
Antwort: Bei Johann Jost Linne, Johannes Bamberger und Johann Weigand.
Frage: Bei wem er in Eckelshausen gewesen sey?
Antwort: Bei dem Johannes Hampel habe er zu Mittag gegessen und Johannes Wer­ner habe ihn von Hause weggehen sehen.
Frage: Wo er die Nacht vom Samstag auf den Sonntag zugebracht habe?
Antwort: Im Stalle des Jost Brühl zu Kombach.
Frage: Ob er denn an diesem Sonntag gar nicht in das Haus seines Vaters gekommen sey?
Antwort: Er habe sich zwar zu jener Zeit einige Tage in dortiger Gegend aufgehalten, könne sich jedoch nicht besinnen, bei seinem Vater gewesen zu seyn.
Frage: Ob er sich denn nun am Montag mit seinem Taufschein nach Mühlheim begeben habe?
Antwort: Er sey am Donnerstag erst weg und geradezu nach Mühlheim gegangen.
Frage : Ein Zeuge habe mit einem feierlichen Eid beschworen, daß er vor und nach diesem Sonntag bei seinem Vater gewesen sey?
Antwort: Das sey die Unwahrheit.
In seinem Verhör vom 21. October 1822
Frage: Man habe alle die von ihm selbst angegebenen Zeugen eidlich abhören lassen und es befinde sich nicht ein einziger unter denselben, welcher ihn an diesem Sonntag in Eckelshausen oder Kombach gesehen habe?
Antwort: Die Zeugen mögten sagen, was sie wollen; er sey an befragtem Sonntag in Eckelshausen oder Kombach gewesen.
Frage: Da er die abgehörten Zeugen selbst angegeben habe, so müsse er als vernünftiger Mensch einsehen, daß seine Behauptung durchaus keinen Glauben verdiene?
Antwort: Er müsse lediglich bei seinem Vorigen beharren.

In seinem Verhör vom 18. April 1823.
Frage: Er solle ganz genau angeben, wann er vor Pfingsten nach Kombach gekommen sey?
Antwort: Ganz genau könne er dies nicht; er glaube 8 bis 10 Tage vor Pfingsten.
Frage: Wo er den zweitletzten Sonntag vor Pfingsten gewesen sey?
Antwort: In Mühlheim.
Frage: Dies sey offenbar die Unwahrheit, indem durch unverwerfliche Zeugen der Ort dargethan sey, an welchem er sich an jenem Sonntag befunden habe?
Antwort: Er wisse nicht anders, als daß er in Mühl­heim gewesen sey.
Frage: Ob er denn nicht an gedachtem Sonntag in Wolfsgruben gewesen sey?
Antwort: Dieß könne der Fall seyn.
Frage: Ob er nicht an diesem Abend bei dem Wirth Donges gewesen sey?
Antwort: Er sey damals, wie er sich zu Hause befunden, bei dem Wirth Donges gewesen; ob aber dies gerade an befragtem Sonntag gewesen, darauf könne er sich nicht besinnen.
Frage: Ob gerade damals nicht etwas Besonderes vorgefallen sey?
Antwort: Er könne sich auf nichts besinnen.
Frage: Ob er denn damals nicht mit einem schwarz gemachten Gesicht aus dem Haus des Donges gekommen und über die Straße gegangen sey?
Antwort: Nein.
Frage: Ob er nicht nachher zu mehreren Leuten hingetreten und gesagt habe: "Ob sie ihn nun kennten? Es habe kein Bauer darnach zu fragen?"
Antwort: Hierauf könne er sich durchaus nicht besinnen.
In seinem Verhör vom 25. April 1823 wurde dem Inquisiten ein Zeuge zur Confrontation entgegengestellt.
Zeuge
Er könne dem ihm hier gegenüberstehenden Heinrich Geiz auf seinen geleisteten Eid in's Gesicht sagen, daß derselbe vor Pfingsten vori­gen Jahres sich in Kombach aufgehalten habe und in seinem elterlichen Hause aus- und eingegangen sey und daß er ihn am Sonntag vor Pfing­sten nicht zu sehen bekommen habe.

Inquisit.
Er könne nicht in Abrede stellen, daß, wie er sich vor Pfingsten vori­gen Jahres in dortiger Gegend aufgehalten, in seinem väterlichen Hause aus- und eingegangen sey; übrigens wiederhole er nochmals, daß er am Sonntag theils in Eckelshausen und in Kombach gewesen sey.
(Der Zeuge wurde entlassen und Inquisit weiter befragt.)
Frage: Der soeben ihm gegenüber gestellte Zeuge habe ihn vor dem Sonntag vor Pfingsten beständig in seinem elterlichen Hause ab- und zugehen sehn; den Sonntag selbst habe er ihn nicht gesehn. Da er nun durch die von ihm selbst angegebenen Zeugen seinen angeblichen Aufenthalt in Kombach und Eckelshausen nicht erwiesen habe, so solle er jetzo bestimmt sich ausweisen, wo er am Sonntag vor Pfingsten gewe­sen sey?
Antwort: Er wiederhole nochmals, daß er damals in Kom­bach und Eckelshausen gewesen sey.
Man hielt dem Inquisiten vor, daß, wenn er wirklich sich in Eckels­hausen und Kombach befunden, so würde ihn doch wohl ein Mensch, indem sich die Leute in der dortigen Gegend an diesen Sonntag noch sehr wohl erinnerten, gesehen haben. Man könne sich daher bei der von ihm ertheilten Antwort nicht beruhigen, und fordere ihn im Ernst auf, sich über seinen damaligen Aufenthalt auszuweisen?
Antwort: Er müsse lediglich bei seiner Aussage beharren.
Im Verhör vom 6.May 1823 wurden zwei andere Zeugen dem Inquisiten zur Confrontation entgegengestellt.
Zeuge.
Einen Sonntag vor Pfingsten sey der hier ihm gegenüberstehende Heinrich Geiz eines Abends, wie es dämmerig gewesen, mit einem schwarzen Gesicht aus dem Haus des Donges gekommen und an ihm vorübergegangen. Nach Verlauf einer kurzen Zeit sey derselbe zurückgekommen und wieder weiß gewesen und habe ihn und seine Kameraden gefragt: "Kennt ihr mich jetzt?" und noch viele andere Ausdrücke gebraucht.
Inquisit.
Er entsinne sich noch sehr wohl, daß er den dritten Sonntag vor Pfingsten in's Donges Haus gewesen und nachher bei mehreren Leuten von Wolfsgruben, welche auf der Straße gestanden, vorbei gegangen sey. Wenn der Zeuge jedoch beschworen habe, daß er damals ein schwarzes Gesicht gehabt, so habe er falsch geschworen.
Zeuge. Er wiederhole lediglich sein Voriges.
Inquisit.
Und wenn der Zeuge zehnmal schwöre, so schwöre derselbe zehnmal falsch.
Anderer Zeuge.
Er könne dem Inquisiten auf seinen geleisteten Eid in die Augen sagen, daß er an einem Sonntag Abend vor Pfingsten an ihm vorbeigegangen, bald aber wieder zurückgekommen sey, ihm auf die Brust gestoßen, und gesagt habe: "Kennt ihr mich nun? Ihr sollt mich gar nicht nennen. Ihr müßt wissen, daß ich dem Geiz sein Aeltester bin."
Inquisit.
Gegen die Aussage dieses Zeugen wisse er nichts zu erinnern, indem er an jenem Sonntag viel Branntwein getrunken hatte, berauscht gewesen sey und sich nicht mehr darauf entsinne.
Hans Jacob Geiz. In seinem Verhör vom 13. September 1822.
Frage : Wo er den Sonntag vor Pfingsten gewesen sey?
Antwort : So viel er wisse; zu Haus.
Frage: Es sey an diesem Tage ein Mann zu ihm gekommen und dieser habe ihn nicht zu Hause angetroffen?
Antwort: Ein Bursche von Allendorf, welchem er für Tuchmachen Geld schuldig gewesen, sey auf diesem Sonntag in sein Haus gekommen und habe nach ihm gefragt. Da er jedoch, um denselben zu bezahlen, kein Geld gehabt, so habe er sich verleugnen lassen.
Frage: Wo an diesem Sonntag sein Sohn Jacob gewesen sey?
Ant­wort: Vormittags sey derselbe mit dem Vieh auf der Weide gewesen, wo Nachmittags, wisse er nicht.
Frage: Ob er beweisen könne, daß er an diesem Sonntag zu Hause gewesen sey?
Antwort: Nein, das könne er nicht.
Verhör vom 9. October 1822.
Frage: Man frage ihn wiederholt, ob er am Sonntag vor Pfingsten in Kombach gewesen sey?
Antwort: Ja, wie er bestimmt wisse.
Frage: Ein Mann habe mit einem körperlichen Eid beschworen, daß er an diesem Sonntag Morgen von Kombach weggegangen sey?
Ant­wort: Dies sey nicht wahr, er sey zu Haus gewesen.
Frage: Man sage ihm noch mehr, indem er an diesem Sonntag, wenigstens zwei bis drittehalb Stunden von Haus entfernt, in den breiten Erlen gesehen worden sey?
Antwort: Dies sey die Unwahrheit und verlangte, daß ihm diese Zeugen vorgestellt würden,
und es wurde ihm ein Zeuge im Verhör vom 25. April 1823 zur Confrontation vorgestellt.
Zeuge.
Er könne dem Inquisiten in's Angesicht sagen, daß er am Sonntag vor Pfingsten zwischen drei und vier Uhr, mit einem blauen Kittel bekleidet und mit einem runden Hut und einem Büchsenranzen versehen, aus seinem Hause gegangen sey und ihn den ganzen Sonntag nicht mehr zu Hause gesehen habe.
Inquisit.
Er wolle nicht in Abrede stellen, daß er zu jener Zeit aus seinem Hause gegangen, doch wisse er gewiß, daß er an diesem Sonntag nicht aus der Kombacher Gemarkung gekommen sey.
(Der Zeuge wurde entlassen und Inquisit weiter verhört.)
Frage: In dieser Confrontation habe er zugestanden, daß er am Sonntag vor Pfingsten aus seinem Haus gegangen sey. Er solle nunmehr bestimmt angeben, wo er hingegangen sey?
Antwort: Er könne dies unmöglich sagen.
Inquisit beharrte, trotz allen Vorstellungen, bei dieser Aussage.
Johannes Soldan. In seinem Verhör vom 18. Mai 1823.
Frage: Ob er mit seiner Schwiegermutter, der Geizischen Ehefrau, von Geld gesprochen?
Antwort: Nein.
Frage: Ob nicht er oder seine Schwiegermutter gesagt: "Wenn nur auf unsere Leute, welche in Giessen sitzen, nichts herauskommt, so haben wir Geld genug?"
Antwort: Nein.
Frage: Ob nicht namentlich er, oder seine Schwiegermutter gesagt: " Auf dem Acker in der Dotterstahl haben wir vier Topfe mit Geld stehen und einer ist bereits ausgegeben?"
Antwort: Nein.
Frage: Ob nicht namentlich gesagt worden: "Unsere Leute müssen sitzen und der garstige David von Dexbach, der doch an Allem schuld ist, geht frei herum?"
Antwort: Nein.
Frage: Wie er dies Alles in Abrede stellen wolle, da doch eine Person diese Unterredung mit angehört habe?
Antwort: Er verlange, daß ihm diese Person in die Augen gestellt werde.
Frage: Was er denn dazu sage, wenn man ihm bekannt mache, daß die zu Giessen sitzende Wegesche Ehefrau diese Unterredung mit ange­hört und angegeben habe?
Antwort: Er verlange wiederholt, daß er der Wegeschen Ehefrau in die Augen gestellt werde.
(Trotz der wirklich erfolgten Confrontation mit der Wegeschen Ehe­frau, blieb Inquisit bei seiner Aussage.)
Ludwig Acker. In seinem Verhör vom 7. October 1823.
Frage: Ob er Vermögen besitze und von was er sich ernähre?
Ant­wort: Bis jetzt habe er, da er sein väterliches Vermögen nicht erhalten, kein Vermögen und ernähre sich von seiner Hände Arbeit.
Frage: Ob er baares Geld besitze?
Antwort: Er sey Willens, sich ein Haus zu bauen und habe die Zimmerarbeit bereits schon accordirt und 50 fl. darauf bezahlt, zu welchen 50 fl. sein Mädchen zu Eckelshausen beigetragen.
Frage: Ob er Geld ausgeliehen habe?
Antwort: Ja an den Soldaten W*** bei dem Leibregiment habe er 5 fl. ausgeliehen, das er während des Dreschens in Trebour verdient.
Frage: Ob er dem Johannes Hartmann Geld geliehen?
Antwort: Nein.
Frage: Dieser Johannes Hartmann habe ausdrücklich erklärt, daß er ihm Geld geliehen habe?
Antwort: Das könne er nicht begreifen.
Frage: Wo er den Sonntag vor Pfingsten gewesen?
Antwort: Den Morgen in Kombach und den Mittag in Eckelshausen.
Frage: Ob er dies beweisen könne?
Antwort: Ja, mit Johannes Fett, mit Johannes Werner, beide aus Kombach, und mit dem Wirth Heinrich aus Eckelshausen.
In seinem Verhör vom 8. October 1823.
Frage: Man habe den Johannes Hartmann nochmals vernommen und dieser bestehe darauf, daß er ihm Geld geliehen?
Antwort: Dieß sey die Unwahrheit.
Frage: Hartmann erzähle diese Sache mit solchen Umständen, daß an der Wahrheit seiner Aussage kaum zu zweifeln sey. Uebrigens lasse es sich nicht vernünftig denken, daß sich ein Mensch als den Schuldner eines andern fälschlich darstellen solle?
Antwort: Er habe dem Hart­mann kein Geld geliehen.
Frage: Wann er nun wieder aus der Wetterau zurück nach Kombach gegangen sey?
Antwort: Er sey aus der Wetterau nicht mehr nach Kombach, sondern gerade nach Giessen gegangen.
Frage: Ob er denn nicht den Tag vorher, ehe er nach Giessen gekommen, den zweiten Wegeschen Sohn in Kombach gesprochen habe?
Antwort: Ja, er müsse eingestehen, daß er damals in Kombach gewesen und den zweiten Wegeschen Sohn gesprochen habe.
Frage: Ob er, wie er zu Haus gewesen, sein Mädchen zu Eckelshau­sen gesprochen?
Antwort: Ja.
Frage: Ob er, wie er damals von Haus weggegangen sey, dem zwei­ten Wegeschen Sohn einen Auftrag ertheilt habe? Antwort: Nein.
Frage: Ob er dem zweiten Wegeschen Sohne kein Geld eingehändigt habe, um es seinem Mädchen in Eckelshausen zu geben?
Ant­wort: Nein.
In seinem Verhör vom 2. Juni 1823.
In diesem Verhöre wurde dem Inquisiten Hartmann und Wege zur Confrontation gegenübergestellt und er gab in derselben zu, dem Hart­mann 15 fl. für sein Mädchen eingehändigt zu haben.
Frage: Er solle sagen, wo er diese große Summe Geldes herhabe?
Antwort: Er habe dieselbe auf dem Tagelohn verdient.
Wie Inquisit abgeführt werden sollte, stieß er die Worte aus: "Ich will mich noch einmal beschlafen."
Man gab sich Mühe, eine Aufklärung über diese Aeußerung zu erhalten; jedoch vergeblich.
Man ließ am 6. Juni den Inquisiten befragen, ob er ein Verhör verlange?
worauf er erwiederte: "Ich will noch warten bis Morgen, wenn ich aber hinein muß, so muß ich hinein."
In seinem Verhör vom 7. Juni 1822.
Frage: In diesem Verhör hielt man dem Inquisiten vor: Aus seinem ganzen Benehmen und seinen Aeusserungen gehe hervor, daß ihm etwas auf dem Herzen drücken müsse. Er solle nunmehr durch ein offenes und freies Geständniß seinem Herzen Luft machen.
Antwort: Zu viele Hunde seyen des Haasen Tod.
Frage: Was er unter dieser Aeußerung verstehe?
Antwort: Er fürchte sich vor Menschen.
Frage: Warum er sich vor Menschen fürchte?
Antwort: (Nach langem Besinnen) Er habe im Krautsgarten, welcher seinem Bruder gehöre, Geld vergraben.
Frage: Was das für Geld sey?
Antwort: Er wolle nunmehr seinem Herzen Luft machen und die Wahrheit sagen.

Acker gestand nun die That unumwunden und nach ihm gestanden alle Inquisiten. Aus ihren Bekenntnissen ging hervor, daß Johann Jost Wege von Kombach, der Vater, sowie seine Ehefrau und Hartmann -der so sehr gravirte Hartmann - unschuldig an diesem Verbrechen waren.

Erzählung über das Complott

Wir gehen nun zu der Erzählung über, auf welche Art, nach den eignen Aussagen der Inquisiten, das Complott sich entsponnen und die That zur Ausführung gekommen ist.

Im Herbste 1821 mähte Jacob Geiz einstens in der Nähe von Biedenkopf die Wiese des Herrn Posthalters Stapp daselbst. Bei dieser Arbeit kam der Strumpfhändler David Briel von Dexbach (gewöhnlich nur unter dem Namen David von Dexbach bekannt), dessen Freundschaft er nicht lange vorher auf der Jagd geschlossen hatte, zu ihm und redete ihn folgendermaßen an:„ Höre, Jacob, kann ich mich wohl auf dich verlassen? Ich wüßte etwas und wenn noch mehrere vertraute Leute mitgingen, so könnten wir's ausführen". Hierauf ging er schnell wieder weg und überließ seinem Freunde, diese Worte sich selbst zu enträthseln. Allein er blieb nicht lange in dieser Ungewißheit. David Briel kam kurz darauf wieder zurück und erklärte ihm also den Sinn seiner vorhin gesprochenen Worte: „Sieh einmal, Jacob, ich wüßte ein Mittel, wodurch uns Beiden geholfen wäre, wenn du und noch einige vertraute Leute mit mir einverstanden wären. Du weißt, es fährt alle Monate ein paarmal das Geldkärrnchen von Biedenkopf nach Giessen. Das wollen wir zusammen angreifen, das Geld herausnehmen und wenn es uns gelingt, dann sind wir doch auf unser Lebtag geborgene Leute". Mehr bedurfte es schon für einen Jacob Geiz nicht, um ihn zu gewinnen. Er war ein gefährlicher Mensch, der das Gesetz weder achtete, noch fürchtete, gefühllos für Anderer Wohl, dem auch ein Menschenleben nicht zu heilig war, um es im Nothfall auf's Spiel zu setzen. Als Wilddieb von Handwerk wagte er die verzweifeltsten Schritte, und schoß einstmals, als er verfolgt wurde, unter andern einen armen Bauer lahm. Um ihn indessen noch mehr an sich zu kirren, fuhr David von Dexbach weiter fort: „Wir greifen es auf churhessischem Boden an und da muß auch der Churfürst von Hessen unserm Großherzoge das Geld wieder ersetzen. Gesetzt, es wurde nun deshalb auch eine Steuer ausgeschrieben, so kann es einem Manne höchstens zwei bis drei Kreuzer tragen, und uns wäre doch auf immer geholfen." Durch diese Worte legte David von Dexbach den Keim der Uebelthat in die Brust seines Freundes nieder; und da sie diese Sache noch weiter besprochen, schieden sie ganz einverstanden von einander. Jacob Geiz ging nun, nach vollendeter Arbeit, nach Hause zurück, machte zuerst seinen Vater mit dem Vorhaben bekannt, dann seinen Bruder Heinrich und fand sogleich in ihnen bereitwillige Theilnehmer. Lange Zeit trugen sie sich mit diesem Gedanken herum, ohne die Ausführung zu wagen, denn was ihnen besonders im Wege stehen mögte, war der Umstand, daß ein Landschütze mit einer scharf geladenen Flinte diesen Wagen begleitete. Da ging einmal Heinrich Geiz, aus welchem Beweggrund ist nicht bekannt, nach dem Landstädtchen Königsberg und traf in einem Wirthshause daselbst einen früheren Kriegskameraden, den Landschützen Volk, an. Sie bewillkommten sich als alte Freunde und erzählten sich bei einem Glas Brantwein, was ihnen, seitdem sie sich nicht gesehen, widerfahren war. Bei dieser Gelegenheit klagte nun auch Heinrich Geiz seine Noth, daß er sich so gerne in Mühlheim ehelich niederlassen mögte, aber aus Mangel der nöthigen Receptionsgelder von 200 fl. bis jetzt diesem sehnlichen Wunsche hatte nachstehen müssen. „Da können wir mit einander gehen, versetzte Volk, so geht es mir gerade auch; ich habe einem Mädchen aus Offenbach die Ehe versprochen und bin auch nur um ein Paar hundert Gulden zu arm, um mein Versprechen erfüllen zu können und ein ganz glücklicher Menschen zu seyn." „Dafür wüßte ich vielleicht Rath, erwiederte ihm darauf Heinrich Geiz, uns Beiden wäre durch ein leichtes Mittel geholfen, und es kommt blos auf dich an, ob du es ergreifen willst." Er offenbarte sich ihm nun ganz und sagte ihm zugleich, daß schon mehrere Leute um dieses Geheimniß wüßten, die alle bereit waren, das Geldkärrnchen bei einer schicklichen Gelegenheit anzugreifen und erbot sich, wenn ihr Vorhaben gelungen, so solle er auch seinen Theil davon haben. „Wenn ihr es nur schon hättet, was läge mir daran, entgegnete Volk; jedoch, fuhr er fort, ich will dem jedesmaligen Landschützen, der den Wagen begleitet, das Blei aus der Flinte ziehen, damit von Euch keiner geschossen werden kann, und, sollte ich es eskortiren, so will ich mich ohne alle Gegenwehr gefangen geben."

Die Theilnehmer

So war auch dies Hinderniß aus dem Wege geräumt und nichts mehr übrig, als noch mehrere Theilnehmer in das Geheimniß zu ziehen und zur Ausführung der That zu gewinnen. Sie fanden ihre Leute. Das ganze Complott bestand schon nach einem Vierteljahre aus neun Helfershelfern. Diese waren:
David Briel von Dexbach;
der Landschütze Volk; 3)
Hans Jacob Geiz von Kombach;
seine Söhne Heinrich Geiz und Jacob Geiz;
Wege von Kombach;
Wege von Wolfsgruben
Johannes Soldan von Kombach;
Ludwig Acker von Kombach.

Sechs Fehlversuche

Welche gefährliche, ja unverbesserliche und für alles Gute erstorbene Menschen dieses Complott in sich faßte, mag schon daraus hinlänglich hervorgehen, wenn man bedenkt, daß diese Menschen schon sechsmal zur Begehung dieses Verbrechens ausgegangen waren, ohne sich abschrecken zu lassen und auf den Weg des Rechts wieder zurückzukehren. Auf den ersten Weihnachtstag 1821 wollten sie den Postwagen zum erstenmal in der Gegend von Eifa angreifen. Als sie auf dem Wege dahin nach Eckelshausen kamen, langte ein Brief an Jacob Geiz an, worin ihm David Briel schrieb, daß jetzt aus der Sache nichts werden könne, indem das Geldkärrnchen diesmal von zwei Gensdarmen begleitet werde. Nun blieb die Sache ruhig bis gegen Frühjahr, wo sie wieder in der Gegend von Eifa die That auszuführen beschlossen. Da jedoch auf dem Hinweg Schnee gefallen war, und sie deshalb befürchteten, durch die Spur verrathen zu werden, so kehrten sie auch hier wieder unverrichteter Sache zurück. Nach Verlauf von einiger Zeit gingen sie nochmals in die nämliche Gegend, wo aber die That auch nicht zu Stande kam, weil sie sich einander im Walde verfehlt hatten. Kurz vor Ostern gingen sie dann in die Subach, wo sie wieder unverrichteter Sache abziehen mußten, weil das Geldkärrnchen an diesem Tage die Nacht über in Gladenbach blieb. Nach Ostern begaben sie sich in den Krofdorfer Wald und lauerten da der Ankunft des Wagens auf, konnten aber wegen vieler Rekruten, die gerade damals sich bei dem Postwagen befanden, wieder nicht ankommen. Drei Wochen vor Pfingsten wollten sie es nun abermals in der Subach versuchen, wurden aber dadurch abgehalten, weil Jost Wege von Kombach, der später auf den Platz traf, seine Raubgenossen benachrichtigte, daß sich jetzt kein Geld auf dem Wagen befinde.

Die Ausführung der That

Nun beschlossen sie zum siebentenmal die Ausführung dieser That. Alle Theilnehmer versammelten sich an dem Samstag vor Pfingsten, als den 18. Mai, in dem Hause des Hans Jacob Geiz. Hier wurden die Verabredungen zur Ausführung des Plans, wobei Heinrich Geiz das Wort führte, besprochen, die Rolle eines Jeden vertheilt, sodann fünf Pistolen mit Kugeln und dickem Schrot geladen und in einen Büchsenranzen gesteckt. Larven, die sie schon lange vorher gekauft hatten, sowie Stricke und Lappen und eine Axt, thaten sie in einen andern Büchsenranzen. So gingen nun Alle, mit Ausnahme des Hans Jacob Geiz und Wege von Wolfsgruben, welche erst andern Tags nachkamen, am 18. Mai in der Nacht um zehn Uhr von Kombach weg, drehten sich rechts um das Dorf und wendeten sich bei Dautphe auf die Chaussee hin. Gladenbach rechts, Mornshausen links lassend, begaben sie sich dann in den Wald, die Subach, und trafen Morgens um zwei Uhr auf den Platz, wo der Angriff beschlossen war, ein. Rechts im Gebüsche, wenn man von Gladenbach kommt, lagerten sie sich und erwarteten so den Morgen. Bei Anbruch des Tags kamen auch Wege von Wolfsgruben und etwas später Hans Jacob Geiz an, und da Letzterer die Rolle eines Wächters übernommen hatte, so nahm er gleich den Platz auf der Höhe des Hohlwegs ein, von wo aus man die Gegend übersehen und wahrnehmen konnte, wenn das Geldkärrnchen komme. Johannes Soldan war bestimmt, die Büchsenranzen und Hüte seiner Kameraden zu tragen und stellte sich in die Nähe des Hans Jacob Geiz. Nun banden sie ihre Larven vor, wechselten ihre blauen Kittel mit andern alten Kleidern, ihre Hüte mit Kappen verschiedener Farbe, legten sich darauf in das Gebüsch nieder und tranken sich tapfer mit Brantwein zu. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne stand schon hoch und verkündete den Mittag - da meldete Hans Jacob Geiz die Ankunft des Wagens und sogleich nahmen sie jetzt ihre Posten ein. Heinrich Geiz und sein Bruder Jacob sprangen auf die linke Seite der Hohle in das Gebüsch. Die Andern blieben auf der rechten Seite versteckt. So mit Herzklopfen ihre Beute erwartend, standen sie zum Angriff bereit, und als sie sich auf eines Sprunges Weite näherte, da fielen Heinrich Geiz, sein Bruder Jacob, der auch gleichzeitig seine Pistole abfeuerte, über den Landschützen her. David von Dexbach und Wege von Wolfsgruben bemächtigten sich des Postilions Müller und verfuhren nun so unmenschlich mit ihnen, wie wir bereits beschrieben. Acker fiel sogleich den Pferden in die Zügel und fuhr den Wagen auf die linke Seite in das Gebüsch. Nachdem er den Kasten heruntergeworfen, kam schon wieder David von Dexbach zurück und holte die mitgenommene Axt, um den Deckel des Kastens einzuschlagen. Da nun nach einigen Schlägen der Stiel derselben brach, so sprang Heinrich Geiz zu dem Wagen hin und schnitt die an demselben sich befindliche Axt los, bei welchem Geschäft er seine Messerklinge zerbrach. Nach einigen Hieben stürzte der Deckel des Geldkastens ein, darauf nahmen sie das in Tüchern und Beuteln bepackte Geld heraus und theilten es in die Büchsenranzen ein; Acker, der allein keinen Büchsenranzen hatte, nahm seinen Antheil wie einen Quersack auf beide Schultern. Nur einen großen Sack voll Geld, der selbst dem starken Wege von Kombach zu schwer war, um ihn fortschleppen zu können, ließen sie zurück und versteckten ihn in eine hohle Eiche. Hans Jacob Geiz verbarg die Flinte des Landschützen, die auf dem Wagen gelegen, in einen Busch und er war es auch, der des Landschützen Tabacksbeutel, sowie sein Schnupftuch mitnahm, in der Meinung, daß diese Stücke einem seiner Kameraden gehörten. Hierauf entkleideten sie sich, zogen wieder ihre blauen Kittel an und versteckten ihre alten Kleider in dieselbe Eiche bei den Sack voll Geld. Jacob Geiz, Wege von Wolfsgruben und Soldan schlugen den Weg nach Erdhausen ein. Hans Jacob Geiz und sein Sohn Heinrich, Acker, David Briel und Wege von Kombach gingen über ein Wiesengründchen durch den Wald, die Subach, und als sie ihn durchschritten, nahmen sie ihren Weg wieder über eine kleine Wiese, dann über einige Aecker durch einen Wald, den sie gerade durchgingen, drehten sich an dessen Ende links herum, und, Riegenbach rechts, Mornshausen links lassend, gelangten sie noch durch zwei Wälder und kamen Nachts zwischen 10 und 11 Uhr im Kombach wieder an. Das Geizische Haus war auch jetzt wieder der Ort, wo sie alle zusammenkamen. Hier wurde nun das Geld in ein Fäßchen geschüttet und die ganze Summe, so wie eines jeden Antheil von Heinrich Geiz berechnet, dann theils in Rollen, theils Stück vor Stück getheilt. Ein Jeder erhielt für sein Theil die Summe von 800 fl., die sie dann nach Hause trugen, Acker allein nahm nicht soviel mit. Ihn, der nach der Theilung einmal vor die Stubenthüre ging, hatten die Uebrigen während dieser Zeit um 100 fl. bestohlen. Das Geld verschwendeten sie nun zum Theil, oder vergruben es in der Nähe von Kombach auf verschiedene Aecker. Heinrich Geiz trug seinen Antheil zu verschiedenen Zeiten in seine Heimath nach Mühlheim und versteckte es in den Garten seines Schwiegervaters zwischen eine Bretterwand. Wege von Wolfsgruben verbarg sein Geld auf der Lustwiese bei Wolfsgruben. In ihren Geständnissen bezeichneten sie die verborgenen Stellen, an welchen man noch ohngefähr die Summe von 1500 fl. vorfand.

Flucht ins Ausland

David Briel von Dexbach, der Stifter dieses Complotts, entfloh dem Arme der Gerechtigkeit dadurch, daß er sich noch zu rechter Zeit einen Hausierschein ins Ausland geben ließ, den man ihm ohne Anstand ertheilte, da derselbe einen ausgebreiteten Strumpfhandel trieb und damals noch ganz verdachtlos war.

Selbstmord im Gefängnisse

Der Landschütze Volk wurde gleich nach dem Ackerschen Geständnisse festgehalten und aus Mangel an Platz im Criminalgefängniß in die Kaserne bei Giessen gebracht. An einer dunklen Stelle auf dem Gange, benutzte er den Augenblick, als man die Thür seines Gefängnisses aufschließen wollte, und schoß sich, der Hand des Henkers vorgreifend, eine Kugel durch das Herz. Auch Soldan endete als Selbstmörder. Kurz vorher, als auf ihn bekannt worden war, erdrosselte er sich in seinem Gefängnisse.

Das Urtheil

Nach beendigter Untersuchung wurden die Akten an die höhere Behörde, das Großherzoglich Hessische Hofgericht zu Giessen, zur weiteren Beschließung übergeben. Herr Hofgerichtsrath Dr. Pilger, dieser als Gelehrter, so wie als Mensch gleich achtbare, würdige und verdienstvolle Mann, war Referent in dieser wichtigen Sache, und trug, nachdem die Vertheidigungen der Verbrecher gehörig geführt waren, in zwei aufeinander folgenden solennen Sitzungen, am 24. und 25. März 1824, diesen Criminalfall dem Gerichthofe zur Entscheidung vor. Das Gesetz erkannte auf Tod und das Hofgericht fällte demnach folgendes Urtheil:

In Untersuchungssachen gegen Hans Jacob Geiz, Heinrich Geiz, Jacob Geiz, Jost Wege und Ludwig Acker, sämtlich von Kombach, wird auf amtspflichtiges Verhör, geführte Vertheidigung und aus den Akten erstattete Vorträge hierdurch zu Recht erkannt: „daß dieselben wegen des an dem Gladenbacher Geldkarrn begangenen Straßen-Raubs durch das Schwerdt vom Leben zum Tod zu bringen, sodann in den Ersatz der Untersuchungskosten und der an dem geraubten Geld fehlenden Summe unter solidarischer Verbindlichkeit zu verurtheilen seyen."

Dessen zur Urkunde etc. So geschehen Giessen, den 25. März 1824.

(L.S.)

Gegen das Urtheil ergriffen die Defensoren der Verurtheilten die Appelation an das höchste Landestribunal, Oberappelationsgericht zu Darmstadt. Allein dieser Gerichtshof bestätigte das Urtheil in allen seinen Theilen und sandte es zur Allerhöchsten landesherrlichen Genehmigung ein.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen und bei Rhein, unser gerechtigkeitsliebender Landesvater und Fürst, ließen dem Gang des Gesetzes freien Lauf und genehmigten das Urtheil.

Die Exekution

Der 7. Oktober 1824 war zum Tag bestimmt, an dem die Vollstreckung des Todesurtheils statt finden sollte. Herr Criminalrichter Danz, beauftragt, die Exekution zu leiten, begab sich drei Tage vor diesem Tage in das Gefängniß der Verurtheilten, ließ sie alle in eine besondere Stube bringen, hier von einem Kommando Soldaten einen Kreis um sie schließen und ihre Fesseln lösen. Jetzt war ihnen endlich der Zeitpunkt erschienen, wo sie Gewißheit ihres Looses erhalten, wo die Würfel zwischen Leben und Tod fallen sollten. In banger Erwartung sahen die Sünder ihren ernsten Richter das Blatt entfalten, stumm und erwartungsvoll auf seine Lippen, die auf sie herab das Schicksal ihrer Zukunft sprechen sollten. „In dreimal 24 Stunden, sprach sein Mund, werdet ihr durch's Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht; bereitet Euch darauf vor und söhnt Euch mit Gott und der Menschheit aus!" Zermalmt von dem Worte, das dem Menschen raubt, was ihm auf Erden am liebsten gewesen, und überdenkend den Jammer, den er über Weib und Kinder ausgeschüttet, stürzte einer der Verurtheilten, Heinrich Geiz, im ersten Anfall von Verzweiflung auf den Herrn Criminalrichter Danz, wie ein Rasender los und konnte nur durch das Dazwischentreten der Wache wieder zur Ruhe gebracht werden. Die wenigen Tage, die den dem Tode Geweihten noch zugemessen waren, verlebten sie unter trostgebendem Zuspruche von drei Geistlichen. Der allgemein verehrte Herr Stadtpfarrer Dr. Engel zu Giessen, so wie der würdige Herr Inspektor Brummhardt von Langgöns und Herr Pfarrer Starck von Ostheim übernahmen den hohen Beruf, sie auf diese nahe und letzte Reise vorzubereiten. Die Religion, die auch dem Gefallenen ihren Stab noch reicht, um sich an ihm wieder glaubensvoll emporzurichten, stärkte sie durch den Trost, durch wahre innige Reue ihrem Gotte wieder geschenkt zu werden. So ging zum letztenmal die Sonne für sie auf, der Morgen brach an, der zugleich den Abend ihres Lebens begrenzen sollte. Auf dem Marktplatze vor dem Rathhause standen schwarz aufgeschlagen die Schranken, von Soldaten umringt, und um sie herum drängte sich mit dumpfen Getöse die Menge. Die Glocke rief acht, da wurde ein Tisch, schwarz behangt, in die Schranken gestellt und ihn umstanden schwarz beflorte Stühle. Auf ihnen nahmen Platz der Herr Criminalrichter Danz, neben ihm zwei Criminalgerichtssekretären und die Vertheidiger der Verbrecher. Darauf erhob sich der Richter, gebot, sich zu dem Volke wendend, Ruhe, und eine feierliche Stille herrschte im ganzen Umkreis. Hierauf erzählte er kurz die Verbrechen der Verurtheilten, die jetzt zum Tode geführt werden sollten. Während dieser Zeit umgaben die Geistlichen die Sünder in ihrem Gefängniß und ermahnten sie, mit Reue und Ergeben in ihr Schicksal diesen letzten Gang zu gehen. Nachdem die Verurtheilten darauf das heilige Abendmahl, das sie sehnlichst gefordert hatten, mit christlicher Reuung unter einem Strom von Thränen genossen, verließen die Herrn Geistlichen sie, damit sie diese wenigen Augenblicke ihres Lebens ihrem Gotte widmen mögten, vor dessen Richterstuhl sie in wenigen Stunden Rechenschaft ablegen sollten. Da schlug es neun. Unter dem traurigen Geläute der Sterbeglocke näherten sich, begleitet von den Geistlichen, unter militairischer Bedeckung die Sünder den Schranken und dem Tische, worauf ihr Todesurtheil lag, dessen Lade ihre Todesstäbe einschloß. Hier angekommen, stellten sie sich Hand in Hand an die eine Seite des Tisches und unter ihnen ein Vater neben seine zwei Söhne. Der Richter erhob sich sodann, rief ihnen nochmals ihre früheren Vergehen in's Gedächtnis und sagte ihnen, daß jetzt die Stunde ihrer Strafe mit dem Schwerdte zum Tode gekommen sey. Dann nahm er die schwarzen Stäbe aus dem Tische, brach einem Jeden den seinen und warf ihnen mit den Stücken nun alle Hoffnung des Lebens zu Füßen. Nun brach man zum Richtplatze auf und strömend begleitete eine große Menschenmasse den Zug. Mit langsamem Schritte schwankten, geführt von ihren Seelsorgern, die Verbrecher der Richtstätte immer näher und näher. Angelangt am Blutgerüste, ließen sie sich auf eine Bank nieder, demüthigten sich vor dem Allmächtigen in reuigem Gebete und flehten zu ihm um Gnade. Hierauf bestieg Acker zuerst die Stufen des Schaffotts, entkleidete sich selbst und ließ sich standhaft auf den Stuhl nieder, den Todesstreich zu empfangen. Sein Haupt fiel auf den ersten Hieb. Ihm nach folgte Wege und starb mit gleicher Fassung. Nun traf Jacob Geiz die Reihe. Fest umschlungen lag er in den Armen seines Vaters und Bruders und nahm einen herzzerreißenden Abschied von ihnen. Gestärkt durch den Trost der Religion, ging auch er den Weg mit Ruhe - und ein Hieb endigte sein Leben. - Seinem Bruder sollte Heinrich Geiz folgen. Er riß sich laut weinend von dem Halse eines verzweifelnden Vaters los, der dumpf vor sich hinstarrend keine Worte seines Schmerzes hatte. Auf dem Schaffotte hob Heinrich Geiz sein Sacktuch in die Hohe und zerriß es mit den Worten: „Zerreißt mein Leben, so sollst auch du zerreißen!" Dann setzte er sich gelassen nieder und starb einen standhaften Tod. Jetzt bestieg Hans Jacob Geiz das Blutgerüste. Mit schrecklichem Schaudern sah er auf den Stuhl, wo seine Kinder sich verblutet und ließ sich dann halb ohnmächtig auf ihn nieder. Ein Schwerdtstreich trennte sein Haupt vom Rumpfe.

Aktenmäßig ausgezogen und bearbeitet von Carl Franz, Criminalgerichtssekretär zu Giessen, Giessen 1825

Siehe auch

Historische Nachrichten · Aktuelle Ereignisse · Besonderheiten · Das Geheimnis der Sieben Wege · Geschichte · Lohra · Veranstaltungskalender

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