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Alte Straßen in Hessen

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Alte Straßen in Hessen

Inhaltsverzeichnis

Altstraßenforschung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit (1250 - 16.Jh.)

Wenn man die Routen der Pilger des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit nach Rom und Santiago durch Mitteleuropa festlegen will, so stößt man auf Schwierigkeiten, die durch die besondere Quellenlage dieser Zeit bedingt sind:

Im Idealfall sind noch Geleitbriefe für Pilger vorhanden oder es liegen Berichte von Pilgern vor, in denen Wegstrecken und Orte auf deren Pilgerfahrt genannt werden. Dies gilt aber erst für das ausgehende Mittelalter und in erster Linie für Rompilger wie den Grafen von Hanau - Lichtenberg, Landgraf Wilhelm den Älteren oder Balthasar Schrautenbach aus Marburg.

Allerdings werden solche Wegbeschreibungen der Pilger meist erst jenseits der deutschen Grenzen konkreter.

Andere mögliche Quellen wie Zolltarife, Geleitbriefe für Santiago-Pilger mit Hinweisen auf die gewählte Route sind rar und wenig ergiebig für die Festlegung von konkreten Wegstrecken. Nachweise von Hospizen und Herbergen, in denen Pilger nächtigen konnten, muss man als unsicher einstufen.

Selbst der Nachweis von Jakobsbruderschaften und Jakobspatrozinien an bestimmten Orten ist kein hinreichender Hinweis auf den Verlauf der Pilgerrouten. Es gab im Spätmittelalter in vielen Städten Mitteleuropas eine oder sogar mehrere Jakobsbruderschaften. In verschiedenen Jakobsbruderschaften waren zwar nachweislich Santiagopilger vertreten; das galt aber bei Weitem nicht für alle Jakobsbruderschaften. Ohnehin kann aus der Existenz einer Jakobsbruderschaft in einer Stadt nicht auf eine bestimmte Route geschlossen werden. Angesichts dieser lückenhaften und unsicheren Quellenlage über Pilgerfahrten und Pilgerwege greift die Pilgerwegsforschung auf die Ergebnisse der Altstraßenforschung zurück, d.h. die Ermittlung des Verlaufs von Heer-, Geleit- und Messestraßen, für deren Existenz es zahlreiche archäologische und schriftliche Nachweise gibt. Man geht in der Pilgerwegforschung davon aus, dass die Pilger diese „Infrastruktur“ benötigten, dass die Herbergen, Hospize und Kirchen, in denen sie Einkehr hielten, an diesen Straßen lagen.

Überblick über die (hessischen) Altstraßenforschung

Eine wichtige Grundlage der Altstraßenforschung sind die Itinerarien, die Hauptorientierungsmittel des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reisewesens. Dies sind Wegverzeichnisse in Listenform mit Stations- und Entfernungsangaben, wie sie schon in spätrömischer Zeit üblich waren. Außerdem nutzt die Altstraßenforschung erste um die Wende zum 16. Jahrhundert entstandenen Karten. Die ältesten dieser Karten mit direkter Straßen- und Entfernungskartierung sind die in Nürnberg von Erhardt Etzlaub geschaffene „Romweg-Karte“ (um 1500) mit Marburg als „Ausgangspunkt eines über Augsburg nach Rom führenden Pilgerweges“ (Marburg- Gießen-Butzbach- Friedberg- Frankfurt...) sowie Etzlaubs „Landstraßenkarte“(1501).

Des Weiteren sind frühe Reiseaufzeichnungen wie der Bericht über die Reise des Landgrafen Wilhelms des Älteren von Dietrich von Schachten aus dem Jahr 1491 (Kassel - Borken - Marburg - Gießen - Butzbach - Frankfurt), Balthasar Schrautenbachs Romreise - Abrechnungsbuch (1498) und v. Eckloffsteins Visitationsbericht über die Strecke Marienburg - Frankfurt für die Forschung von Bedeutung, da sie einzelne hessische Städte angeben.

In den folgenden Jahrhunderten wurden solche Belege zahlreicher und dadurch wurde es möglich, aufgrund solcher Angaben zwar keine genauen Karten, aber doch Routen festzustellen, die im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit von Reisenden und Kaufleuten benutzt wurden.

Zur genaueren Feststellung der Straßenverläufe wurden und werden Flurnamen und Beobachtungen durch Geländebegehung (Hohlwegrinnen und -fächer), archäologische Funde (z. B. Überreste alter Straßenfestungen und Wachtürme) sowie Erkenntnisse aus der Luftbildarchäologie herangezogen. Denn ehemalige Straßenverläufe sind im Luftbild an einer anderen Färbung des Bodens oder im freien Gelände an Schlagschatten von Bodenwellen, die noch auf alte Hohlwege hindeuten, zu erkennen.

Charakteristika der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Straßen

Die frühen Fernverbindungen waren ursprünglich alte Heerstraßen und entstanden zur Zeit Karl Martells, zumindest aber zur Zeit Karls des Großen.

Ab 772 ist zum Beispiel die „Weinstraße“ belegt als Aufmarschstraße für die Sachsenkriege in den heutigen Paderborner Raum. Sie war gesichert durch eine Reihe von so genannten „Straßenfesten“. Ab dem 12. Jh., als sich die Städte entwickelten, entstanden vorwiegend Handels- und Messestraßen bzw. wurden bestehende Heerstraßen zu Handels- und Messestraßen.

Typisch für den Verlauf dieser alten Straßen war, dass sie ursprünglich vorwiegend Höhenstraßen waren, denn in Hessen waren die Talniederungen meist sumpfig. Die sich in den Tälern entwickelnden Städte mussten durch Zubringerstraßen angeschlossen werden (vgl. Marburg). Zwischen dem 13. Jh. und 15. Jh. wurden auch zu den Höhenstraßen parallele Hang- und Talstraßen benutzt, weil die Zeiten im Hl. Römischen Reich dt. Nation sehr unsicher waren.

Im Laufe des 16. Jh. kehrte der Fernverkehr jedoch wieder auf die älteren Höhen- und Hangstraßen zurück.

Die Straßen des Mittelalters bestanden meist aus vielen nebeneinander verlaufenden „Rinnen“ und waren nicht, wie einst die Römerstraßen, befestigt. Gab es zu viele Löcher und Kuhlen, eröffneten Fuhrwerke direkt neben der bisherigen eine neue Spur. Teilweise gab es bis zu 16 Spuren nebeneinander, z.B. bei den mittelalterlichen Salzstraßen, wie man heute noch in Waldstücken erkennen kann. Nur in sumpfigen Gegenden und in der unmittelbaren Nähe von Städten gab es gelegentlich Steinstraßen, also gepflasterte Straßen.

Erst seit dem 18. Jh. wurden die sumpfigen Talniederungen durch den Bau von höhergelegten Chausseen mit entsprechendem Unterbau erschlossen.

Mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hauptverbindungen durch Hessen

Zu den Hauptverbindungen durch Hessen gehören die so genannten „Langen Hessen“, die für die Pilgerfahrten nach Santiago in dieser Region als Hauptroute angenommen werden müssen. Neben den „langen Hessen“ sollen auch die anderen alten Hauptverbindungsstraßen durch Hessen genannt und erläutert werden, weil auf diesem Wege auch Pilger aus verschiedenen Regionen auf die „langen Hessen“ gelangen konnten.

Das Straßennetz südlich des Mains und westlich von Frankfurt wird aus Gründen der Übersichtlichkeit weggelassen.

Die so genannte „Weinstraße“ (hessisch für Wagenstraße) von Paderborn nach Mainz verlief über Obermarsberg - Korbach - Frankenberg - Wetter - Wehrshausen westlich von Marburg - Niederweimar - Niederwalgern - Fronhausen - vorbei an Salzböden - Staufenberg - Gießen - Butzbach - Friedberg entlang des Taunus in Richtung Frankfurt und Mainz

Parallel dazu verlief die „Fritzlarer Straße“ von Norden über Fritzlar - Jesberg – den Rand des Amöneburger Beckens - Staufenberg - das östliche Lahnufer in Richtung Wetterau.

Nach schriftlichen und/oder archäologischen Hinweisen wurde eine der beiden Parallelstrecken genutzt

- auf dem Kriegszug des Germanicus gegen die Chatten (1. Jh. n. Chr.)

- durch christliche Missionare (über Amöneburg)(8. Jh.)

- durch fränkische Truppen gegen die Sachsen (8.Jh.)

- als wichtige Pilgerstraße nach Rom (seit 11. Jh.)

- als wichtige Reichsstraße (im 14. Jh.)

Die „Hohe Straße“ von Thüringen zum unteren Maingebiet führte von Leipzig über Erfurt - Eisenach - Vacha - zwischen Kinzig und Nidder - südöstlich des Vogelsbergs nach Gelnhausen Parallel dazu verlief die Nidder - Straße.

Bezeugt ist die Nutzung dieser Straße

- als Heerstraße bei Eroberung Thüringens (6. Jh.)

- als Handelsweg nach Thüringen

- als Missionsroute (Lebensbeschreibung des Sturmi, Abt von Fulda, 8. Jh.)

- durch einen Münzenfund(12. Jh.)

- als Messestraße zwischen Frankfurt und Leipzig (seit der frühen Neuzeit)

Die West-Ost-Verbindungen zwischen den oben genannten großen Straßen sind die so genannten „langen“ und „kurzen Hessen“. Die Bezeichnung „lange“ und „kurze Hessen“ wurde ursprünglich nur in der Mitte des 16. Jh. bei Verhandlungen um das Messegeleit von Frankfurt nach Leipzig (und umgekehrt) zwischen dem Kurfürsten v. Sachsen und Philipp der Grm. sowie dessen Sohn Wilhelm verwendet.

Von den „kurzen Hessen“, die an die Leipziger Messestraße anschließen und nach Frankfurt führen, gab es ebenfalls mehrere Streckenführungen. Einer der Straßenzüge führte von Vacha über Bad Hersfeld - Lauterbach - Romrod - entlang dem Vogelsberg und durch die Wetterau nach Frankfurt.

Eine andere Variante führte über Alsfeld und Grünberg.

Bezeugt ist, dass 1363 zu einem Reichstag auf dieser Strecke Kaiser Sigismund. 1521 nahm Martin Luther diese Strecke nach Eisenach.

Die „langen Hessen“ zweigten ebenfalls von der Leipziger Straße ab und führten über Eisenach - Creuzburg (bzw. Eschwege) - Waldkappel - Spangenberg - Homberg - Treysa - Momberg - Erksdorf - Kirchhain - Wittelsberg - Ebsdorfer Grund - Staufenberg nach Gießen, wo dieser Strang der langen Hessen in die „Weinstraße“ einmündete.

Es ist bezeugt, dass die „langen Hessen“ ursprünglich nicht über Kirchhain, sondern bis ins 15. Jahrhundert von Treysa über die Sandherberge - nördlich von Neustadt - durch das Gebiet des heutigen Stadtallendorf - über die Klein - durch den Brücker Wald – über die Ohmenge an der Brücker Mühle und östlich der Amöneburg in Richtung Wittelsberg verliefen.

Die Landgrafen von Hessen sorgten im Zuge der Auseinandersetzungen mit dem Erzbistum Mainz dafür, dass die Handelsstraße vom Mainzischen auf hessisches Gebiet gezogen wurde.

Eine weitere, ältere Variante der „langen Hessen“ im Marburger Raum, die nach 1250 an Bedeutung verlor, war der „Balderscheidter Weg“ oder „Lahnhöhenweg“. Aus Richtung Fritzlar kommend führte diese Straße über das heutige Schönstadt - zwischen Anzefahr und Bürgeln über die Ohm - auf der Lahnhöhe westlich an Schröck, Moischt und an der Burg Frauenberg vorbei in Richtung Staufenberg.

Bezeugt ist, dass auf den „langen Hessen“ u.a. 1363 Karl IV. von Dresden über Eisenach nach Frankfurt reiste und dass Martin Luther 1529 diesen Weg zum Religionsgespräch nach Marburg nahm.

Die „niederrheinische Straße“ führte von Köln über das Siegerland - Marburg – südlich der Amöneburg bzw. Kirchhain auf die „langen Hessen“ und die „Leipziger Handelsstraße“.

Auch von dieser Straße gibt es mehrere Varianten:

- Herborn - Salzböden - Niederweimar - Marburg (älteste Variante der Köln- Leipziger Handelsstraße)

- Herborn - Niederweidbach - Altenvers- Stedebach - Niederweimar - Marburg

- Gladenbach - Hermershausen - Ockershausen - Marburg

- Siegen/Erndtebrück - Niederasphe - Wetter - durch den Burgwald (südlich Rosenthal) - Treysa (ältere Variante der „Köln - Leipziger - Straße“)

- Siegen - Erndtebrück - Laasphe - Biedenkopf - Caldern - Marburg (jüngere „Köln - Leipziger“ oder „Niederrheinische Straße“).

In die südlichste dieser Varianten der Köln - Leipziger - Straße mündete die von Koblenz über Weilburg kommende Wetzlarer Straße.

Marburg im Netz der Straßen

Nach Etzlaubs Romwegkarte von 1500 bildete Marburg ein wichtiges Straßenkreuz.

Dennoch lag bei näherer Betrachtung Marburg nicht direkt an den „langen Hessen“, sondern zwischen zwei Höhenstraßen, der „Weinstraße“ im Westen und den „langen Hessen“ im Osten.

Ursprünglich gab es folgende Zubringerstraßen nach Marburg:

Von Osten führte bis ins 15. Jahrhundert eine Zubringerstraße von den „langen Hessen“ her über die Ohmfurt bei der Brücker Mühle - südlich der Amöneburg über die „Alte Wellerstraße“ - vorbei an Kleinseelheim - zwischen Schröck und Großseelheim über den Heiligenbornbach - nördlich von Schröck über den „Judenweg“ - über die Lahnberge und den heutigen Kaffweg hinab zur Lahnfurt bzw. zur späteren Weidenhäuser Brücke.

Nach der Verlegung durch die hessischen Landgrafen verlief diese Zubringerstraße von Kirchhain über Bauerbach - die Lahnberge - den „Alten Kirchhainer Weg“ und die Weidenhäuser Brücke nach Marburg.

Von Süden, aus Richtung Niederweimar kommend, verließ man an einer Abzweigung nahe Wehrshausen die „Weinstraße“ und kam über den Höhenrücken des Rotenbergs nach Marburg; eine jüngeren Variante führte über Ockershausen (Gladenbacher Str.) nach Marburg.

Die von Südwesten kommende „Köln-Siegener Straße“ mündete in die „Weinstraße“, verließ diese ebenfalls an der oben genannten Abzweigung bei Wehrshausen und führte über die Höhe (Sellhof, Rotenberg) direkt nach Marburg.

Eine spätere Variante ist die Straßenverbindung über Ockershausen:

Von der ältesten Marburger Stadtdurchfahrt weiß man, dass sie vom Fronhof über den Hirschberg - den Markt - die Mainzer Gasse - den Roten Graben zum Deutschen Haus verlief.

Die Durchfahrt durch Marburg war gefürchtet wegen ihres für die schweren Frachtwagen schwierigen Anstieges durch die Oberstadt. Schwierig waren auch die erheblichen Steigungen in Richtung Osten über die so genannte „Kaff“ bzw. den „Alten Kirchhainer Weg“ und in Richtung Westen und Südwesten über Ockershausen oder den Rotenberg. Eine mögliche Alternative, der Weg entlang der Lahn über Gisselberg und den Pilgrimstein, war, weil er durch die sumpfigen Talniederungen führte, häufig nicht befahrbar.

Um 1300 entstand eine Stadtdurchfahrt über Wilhelmsplatz - Markt - Elisabethkirche, die aber ebenfalls eng und schwierig war.

Der Fernverkehr versuchte deshalb Marburg zu umgehen. Im 16. Jh. gab es verschiedene Eingaben des Marburger Magistrats an die Regierung in Kassel um mehr Frachtverkehr zur Gewinnung von Zöllen und Belebung des Handels in die Stadt zu ziehen. Ein Umgehungsverbot durch den Landesherrn konnte aber nicht erreicht werden.

Siehe auch

Straßen · Für Neugierige · Großgemeinde · Geographie · Link-Service · Literatur · Recherche

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